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Expertin: Diese Geheimnisse sollte man sich in einer Beziehung bewahren

GQ-Logo GQ 21.11.2020 Mimi Erhardt
mimi-erhardt-kolumne-geheimnisse-beziehung.jpg © Getty Images mimi-erhardt-kolumne-geheimnisse-beziehung.jpg

„Vom vielen Fernsehen bekommst du noch viereckige Augen.“ „Wenn die anderen von der Brücke springen, springst du dann auch?“ „Wenn du den Kern einer Wassermelone verschluckst, wächst in deinem Bauch ein Wassermelonenbaum.“

Als Kind der Achtziger wuchs ich mit vielen Sprüchen von Elternseite auf, die ich spätestens als Teenager entweder als geschickte Manipulationsversuche oder Quatsch entlarvte. Na gut, ich würde bis heute im Leben keinen Wassermelonenkern verschlucken, sicher ist sicher. Doch an einer Weisheit, die meine Mutter mir mit auf den Weg gab, halte ich bis heute fest: „Kind, man darf alles essen (bis auf Wassermelonenkerne), aber nicht alles wissen.“

Sie sagte das nicht, um nervende Fragen ihrer neugierigen Tochter zu unterbinden. Stattdessen verwendete sie den Satz immer dann, wenn sie ein Geheimnis mit mir teilte. Wenn Papa sie zum Beispiel fragte, wie viel das neue Kleid gekostet habe, das sähe so teuer aus und Mama antwortete, dass es ein Schnäppchen gewesen sei. Wenn ich dann leise anmerkte, dass sie gelogen habe, gab sie zu bedenken, es sei nur eine kleine Notlüge gewesen. Und sie sagte das von dem Alles-essen-aber-nicht-alles-wissen-Dürfen. „Man muss auch mal Geheimnisse voreinander haben. Das ist sogar wichtig, weil es die Liebe frisch hält“, war meine Mama überzeugt. Das wiederum fand ich sehr klug und auch ein wenig raffiniert.

Ich halte es bis heute so. Meine kleinen Geheimnisse sind mir heilig, auch, nein, besonders in Beziehungen. (Lesen Sie auch: "Ich bin pansexuell: Es ist die Liebesform einer neuen Zeit")

Jeder Mensch braucht seine Geheimnisse

Umso mehr irritierte es mich, als ich irgendwann zwischen dem ersten und dem zweiten Shutdown mit einem Freund in einer Bar saß und er mir von der offenen Beziehung eines Paares erzählte, das er via Tinder kennengelernt habe. „Die gehen ganz entspannt miteinander um“, so mein Freund. „Sie erlauben dem anderen sogar, jederzeit in ihr Handy zu schauen, damit sie immer sicher sein können, dass sie nichts voreinander verheimlichen.“

„Ist ja schlimm“, grummelte ich. „Entspannt finde ich das nicht, eher erzwungen.“

„Aber wenn es ihnen doch ein sicheres Gefühl gibt?“

„Ich denke nicht, dass das gut ist“, antwortete ich. „Jeder Mensch braucht seine Geheimnisse.“

Denn, und das wird in vielen Beziehungen so gerne übergangen: Man ist immer noch ein eigenständiges Ich, nicht nur ein Team, eine Gang, ein Wir. Und nein, ich will eben nicht alles mit meinem Partner teilen, möchte nicht, dass er über jeden meiner Schritte informiert ist, darüber, was ich wann mit wem unternehme, welche Memes und Videos ich meinen Freunden schicke und schon gar nicht, was ich denke und fühle, sofern er oder sie nicht involviert ist. Nennen Sie es Freiheitsdrang oder einfach eine gesunde Einstellung, aber ich möchte bitte auch als Teil einer Beziehung weiterhin ein eigenständiges Leben führen dürfen.

(Lesen Sie auch: Steht die Trennung kurz bevor? Das sagt die Schlafposition von Paaren über ihre Beziehung aus)

Ich würde vor Scham sterben, wenn jemand meine Google Search History sehen würde

Und warum auch nicht? Schließlich sprechen wir hier nicht von Lügen und Heimlichtuerei mit möglicherweise schwerwiegenden Konsequenzen. Es geht mir nicht darum, eine monatelange Affäre zu verschweigen oder etwas ähnlich Hinterhältiges. Wer an dem Punkt angelangt ist, sollte, nein, muss ehrlich zu einander sein.

Ich spreche vielmehr von Kleinigkeiten, die uns ein Grinsen ins Gesicht malen: Ein Kompliment von einem Fremden auf Instagram oder ein vertrautes Gespräch mit dem Ex an dunklen Tagen. Von Kopfkino. Ich spreche auch von Dingen, die uns unangenehm sein könnten, würde der andere davon erfahren. Ich sage Ihnen, sollte jemals jemand meine Google Search History einsehen, ich würde vor Scham sterben. Auch die Tatsache, dass meine neue Tasche mehr als eine Monatsmiete gekostet hat, würde ich meinem Partner ungern auf die Nase binden. Warum auch, war ja mein Geld. Bin ich dagegen mit mir alleine, freue ich mich darüber, mir so etwas Hübsches gekauft zu haben, ohne Reue und vor allem ohne unangenehme Fragen beantworten zu müssen („Wie viel hat die Tasche denn bitte gekostet? Die sieht ja mega teuer aus!“ „Äh, das täuscht, die ist ein Fake, und ich hab sie von Kleiderkreisel, haha“).

Die kleinen Geheimnisse, von denen ich sprach, sind überdies viel kostbarer als jede Designer Bag. Weil sie uns glücklich machen. Und weil ein glücklicher Partner, so glaube ich, ein weitaus besserer Partner ist als der, der frustriert sein Dasein fristet.

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Was bringt es uns, über alles Bescheid zu wissen?

Ich verstehe, dass es verunsichern kann, wenn der andere nicht jeden Bereich seines Lebens mit uns teilen möchte. Weil es sich wie Ausgeschlossenwerden anfühlt. Warum? Weil man uns beigebracht hat, dass man in einer Partnerschaft miteinander verschmelzen muss und dass es erstrebenswert ist, irgendwann die Sätze, die der andere anfängt, süß lächelnd zu beenden. Was für eine schreckliche Vorstellung, da bleibe ich lieber ein chaotischer Klumpen mit Profil, als in einem undefinierbaren Pärchen-Brei aufzugehen.

Aber ich schweife ab. Was bringt es uns, über alles Bescheid zu wissen? Wüsste ich, dass mein Mensch charmant auf DMs attraktiver Followerinnen antwortet, würde es mich irre machen. Ich würde jedes Wort analysieren, würde mich vergleichen und mit meiner Angst vor potentieller Konkurrenz selbst geißeln. Weiß ich dagegen von nichts und bleibt es bei kurzen, folgenlosen Chats, ist alles gut. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“ Noch so’n Spruch, Kieferbruch. Sorry, Steilvorlage.

Was ich mit diesem Text sagen möchte, ist dies: Gönnen Sie sich hin und wieder ein Geheimnis. Und Ihrem Partner ebenso. Solange man das Vertrauen des anderen nicht missbraucht und ihn betrügt (wie auch immer der Betrug geartet sein mag), ist alles gut. Eine kleine Heimlichkeit hier und da tut gut, Ihnen und Ihrer Beziehung. Lassen Sie sich bloß nichts anderes erzählen. Vergessen Sie nicht: Man darf alles essen, aber nicht alles wissen.

Mimi Erhardt ist Sex-Kolumnistin für GQ und GQ.de. Hier erfahren Sie mehr über die Autorin.

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