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«Die Booster-Impfung wird nicht vor November kommen»

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung vor 4 Tagen Alan Niederer

Für den obersten Impfverantwortlichen Christoph Berger ist noch unklar, welche Personen eine dritte Impfdosis benötigen. Die grosse Mehrheit dürfte es aber nicht sein.

Der Infektiologe Christoph Berger ;spricht am Dienstag in Bern über den Sinn und Zweck der Auffrischungsimpfung. Peter Schneider / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der Infektiologe Christoph Berger ;spricht am Dienstag in Bern über den Sinn und Zweck der Auffrischungsimpfung. Peter Schneider / Keystone

Beim Thema Corona-Impfung interessiert derzeit eine Frage besonders: Wer braucht nach der Grundimmunisierung noch eine dritte Impfdosis? Dazu hat der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif) Christoph Berger am Dienstag öffentlich Stellung genommen. Gleichzeitig gab er bekannt, dass die Corona-Impfung neu allen schwangeren Frauen ab der 12. Schwangerschaftswoche und den stillenden Frauen empfohlen werde.

In Bezug auf die Auffrischungs- oder Booster-Impfung hat die Ekif noch nichts entschieden. Was wie Unentschlossenheit wirkt, ist eine gute Nachricht. So gebe es in der Schweiz bis jetzt keine Hinweise darauf, dass bei doppelt immunisierten Personen der Schutz vor einer schweren Corona-Erkrankung stark zurückgegangen sei, erklärt Berger im Gespräch mit der NZZ. Das zeige sich etwa daran, dass derzeit nur sehr wenige geimpfte Personen wegen einer Infektion mit Sars-CoV-2 auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Eine flächendeckende Booster-Impfung sei deshalb derzeit nicht nötig. Zur selben Einschätzung sind vor kurzem auch die europäische Arzneimittelbehörde EMA und Experten in der Fachzeitschrift «The Lancet» gekommen.

Abnehmender Immunschutz

Dennoch ist der Ekif-Präsident überzeugt, dass die Booster-Impfung auch in der Schweiz kommen wird. «Aber nicht vor November», sagt Berger. «Möglicherweise erst Anfang nächstes Jahr.» In andern Ländern wie etwa Israel, das seine Bevölkerung früher und rascher als die Schweiz geimpft hat, ist die dritte Impfdosis Ende Juli für die über 60-Jährigen eingeführt und später allen über 30-Jährigen angeboten worden. Auch in den USA sollen sich bald alle Erwachsenen, deren zweite Impfung mindestens sechs Monate zurückliegt, mit einer dritten Impfdosis versorgen können.

Der Diskussion um die Booster-Impfung liegt die Beobachtung zugrunde, dass die Schutzwirkung der Corona-Impfung mit der Zeit abnimmt. Das haben schon mehrere Studien dokumentiert. Dabei gehe es aber vor allem um den Schutz vor milden Infektionen, sagt Berger. «Was wir dagegen noch nicht gesehen haben, ist eine deutliche Abnahme der Schutzwirkung gegenüber schweren Corona-Erkrankungen – auch nicht im Ausland.»

Laut dem Immunologen Christian Münz von der Universität Zürich nimmt die Immunität gegen das neue Coronavirus nach der Impfung oder einer natürlichen Infektion langsam, aber kontinuierlich ab. Zuerst gehen die gegen das Virus gebildeten Antikörper zurück. Etwas verzögert verschwinden auch die sogenannten T-Immunzellen, die für den Schutz vor schwerer Infektion besonders wichtig sind. Seien beide Abwehrlinien geschwächt, könne sich die Person (erneut) mit Sars-CoV-2 infizieren, erklärt Münz.

Trotzdem ist das Immunsystem dem Virus jetzt nicht mehr so stark ausgeliefert wie zu Beginn der Pandemie. Denn der erste Kontakt mit dem Erreger hat bei der Person zur Bildung von langlebigen Gedächtniszellen geführt. Sie seien der Schlüssel zum langfristigen Immunschutz, sagt Münz. Denn die Gedächtniszellen können bei einem erneuten Kontakt mit dem Virus oder Teilen davon relativ schnell neue Antikörper und neue T-Immunzellen bilden. Dieses rasche Hochfahren der Immunabwehr wird mit dem Begriff Booster bezeichnet.

Heikle Ländervergleiche

Als Beispiel für ein gefährliches Nachlassen der Corona-Schutzwirkung wird oft die Erfahrung in Israel genannt. Laut Berger ist die Situation in diesem Land aber nur begrenzt auf die Schweiz übertragbar. Denn die Impfwirkung hänge von sehr vielen Faktoren wie etwa der Bevölkerungsstruktur, der Impfquote, den ergriffenen Schutzmassnahmen und möglicherweise sogar dem verwendeten Impfstoff ab. Und selbst in Israel habe die Schutzwirkung gegenüber schweren Erkrankungen in einer Studie noch bei 86 Prozent gelegen.

Berger erinnert in diesem Zusammenhang auch an das Ziel der Schweizer Impfstrategie: Mit der Immunisierung wolle man vor allem schwere Corona-Infektionen und Hospitalisierungen verhindern und damit das Gesundheitssystem vor Überlastung schützen. «Diese Devise gilt auch für die Booster-Impfung.» Man müsse daher zuerst herausfinden, wer den Booster überhaupt brauche, betont der Ekif-Präsident.

Eine Gruppe ist bereits identifiziert. So können Personen mit eingeschränkter Immunabwehr – etwa nach einer Organtransplantation – schon seit Ende Juli ein drittes Mal geimpft werden. Dies geschieht dann, wenn die zweifache Grundimmunisierung nicht zum gewünschten Anstieg der gegen das Virus gerichteten Antikörper geführt hat.

Um bei den übrigen Personengruppen, die von einer Booster-Impfung profitieren könnten, den richtigen Zeitpunkt für die Massnahme nicht zu verpassen, sollen wöchentliche Datenerhebungen in den Spitälern durchgeführt werden. Sieht man dann beispielsweise, dass plötzlich mehr Personen über 60 Jahren oder solche mit Vorerkrankungen oder starkem Übergewicht trotz doppelter Impfung schwer erkranken, soll laut Berger diesen Gruppen rasch und gezielt der Booster empfohlen werden.

Noch sei man in der Schweiz aber nicht an diesem Punkt angelangt, wiederholt der oberste Impfverantwortliche. So habe man noch kein Signal, dass die am Anfang geimpften Personen jetzt vermehrt hospitalisiert werden müssten, erklärt Berger. Solche Spitaleinweisungen gebe es zwar. Bei einer Impfung mit einer Schutzwirkung von unter 100 Prozent sei das aber zu erwarten. Solange die Wirkung nicht unter 80 Prozent falle, bestehe kein Bedarf, rasch zu handeln.

Politischer Druck könnte Empfehlung beschleunigen

Auch wenn Berger die Booster-Empfehlung in der Schweiz möglichst differenziert und wissenschaftlich fundiert aussprechen möchte, ist der Arzt sich bewusst, dass der politische Druck die Empfehlung beschleunigen könnte. In diesem Fall wäre laut Berger eine «weichere» Empfehlung möglich: dass man die dritte Impfdosis gewissen Personen oder allen, die das wollen, nach einer gewissen Zeit – beispielsweise ein Jahr nach der zweiten Impfung – anbietet.

Wie der Arzt weiter erklärt, weist derzeit nichts darauf hin, dass jüngere, gesunde Personen in diesem Winter noch eine Booster-Impfung brauchen würden. Bei ihnen liege der Schutz vor schwerer Erkrankung immer noch bei über 90 Prozent. «Vielleicht brauchen sie später einmal einen Booster oder vielleicht gar nie», sagt Berger. Letzteres verweist auf die Erkenntnis, dass bei Personen, die bei Covid-19 nicht zu den Risikopersonen zählen, auch eine natürliche Infektion mit Sars-CoV-2 die Booster-Wirkung übernehmen kann.

Dieses Szenario hält auch der Immunologe Münz für realistisch. Somit dürfte sich die Situation in der Schweiz ab dem nächsten Jahr deutlich entspannen. Sars-CoV-2 werde dann zu einem ähnlichen Krankheitserreger wie die vier bekannten endemischen Coronaviren, sagt er. Diese treten ebenfalls saisonal auf und lösen in den allermeisten Fällen milde Erkältungssymptome aus. Wegen der auch hier nachlassenden Immunität infizieren sich die Menschen nach 6 bis 12 Monaten wieder mit den Viren. So dürfte es auch beim neuen Coronavirus kommen, sagt Münz. Die dann vorliegende Teilimmunität werde dafür sorgen, dass die meisten Personen nur noch mild erkranken.

Bei allen Diskussionen um eine Booster-Impfung darf laut Berger nicht vergessen werden, dass es derzeit in der Schweiz effizienter ist, die Durchimpfungsrate zu erhöhen, als mit der Booster-Impfung zu beginnen. Denn eine hohe Durchimpfungsrate bringe über alles gesehen mehr und sei damit auch ein besserer Schutz für die besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppen. Das hat Dänemark sehr schön vorgemacht. Bei einer Impfquote von über 70 Prozent konnten dort die Schutzmassnahmen weitgehend gelockert werden. «Auch wir sollten in diesen Bereich kommen», sagt Berger. Dann sollte es auch bei uns besser werden.

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