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Der Corona-Graben entzweit die Schweiz: Die unterschiedlichen Fallzahlen erklären ihn nur teilweise

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 24.05.2020 Antonio Fumagalli, Lausanne

Die Romandie wollte vermehrt den «harten» Lockdown und lässt die Kinder nur halbtags zur Schule. Dabei offenbaren sich altbekannte Muster.

Das Westschweizer Fernsehen RTS schickte kürzlich zwei Reporter auf Erkundungstour. Auftrag: dem Corona-Graben, so benannt in Anlehnung an den Röstigraben zwischen der Deutsch- und der Westschweiz, auf den Grund zu gehen. So schritten die Journalisten, mit einer Mischung aus Anerkennung und Ungläubigkeit, über den Landsgemeindeplatz von Appenzell und befragten auf der Suche nach Antworten die Lokalbevölkerung.

Der Schauplatz war natürlich nicht zufällig gewählt: Appenzell Innerrhoden liegt nicht nur kulturell maximal weit von den weltläufigen Ballungszentren am Genfersee entfernt, auch in Bezug auf Covid-19 könnte der Unterschied kaum grösser sein. Während der Kleinkanton am Fusse des Säntis bis anhin kein einziges Corona-Todesopfer zu beklagen hat und am 22. April die letzte Person positiv getestet hat, gehören Genf und die Waadt in absoluten wie auch in relativen Zahlen zu den meistbetroffenen Kantonen der Schweiz. Praktisch durchs Band sind die Fallzahlen in der Romandie – und im Tessin – höher als in der Deutschschweiz.

Sucht man nach Gründen, warum Infektionsherde in der einen Region auftreten und in der anderen weniger, ist eine gewisse Demut vor dem Zufall unabdingbar, wie ein Blick auf die Weltkarte zeigt. Es braucht nur ein paar sogenannte Superspreader, die mit entsprechendem Folgeeffekt zahlreiche weitere Personen anstecken. Das kann überall passieren. Doch das allein reicht nicht aus – zumindest Erklärungsansätze für die grössere Betroffenheit der Romandie (und des Tessins) gibt es durchaus: Der Austausch mit den Nachbarstaaten ist stärker, mit Ausnahme von Freiburg grenzen alle Westschweizer Kantone ans Ausland. Tritt dort ein Viren-Cluster auf, schwappt es schneller herüber.

Auch kulturell geprägte Faktoren spielen mit. Das lateinische Leben ist taktiler, man fasst sich eher einmal an, man gibt sich vermehrt Küsschen. Am Tag, nachdem das Tessin den ersten Covid-19-Fall kommuniziert hatte, begleitete die NZZ Waadtländer Arbeitsinspektoren bei ihrer Arbeit. Zur morgendlichen Begrüssung küsste der Vorgesetzte seine Mitarbeiterin auf die Wangen – und keine fünf Minuten später nochmals, als sie eines anderes Weges ging. Solch eine herzliche, aus virologischer Perspektive allerdings «gefährliche» Szene ist im beruflichen Umfeld in der Deutschschweiz kaum vorstellbar.

Der Ruf nach dem «harten» Lockdown

Für den Corona-Graben stärker sinnbildlich als die Erklärung für die Krise ist jedoch der Umgang mit ihr – denn da zeigte er sich erst richtig. Bevor der Bundesrat Mitte März den helvetischen Mittelweg proklamierte, war der Ruf nach einem «harten» Lockdown in der Romandie deutlich lauter hörbar als ennet der Saane. Sogar Staatsräte forderten damals mehr oder minder offensiv ein Modell à la Frankreich oder Italien. Bei der Umsetzung der landesweit geltenden Regeln massen die Sprachregionen teilweise mit unterschiedlichen Ellen – etwa im Umgang mit Baustellen oder Menschenansammlungen im öffentlichen Raum. Als Wochen später öffentlich darüber diskutiert wurde, wie schnell man Läden, Restaurants und Schulen wieder öffnen sollte, tat sich der Corona-Graben erneut auf. Eine Online-Petition, die sich gegen diese «verfrühten Lockerungsschritte» richtete, unterzeichneten über 20 000 Personen – grossmehrheitlich Romands.

In diesem Alltag leben wir nun. Während die Kinder in der Deutschschweiz – mit Ausnahme von Zürich und St. Gallen – wieder ganztägig zur Schule gehen (und damit ihren Eltern die Arbeit wieder besser ermöglichen), gilt in der gesamten Romandie bis auf weiteres Halbklassenunterricht. Auf Maturitätsprüfungen wird in der Westschweiz flächendeckend verzichtet. Freiburg, der einzige Kanton, der davon abweichen wollte, krebste nach wenigen Tagen zurück. Was in den letzten Tagen und Wochen besonders ins Auge sprang: In verschiedenen Deutschschweizer Städten formierten sich bunt gemischte Protestbewegungen gegen die Corona-Politik des Bundes, mit teilweise Hunderten Teilnehmern. Ähnliche Bilder suchte man in der Westschweiz vergeblich, obwohl hier die Demonstrationsfreudigkeit – die Klimabewegung zeigte es letztes Jahr eindrücklich – grundsätzlich ausgeprägter ist als in der stärker konsensuell orientierten Deutschschweiz.

Warum gibt es diese Unterschiede? Warum konnte es vielen Deutschschweizern kaum schnell genug gehen bei der partiellen Rückkehr in den Alltag, während Romands zu «patience», zur Geduld, mahnten? Am Komfort der eigenen vier Wände kann es nicht liegen – gemäss Bundesamt für Statistik wohnen in Genf pro Quadratmeter schweizweit am meisten Personen.

Genf und Lausanne sind nicht Bergamo oder Brooklyn

Die virologische Betroffenheit liefert sicherlich einen Teil der Erklärung. Man sollte das – oft kolportierte – Argument allerdings in die Relationen setzen: Genf und Lausanne sind nicht Bergamo oder Brooklyn. Eine Mehrheit der Bevölkerung kennt weiterhin niemanden oder höchstens über Ecken jemanden, der schwer an Covid-19 erkrankt oder gar verstorben ist. Heillos überfüllte Intensivstationen gab es zum Glück auch in der Westschweiz nicht.

Auch die Nähe zu Frankreich, die deutlich grösser ist als jene der Deutschschweizer zu Deutschland, spielt eine Rolle. Sie darf aber ebenfalls nicht überhöht werden. Im Allgemeinen grenzen sich die Romands ganz gern vom selbstbewussten Nachbarn ab. Bundesrat Alain Berset – ein Freiburger, wohlgemerkt – löste gar eine bilaterale Verstimmung aus, als er sich, wenn auch verklausuliert, über Frankreichs «Spektakelpolitik» mokierte, die für die Schweiz nicht funktionieren würde.

Ein Aspekt, der in der öffentlichen Deutung weniger beachtet wurde, ist das Vertrauen in die Autoritäten: Es ist in der Westschweiz ausgeprägter, insbesondere bei medizinwissenschaftlichen Erkenntnissen. Wenn der Arzt sagt, dass geimpft werden muss, wird dies seine Berechtigung haben. Und wenn die Experten des Bundesamts für Gesundheit zum Distanzhalten und Zuhausebleiben auffordern, stellt man diese Massnahmen weniger infrage. Das heisst nicht zwingend, dass man sie auch umsetzt, gemäss einer Sotomo-Studie machten die Romands jedoch überdurchschnittlich gut mit: Die Anzahl persönlicher Kontakte ging bei ihnen am stärksten zurück, und die Abstandsregeln wurden besonders ernst genommen. Zudem transportierten die Medien häufig diejenigen Stimmen, die zu epidemiologischer Vorsicht mahnten. Der Präsident der Westschweizer Lehrergewerkschaft etwa, der massgeblichen Anteil an der Einführung des Halbklassenunterrichts hatte, wurde sozusagen über Nacht zum Dauergast auf allen Kanälen.

In diesen Kontext passt, dass die Erwartung der Romands an den Staat eine andere ist als jene der Deutschschweizer. Die Auffassung, dass dieser zu uns zu schauen hat, koste es, was es wolle, ist verbreiteter. Dass die Schulden, die jetzt gemacht werden, von den kommenden Generationen getragen werden müssen und jeder Tag des wirtschaftlichen Stillstands auch soziale Kosten zeitigt, rückt angesichts der gegenwärtigen Not in den Hintergrund. Oder anders gesagt: Die Auslage auf dem Buffet ist attraktiver als das Preisschild dahinter. Ein Beispiel: Als der Waadtländer Staatsrat Philippe Leuba (fdp.) zu Beginn der Krise auf die finanziellen Konsequenzen des Lockdowns aufmerksam machte und dabei die gesundheitlichen Risiken herunterspielte, wurde er umgehend von seinen Regierungskollegen zurückgepfiffen.

Die Glorifizierung Bersets

Der Zufall will es, dass die beiden Dossiers, die in der Krise am meisten im Fokus stehen, in den Händen der beiden Westschweizer Bundesräte sind: die Gesundheit bei Alain Berset, die Wirtschaft bei Guy Parmelin. Vor dem Hintergrund, dass die Romands die gesundheitlichen Risiken dieser Krise tendenziell höher gewichteten als die wirtschaftlichen Folgen – mehr jedenfalls als in der Deutschschweiz –, erstaunt die Glorifizierung Bersets nicht weiter. Der Freiburger erhielt auch im Osten des Landes für sein offensives, kommunikativ aussergewöhnlich gewandtes Auftreten (medialen) Applaus, nicht jedoch im gleichen Ausmass wie in der Romandie: Das Wochenmagazin «L’Illustré» hievte ihn kürzlich zum zweiten Mal innert weniger Monate auf die Frontseite, RTS liess ihn als Superman übers Bundeshaus steigen, «Le Temps» betitelte ihn (und andere Protagonisten) als «Helden der Krise», und die Waadtländer Nationalratspräsidentin Isabelle Moret, eine Freisinnige, freute sich öffentlich darüber, dass sich mit dem Sozialdemokraten «ein Kapitän auf dem Schiff» befinde.

Kurz: Die Westschweiz war sichtlich stolz, einen Bundesrat zu «stellen», der etwas hergibt, wenn es darauf ankommt. Parmelin seinerseits wurde zwar fürs ungewöhnlich rasche Vorgehen seines Departements bei der Ausweitung der Kurzarbeit gelobt, er brachte sich aber wiederholt selbst in Bedrängnis. Für seine Äusserung, dass die Wirtschaftshilfen kein Ruhekissen für die Unternehmen sein dürften, musste er sich gar live in der Westschweizer Tagesschau erklären.

Der Umgang mit einem bisher unbekannten Virus wird nicht der letzte Anlass gewesen sein, bei dem das Verhältnis zwischen den beiden grössten Landesteilen im Fokus steht. Nun erhielt der Graben aus aktuellem Anlass das Wort «Corona» beigefügt, bald heisst er wieder Gesundheitsgraben, Steuergraben, Kulturgraben oder allumfassend eben Röstigraben. Im Kern dreht es sich immer um ähnliche Aspekte: darum, dass die Einstellung zu den Aufgaben des Staates, zu den Erkenntnissen der Medizin, zur Offenheit gegenüber Migration, zur persönlichen und gesellschaftlichen Vorsorge und manchmal gar zum Sinn des Lebens zuweilen eine andere ist. Das macht das Zusammenleben nicht unbedingt einfacher – aber interessanter.

Aktuelle Informationen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG)

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