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Coronavirus: Was, wenn das Virus Afrika erreicht?

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 08.02.2020 Jakob Simmank

China und viele Länder Afrikas sind eng verwoben, womöglich ist das Coronavirus schon dort. Kaum ein Staat ist vorbereitet. Seuchenschützer fürchten die Katastrophe.

Badende Menschen nahe einem Militärstützpunkt im somalischen Mogadischu © Luis Tato/​AFP/​Getty Images Badende Menschen nahe einem Militärstützpunkt im somalischen Mogadischu

Vier Kontinente hat das neue Coronavirus schon erreicht: Von China aus haben Menschen es in andere Teile Asiens getragen, nach Australien, Europa und Nordamerika. In Afrika aber ist es noch nicht angekommen. Doch was, wenn? Der Erreger, der schon 500 Menschen getötet und Zigtausende infiziert hat, würde hier auf Länder treffen, deren Gesundheitssysteme so schwach sind wie vielleicht nirgendwo anders auf der Welt. Im schlimmsten Falle könnte das eine Epidemie mit Hunderttausenden Infizierten und vielen Tausenden Toten bedeuten. Denn viele Regionen im Afrika südlich der Sahara haben schon heute große Probleme: Epidemien von Malaria, HIV und Tuberkulose und eine Zunahme von chronischen Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck schwächen nicht nur die Menschen, sondern überlasten Länder, in denen es an Kliniken, Ärztinnen, Pflegern und medizinischer Versorgung fehlt.

Auch wenn sie sich mit Zahlen und Vorhersagen schwertun, viele Experten haben vor diesem Szenario große Angst. Auf der Sitzung des Exekutivrats der Weltgesundheitsorganisation WHO am 3. Februar sei die Stimmung unter den afrikanischen Mitgliedstaaten sehr nervös gewesen, berichten Anwesende. Und John Nkengasong, der die erst vor drei Jahren gegründete Seuchenschutzbehörde der Afrikanischen Union leitet, sagte ZEIT ONLINE zwischen zwei Telefonkonferenzen: "Wir sind mit einer beispiellosen Gefahr konfrontiert."

Verdachtsfälle gab es schon

Noch bei der Sars-Epidemie 2003 waren die Staaten von Afrika südlich der Sahara weitestgehend verschont geblieben, nur Südafrika registrierte einen einzigen Fall. Beim neuen Coronavirus aber sollte niemand hoffen, dass es so glimpflich abläuft – zu eng sind die Verbindungen zwischen China und vielen afrikanischen Staaten geworden. Hunderttausende chinesische Gastarbeiter arbeiten auf dem afrikanischen Kontinent, Tausende afrikanische Studentinnen und Studenten reisen jährlich mit einem Uni-Stipendium nach China. Der Flugverkehr von Afrika nach China und zurück hat sich in den vergangenen zehn Jahren versiebenfacht.

Viele Länder des Kontinents haben starke wirtschaftliche Beziehungen zu China. Kenia und Äthiopien etwa. Für Äthiopien ist China mit einem Handelsvolumen von mehr als fünf Milliarden US-Dollar der wichtigste Wirtschaftspartner. In Kenia sponserte die chinesische Regierung eines der größten Infrastrukturprojekte in der Geschichte des Landes, einen Hochgeschwindigkeitszug, der die Hauptstadt Nairobi mit der Küstenmetropole Mombasa verbindet. Der Zug ist Teil der Neuen Seidenstraßeninitiative, die der chinesische Präsident Xi Jinping 2013 ins Leben rief. Um weltweit Handelsstützpunkte aufzubauen, investiert China Billionen Euro in Infrastrukturprojekte.

Und sowohl in Äthiopien als auch in Kenia gab es vergangene Woche gleich mehrere Coronavirus-Verdachtsfälle, erzählt Michel Yao, der bei der WHO Afrika für Notfallprogramme zuständig ist, am Telefon. "Wir hatten schon viele Alarme", sagt Yao. Das sei aber ein gutes Zeichen, denn es zeige, dass die Überwachungssysteme an vielen Orten funktionierten.

Südsudan oder Nigeria – das macht einen großen Unterschied

Aber stimmt das? Oder gibt es in einzelnen afrikanischen Staaten längst Fälle, die niemand registriert hat? Ein 2019 erschienener Bericht des Global Preparedness Monitoring Boards zumindest fand weltweite Lücken in der Vorbereitung auf Epidemien und eine Untersuchung des Center for Health Security der Johns Hopkins Universität zeigte: Die am schlechtesten vorbereiteten Länder finden sich fast alle in Afrika. Eigentlich mangele es an allem: an Laboren, um Erreger nachzuweisen, an Isolationsräumen und an Personal.

Aber der Reihe nach: Um eine Epidemie möglichst schon im Keim zu ersticken, braucht es zunächst gute Meldesysteme. Denn je schneller Fälle aufgespürt werden, desto weniger Menschen können die Infizierten anstecken. John Nkengasong sagt, die Afrikanische Seuchenschutzbehörde habe bereits eine Taskforce eingerichtet, die die Länder dabei unterstützen soll. Außerdem solle jedes Land eine schnelle Eingreiftruppe vorhalten, und schon heute würde an allen Flughäfen nach Infizierten gesucht, mit Fragebögen und Temperaturscannern. Ein derartiges Screening würde wegen des seit eineinhalb Jahren andauernden Ebola-Ausbruchs im Kongo ohnehin durchgeführt. 

Wie gut diese Maßnahmen im Falle eines Coronafalles wirklich greifen, ist aber schwer zu sagen. Es hängt sicher auch davon ab, welches Land in Subsahara-Afrika es mit den ersten Coronavirusfällen zu tun bekommt. Manche Länder – wie etwa Ghana oder Nigeria – sind darauf besser vorbereitet als Regionen, in denen Krieg herrscht und Regierungen instabil sind, etwa der Südsudan oder die Zentralafrikanische Republik. Dort etwa dürfte das Virus nahezu freie Bahn haben.

Auch das Ausfindigmachen neuer Fälle wird nicht leicht sein, sagt Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung: "In weiten Teilen Afrikas denken die Menschen erst einmal an Malaria, wenn jemand Fieber hat." Es gehe also auch darum, Gesundheitsfachkräfte zu schulen, dass sich nun neben Erkrankungen wie Malaria, Lassa, Ebola und einer Hirnhautentzündung durch Meningokokken auch das Coronavirus hinter einem Fieberschub verstecken könne.

Krause hilft seit 2017 in Nigeria und zuletzt auch in Ghana ein System einzurichten, das Sormas heißt. Man muss es sich als eine Plattform vorstellen, die alle Beteiligten eines Gesundheitssystems digital miteinander verbindet: das Labor, den Distriktarzt, die Gesundheitshelferin auf dem Dorf und die Gesundheitsbehörde. Wenn zum Beispiel eine Gesundheitshelferin den Verdacht auf eine Infektion mit dem neuen Coronavirus hat, dies auf einem Tablet hinterlegt und eine Blutprobe nimmt, erklärt Krause, passieren verschiedene Dinge gleichzeitig: Das Labor wird benachrichtigt, dass eine Probe auf dem Weg ist. Die Gesundheitsbehörden und der Distriktarzt bekommen einen Alarm und die Gesundheitshelferin wird angewiesen, den Verdachtsfall zu isolieren und nach Menschen zu suchen, mit denen er zu tun hatte. 

Wenn es gelingt, einen Verdachtsfall zu finden, bleibt noch die Frage, wie er bestätigt wird. Anfang Februar gab es in ganz Afrika nur zwei Labore, die Proben von Patientinnen und Patienten auf das Virus 2019-nCoV testen. Die Proben eines Verdachtsfalles in der Elfenbeinküste mussten erst nach Europa geschickt werden, erklärte Michael Yao, ZEIT ONLINE. Es dauerte Tage, bis feststand: Fehlalarm. In den kommenden Tagen sollen in Subsahara-Afrika zwölf Labors den Test auf das neue Coronavirus machen können, sagt Yao. John Nkengasong geht davon aus, dass er bald in 15 bis 20 Ländern verfügbar sein wird. 

Flächendeckende Quarantänestationen gibt es nicht

Patienten zügig zu finden und dann zu isolieren ist in weiten Teilen Afrikas noch viel wichtiger als anderswo. Denn die meisten Gesundheitssysteme Subsahara-Afrikas dürften zu schwach sein, um sich bei einem größeren Coronavirus-Ausbruch um die Erkrankten zu kümmern. Flächendeckende Quarantänestationen mit Beatmungsmaschinen, die im Fall einer schweren Lungenentzündung durch das Coronavirus gebraucht werden, gibt es nicht. Zudem gibt es in fast alle Länder Subsahara-Afrikas  Fachkräftemangel. Während in Deutschland statistisch etwa 42 Ärztinnen und Ärzte auf 1.000 Menschen kommen, ist es in Äthiopien genau einer, in Somalia sogar nur 0,2

In vielen Ländern fehle es am Elementarsten, sagt die Politikwissenschaftlerin Ilona Kickbusch, die die Bundesregierung in globalen Gesundheitsfragen beraten hat: "Das fängt schon beim Schutzkittel und Medikamenten an." Auch gebe es in vielen Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen logistische Probleme. Atemmasken etwa in betroffene Gebiete zu bringen, kann dann Tage dauern – viel zu lang für das ansteckende Coronavirus. 

Die Schwäche mancher Gesundheitssysteme sei auch der Hauptgrund gewesen, einen internationalen Gesundheitsnotstand auszurufen, sagte der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, am 30. Januar: "Wir wissen nicht, was für einen Schaden dieses Virus anrichten kann, wenn es sich in ein Land mit einem schwächeren Gesundheitssystem ausbreitet. Wir müssen jetzt handeln, um uns auf diese Möglichkeit vorzubereiten."

John Nkengasong sagt: "Ich kann die internationale Gemeinschaft nur aufrufen, afrikanischen Ländern jetzt zu helfen – und nicht zu warten, bis der Kontinent komplett überwältigt ist." Einem Ausbruch wie in China würden die Gesundheitssysteme der meisten Staaten nicht standhalten.

Ebola-Behandlungszentren könnten für das Coronavirus genutzt werden

Die Gates-Stiftung, die seit Jahren Millionen in die globale Gesundheit investiert, hat Nkengansongs Behörde bereits 4,5 Millionen Euro zugesagt, um Maßnahmen gegen das neue Coronavirus zu ergreifen. Am 05. Februar erklärte die Stiftung dann, dass sie weitere 90 Millionen Euro investieren wolle, um das Coronavirus zu bekämpfen, ungefähr 18 Millionen davon sollen an afrikanische Länder gehen. Einige afrikanische Staaten wie etwa der Sudan baten am 04. Februar auf der Sitzung des Exeuktivrates der WHO explizit um Hilfe. "Es ging dabei zum einen um Schulungen von Fachkräften zur Prävention und Behandlung des Coronavirus", sagt Mathias Bonk vom Institut für Globale Gesundheit in Berlin. Und zum anderen darum, dass sie Materialien wie Test-Kits, Masken und Schutzanzüge bräuchten. Manche dieser Probleme soll ein eigens auf das neue Coronavirus zugeschnittener Strategieplan lösen, den die WHO diese Woche vorstellte.

John Nkengansong von der afrikanischen Seuchenschutzbehörde hat außerdem mit der Weltbank gesprochen und die öffentlichen Gesundheitsbehörden der USA und China um logistische Hilfe gebeten. Gerade die US-Amerikaner hatten bei vergangenen Gesundheitskrisen in Subsahara-Afrika oft geholfen. Was aber, wenn die USA selbst einen schweren Coronavirus-Ausbruch erleben? Auch diese Angst treibt momentan viele um: Dass die klassischen Geberländer so sehr mit Ausbrüchen des Virus beschäftigt sein könnten, dass sie nicht mehr helfen. 

Michel Yao sagt, das WHO-Notfall-Team sei auch mit Nichtregierungsorganisationen wie dem Roten Kreuz und Ärzte ohne Grenzen in Kontakt. An einigen Orten könnten afrikanische Staaten, wenn das Virus sie erreicht, von solchen bereits bestehenden Partnerschaften profitieren. Im Fall der Fälle könnten dann zum Beispiel Ebola-Behandlungszentren im Kongo zu Orten umgewandelt werden, an denen Menschen mit einer Coronavirus-Infektion isoliert und therapiert werden. 

Ilona Kickbusch betont aber auch, dass es nicht allein Geld und Hilfsgüter brauche, sondern auch eine Strategie, wie man Maßnahmen wie Quarantäne und Isolation von Patienten den Menschen in den betroffenen Gebieten erklärt. Bei vergangenen Ebola-Ausbrüchen stellte sich das als Problem heraus: Männer in gelben Schutzanzügen, so muss es sich vielen Dorfbewohnern dargestellt haben, kamen, nahmen gesunde Menschen mit und brachten Tote zurück. Natürlich entstanden dabei Verschwörungstheorien, was es den Behandlungsteams noch schwerer machte, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen.

Gérard Krause vom Helmholtz-Institut für Infektionsforschung ist derweil mit verschiedenen afrikanischen Staaten in Kontakt. Sie denken darüber nach, sein Sormas-System genau wie Ghana und Nigeria einzusetzen. Dort hat das System schon 2017 und 2018 geholfen, einen Affenpockenausbruch unter Kontrolle zu bekommen, sagt Krause. Selbst wenn es für das neue Coronavirus zu spät sein könnte: Eine nächste Epidemie mit einem neuen Erreger kommt bestimmt. Darauf sollte sich ein immer enger vernetztes Afrika vorbereiten.

Alles zum neuen Coronavirus lesen Sie auf unserer Themenseite.

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