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Attentat auf Salman Rushdie: Nach 33 Jahren holt ihn der Fluch ein

Blick-Logo Blick 13.08.2022 Daniel Arnet

Bei einer Podiumsveranstaltung im US-Bundesstaat New York greift ein offenbar islamischer Extremist den britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie mit einem Messer an und verletzt ihn schwer.

Nach 33 Jahren holt ihn der Fluch ein © Bereitgestellt von Blick Nach 33 Jahren holt ihn der Fluch ein

Ein Blutfleck auf der Sitzfläche des beigen Fauteuils, einige rote Spritzer auf Kopfhöhe an der weissen Stellwand dahinter: Das sind die sichtbaren Spuren der Messerattacke des Amerikaners Hadi Matar (24) auf den berühmten britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie (75, «Die satanischen Verse») am letzten Freitag im Amphitheater von Chautauqua im US-Bundesstaat New York, unweit des Eriesees.

Laut Nachrichtenagentur AP soll der Mann gegen elf Uhr vormittags Ortszeit blitzschnell zehn- bis fünfzehnmal auf Rushdie eingeschlagen und mit einem Messer eingestochen haben. Mit Stichwunden an Hals und Bauch fliegen Sanitäter den Autor per Helikopter in ein nahe gelegenes Spital. Dort schliesst man ihn nach Angaben seines Managers Andrew Wylie an ein Beatmungsgerät an.

Zur «New York Times» sagt Wylie weiter, Rushdie werde wahrscheinlich ein Auge verlieren. Nervenstränge in seinem Arm seien durchtrennt und die Leber beschädigt. «Die Nachrichten sind nicht gut.» Allerdings scheint Rushdie ausser unmittelbarer Lebensgefahr. Der Interviewer des Anlasses, Henry Reese, zieht sich Verletzung am Kopf zu. Den Täter nimmt die Polizei vor Ort fest.

Ayatollah Khomeini sprach 1989 das Todesurteil aus

Die Tat löst weltweites Entsetzen aus: «Harry Potter»-Autorin Joanne K. Rowling (57) und Bestsellerautor Stephen King (74, «Friedhof der Kuscheltiere», «Der Anschlag») drücken ihre Bestürzung aus und schreiben, sie hoffen, es gehe Rushdie gut. Und der scheidende britische Premierminister Boris Johnson (58) zeigt sich «entsetzt», dass Rushdie attackiert wurde, während er «ein Recht ausgeübt hat, das wir niemals aufhören sollten zu verteidigen».

Rushdie wollte in der auf Erwachsenenbildung für ländliche Gebiete der USA spezialisierten Chautauqua Institution im Rahmen der Reihe «More than Shelter» («Mehr als Schutz») sprechen. Dabei geht es um die Vereinigten Staaten als Zufluchtsort für Schriftsteller und um die Verfolgung von Künstlern. Rushdie ist selbst seit Jahrzehnten verfolgt und lebt seit dem Jahr 2000 mehrheitlich in New York.

Nachdem Rushdie 1988 seinen Roman «The Satanic Verses» («Die satanischen Verse») veröffentlicht hatte, sprach der damalige iranische Staatschef Ayatollah Khomeini (1902–1989) am 14. Februar 1989 eine Fatwa aus, in der er den Autor zum Tode verurteilte. Grund: Die in den Albträumen des Protagonisten widergespiegelten Lebensdarstellungen von Mohammed seien «gegen den Islam, den Propheten und den Koran».

Rushdie bestritt zwar, dass er ein blasphemisches Buch geschrieben habe. Doch da ein Kopfgeld von zwei Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt war, musste er untertauchen und lebte Jahre anonym unter Polizeischutz – auf der Flucht schrieb er das Märchen «Harun und das Meer der Geschichten» (1990) für seinen Sohn. Und im Buch «Joseph Anton: Die Autobiografie» (2012) erzählt er von dieser schwierigen Zeit, in der er sich auch von seiner damaligen Frau trennte.

«Morddrohungen sind alltäglich geworden»

Obwohl die Fatwa noch immer besteht und das Kopfgeld zuletzt 2016 um 600’000 Dollar auf fast vier Millionen Dollar erhöht wurde, lebt Rushdie seit Jahren ohne Bodyguard. Doch noch bei einer Podiumsdiskussion im Berliner Schloss Bellevue zum Thema «Die Freiheit des Denkens in unruhigen Zeiten», zu welcher der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (66) im Herbst 2017 geladen hat, macht Rushdie – nach eigenem Bekunden – einen leicht verängstigten Eindruck.

Das scheint sich in den USA gelegt zu haben. Zum deutschen Magazin «Stern» sagte er erst vor einigen Tagen in New York, dass er sich in den USA sicher fühle. «Für einige Jahre war es ernst», sagt er im Interview, das kommende Woche erscheint. «Aber seit ich in Amerika lebe, hatte ich keine Probleme mehr.» Das Schlimme sei, «dass Morddrohungen alltäglich geworden sind». Und der Autor warnt in diesem Zusammenhang vor politischer Gewalt in den USA.

In seiner jüngst veröffentlichten Essaysammlung «Sprachen der Wahrheit» (2021) wendet sich Rushdie explizit gegen Trumpisten und Corona-Leugner. Gegenüber dem US-Sender Public Broadcasting Service sagte er kürzlich: «Die Wahrheit ist ein Kampf, das ist keine Frage – und vielleicht noch nie so sehr wie jetzt.» Und die Wahrheit ist von vielen Seiten in Gefahr.

Ausgerechnet in den USA, wo sich Rushdie so sicher fühlt, holt ihn nun der alte Fluch wieder ein: Der aus New Jersey stammende Matar soll ersten Ermittlungen zufolge «Sympathien für den schiitischen Extremismus» haben und aus religiösen Gründen gehandelt haben. Dabei stammt Rushdie selber aus einer wohlhabenden muslimischen Familie im indischen Bombay, dem heutigen Mumbai.

1947 zur Welt gekommen, schickte der Vater den 14-jährigen Salman auf die Rugby School nach England. Danach studierte er am King’s College in London und an der Universität Cambridge Geschichte. Seinen literarischen Durchbruch hatte Rushdie 1981 mit dem Roman «Mitternachtskinder», wofür er den renommierten Booker Prize erhielt. 2007 schlug ihn Königin Elizabeth II. (96) zum Ritter.

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