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Wie mich das Virus Demut lehrte

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung vor 6 Tagen Thomas Fuster

Ich wähnte mich als vorbildlicher Bürger im Kampf gegen Corona – und fing mir das Virus trotzdem ein. Ein Erlebnisbericht.

Das Virus scheint ein launischer Zeitgenosse zu sein und in seinen Angriffen recht erratisch. SPL / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Das Virus scheint ein launischer Zeitgenosse zu sein und in seinen Angriffen recht erratisch. SPL / Imago

Ich habe mir in den vergangenen Monaten ziemlich hartnäckig – und durchaus mit Erfolg – den Ruf eines Spielverderbers erarbeitet. Nicht dass ich für Geselligkeit wenig übrig hätte, ganz im Gegenteil. Aber das Coronavirus fuhr mir im Frühjahr gehörig in die Knochen. Die Bilder aus Bergamo hinterliessen eine bleibende Wirkung. Und sie paarten sich bei mir mit einer robusten Risikoaversion. Das liess mich im Freundeskreis zum steten Mahner werden: Sollen wir uns am Wochenende wirklich treffen? Ist es nicht zu gefährlich? Und bitte, haltet endlich mehr Abstand zueinander!

Eine Frage der Selbstdisziplin

Beliebt macht man sich mit solchem Verhalten nicht. Aber ich sah mich auf der Seite der Vernunft. So auch vor kurzem bei der Firmung meines Sohnes. Als der Pfarrer partout auf einem Gruppenbild bestand («Rückt näher zusammen, damit alle aufs Bild passen»), fand ich das überhaupt keine gute Idee. Ich liess den Priester meinen Unmut spüren. Der Segen der katholischen Kirche ist mir als Virenschutz schlicht zu unsicher; da überzeugt mich das weltliche Abstandhalten mehr.

Was ich sagen will: Ich gehöre seit dem Ausbruch der Pandemie nicht zu den Sorglosen. Sondern zu jenen, die im Migros kurvige Slalomfahrten hinlegen, um niemandem in die Quere zu kommen. Und zu jenen, die im Zug lieber einen Stehplatz mit Freiraum wählen als einen Sitzplatz mit Nachbarschaft. Oft hatte ich mir gewünscht, ich könnte lockerer sein. Vergeblich, auch im angeblich so entspannten Sommer. Ich verhielt mich weiterhin so, als lauere das Virus hinter jeder Ecke. Dieses Biest würde mich nicht kriegen. Alles eine Frage der Selbstdisziplin.

Und nun stehe ich da. Vor dem Covid-19-Testzentrum. Am Vortag verspürte ich ein fiebriges Frösteln, dazu leichte Gliederschmerzen und Kopfweh. Eine Kombination, die mir nach 53 Lebensjahren nur zu vertraut ist. Kein Grund zur Sorge also. Mehr Sorge bereitet mir, dass selbst in der Warteschlange vor dem Testzentrum einige Leute wenig Gespür für Abstand zeigen. Kann es tatsächlich sein, dass man diese Regel noch immer nicht kapiert hat? Und muss das Pärchen hinter mir so laut schwatzen? Noch nie etwas von Aerosolen gehört? Ich drehe den Kopf weg.

Nach dem Test bittet man mich, eine App auf das Smartphone zu laden. Die App werde mich nach 24 bis maximal 48 Stunden über das Ergebnis informieren. Ich erhalte zwei A4-Blätter. Dort steht, was ich zu tun habe: mich zu Hause isolieren, um niemanden anzustecken. Dieser Aufforderung bin ich schon am Vorabend nachgekommen. Meine Frau packte ihre Matratze und zog ins Wohnzimmer. Die zwei Badezimmer wurden aufgeteilt: das eine für mich als Sperrzone, das andere für die Frau und die zwei Kinder. Und alle vier assen wir getrennt in unseren Zimmern.

Die Symptome bleiben mild. Die Körpertemperatur steigt nicht über 38,3 Grad. Die Gliederschmerzen und das Kopfweh sind erträglich, der trockene Husten ebenso. Das bleibt auch am zweiten Tag so, als ich morgens um 08.59 Uhr – exakt 24 Stunden nach dem Test– erstmals die App kontrolliere. Nichts, kein Resultat. Zehn Minuten später dasselbe, noch immer nichts. Ich nehme mir vor, die App nur noch einmal pro Stunde zu checken – und scheitere kolossal mit dem Vorsatz. Das Leben in Isolation ist zu langweilig, die Neugierde zu gross. Ich frage mich, ob es besser wäre, wenn mich die Leute vom Testlabor anrufen würden. Soll das Schicksal eine Bring- oder eine Holschuld sein?

Um 16 Uhr in roten Lettern endlich der Vermerk: «Befund definitiv». Der Puls steigt, ich zögere – und klicke weiter. Erneut ein Wort in roter Schrift: «positiv». Ich zucke zusammen. Und kontrolliere den Namen – korrekt. Die AHV-Nummer – korrekt. Das Datum der Testentnahme – dito. Es lässt sich nicht leugnen: Der Befund gilt mir. Ich rufe meine Frau. Zeitgleich überkommt mich ein Gefühl völliger Ahnungslosigkeit. Da wähne ich mich seit Monaten als Corona-Experte, lese zahllose Artikel zum Thema, verfolge die Medienkonferenzen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) und frage mich, ob nicht längst alles gesagt ist, was es zu diesem Virus zu sagen gibt. Und nun bin ich positiv – und habe nicht den Hauch einer Ahnung, was das konkret bedeutet. Plötzlich ist die Sache persönlich.

Wie im Gefängnis

Was tun? Wir schreiben eine Whatsapp-Nachricht an unsere 15-jährige Tochter im Gymnasium. Sie ist auf dem Weg zum Klavierunterricht. Sie solle umkehren. Sie hält die Nachricht für einen Scherz, antwortet unbekümmert mit «Haha». Irgendwann merkt sie, dass wir nicht spassen. Danach rufen wir den Sohn an, er macht eine Lehre als Grafiker. Er flucht und lässt uns spüren, wie unpassend eine Quarantäne für ihn kommt. Ich verstehe den Ärger, doch alles Klagen nützt nichts. Also packt der 16-Jährige seine Sachen und richtet sich darauf ein, in den kommenden Tagen nicht in der Agentur, sondern von zu Hause aus zu arbeiten. Schuldgefühle machen sich breit. Was habe ich der Familie bloss eingebrockt?

Ab sofort verlasse ich mein Zimmer nur noch mit Maske. Das Essen wird mir vor die Türe gestellt. Ein Klopfen signalisiert, dass es etwas abzuholen gilt. Auch ich klopfe, wenn ich das Geschirr hinstelle. Ein Prozedere wie im Gefängnis, vorexerziert in einem Video des BAG. Dabei stets die Frage, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt oder der Rest der Familie nicht längst angesteckt ist. Zunächst rede ich durch die Türe mit meinen Liebsten. Irgendwann wechseln wir auf Video-Chat. Da sieht man sich wenigstens und muss nicht so laut reden. Wobei, viel zu berichten gibt es nicht aus meiner auf 16 Quadratmeter geschrumpften Welt.

Am nächsten Tag ein Dämpfer: Mein Geruchs- und Geschmackssinn hat sich über Nacht verflüchtigt. Noch am Vorabend habe ich eine Gemüsesuppe gegessen – und gerochen. Am Morgen rieche ich nichts mehr. Der Kaffee ist nur noch braunes Wasser. Beim Brot signalisiert allein die Farbe der Konfitüre, mit welcher Frucht es bestrichen sein könnte. Ich gehe ins Bad, halte mir schärfere Ware unter die Nase: Desinfektionsmittel, Rasierwasser. Es macht keinen Unterschied, da ist nichts. Offenbar wütet das Virus nun auch in meinem Nervensystem. Das beunruhigt mich weit mehr als das Fieber oder das Hüsteln. Dass in der Zeitung zudem steht, an Covid-19 Erkrankte schnitten in IQ-Tests schlechter ab, hebt die Stimmung nicht zusätzlich.

Inmitten der Lektüre klingelt das Telefon. Das Contact-Tracing-Team meldet sich bei Fall 21297 – so die Referenznummer, die ich am Vortag per SMS erhalten habe. Das Gespräch ist schon nach zwei Minuten zu Ende. Erstens habe ich meine Kontakte längst informiert. Zweitens habe ich keine Antwort auf die Frage, wo ich mich angesteckt habe. Alles Grübeln hilft nicht weiter. Der Contact-Tracer hängt auf, sein Stress ist unüberhörbar.

Ich aktiviere den Code der SwissCovid-App. Die App verfärbt sich: «Tracing beendet. Es werden keine Begegnungen mehr gespeichert.» Eine kurze Botschaft ohne jede Redundanz. Auch keine Wünsche zur Genesung. Doch von einer App soll man kein Mitgefühl erwarten. Dafür melden sich jetzt Freunde und Bekannte. Einer sagt: «Du bist der Erste mit Corona, den ich kenne.» Ich antworte: «Ich bin auch der Erste, den ich kenne.» Wir lachen.

Breit abgestütztes Unwissen

In den nächsten Tagen werde ich vier Kilogramm abnehmen. Ohne jede Anstrengung. Die abhandengekommene Freude am Essen reicht. Was ist der Reiz des Essens, wenn man es nur noch nach Konsistenz und Kauwiderstand beurteilen kann? Ich stelle mir eine Szene im Restaurant vor: «Hat es Ihnen geschmeckt?» «Nein, geschmeckt hat es nicht, aber das Gefühl zwischen den Zähnen war vorzüglich.» Da kann ich mir die Chose auch gleich intravenös zuführen. Ich stochere in einer Kiwi – merke, dass sie butterweich und wohl überreif ist. Ich esse trotzdem weiter, da ich vom Geschmack ohnehin nichts mitbekomme. Sollte mich jemand vergiften wollen, er hätte leichtes Spiel. Man könnte mir alles unterjubeln.

Der Rest der Familie hat sich nun auch testen lassen. Meine Frau ist positiv, die Tochter und der Sohn hingegen sind negativ. Ein ähnlich uneinheitliches Bild zeigt sich bei der Familie meiner Schwester, mit der wir wenige Stunden vor dem Auftreten meiner ersten Symptome zusammen waren. Ich kann mir auf all das keinen Reim machen. Offenkundig ist nur: Das Virus scheint ein launischer Zeitgenosse zu sein und in seinen Angriffen recht erratisch.

Vermeintliche Klarheiten zerbröckeln. Die Überzeugung, über das Virus gut Bescheid zu wissen, weicht einer breit abgestützten Unwissenheit. Die Pandemie lehre uns Demut, heisst es. Sie zeige, wie unberechenbar das Leben sei. Für Kontrollfreaks ist das schwere Kost. Auch ich gestehe mir ein, dass ich eigentlich gar nichts weiss.

Erstmals seit meiner Isolation setze ich mich nach draussen auf die Terrasse, lasse mich wärmen von den Sonnenstrahlen. Gut möglich, dass das Sonnenbad meine Genesung fördert; Forscher wollen einen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und schweren Corona-Verläufen entdeckt haben. Doch das interessiert mich jetzt nicht. Ich weiss nur, dass sich die Sonne angenehm anfühlt auf meinem Gesicht. Das reicht mir als Erkenntnis vollkommen.

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