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Die perverse Logik des Jihad

BZ Berner Zeitung-Logo BZ Berner Zeitung 21.04.2017 Stefan Brändle; Paris
Die perverse Logik des Jihad © (Bernerzeitung.ch/Newsnetz) Die perverse Logik des Jihad

Frankreich-Korrespondent Stefan Brändle zum Angriff auf drei Polizisten in Paris und die möglichen Auswirkungen auf die Wahl am Sonntag.

Ob der Anschlag auf den Pariser Champs-Elysées ein IS-gelenkter Terroranschlag oder eine kriminelle Einzeltat war, stand am Freitagmorgen noch nicht fest. Das rasch publizierte Bekennerschreiben des Islamischen Staates (IS) bleibt Gegenstand von Untersuchungen, zumal es offenbar einen falschen Täternamen enthält. Für die öffentliche Debatte – und darum geht es zwei Tage vor der präsidialen Schicksalswahl – ändert das wenig: Das Wort „terreur“ ist wieder in aller Munde.

Überrascht ist in Frankreich niemand. Nicht nur die Geheimdienste und Regierung rechneten seit Wochen mit der Möglichkeit eines Anschlags auf die demokratische Institution der Präsidentschaftswahl. Noch diese Woche war in Marseille ein wohl grösserer Anschlag in letzter Minute verhindert worden, als zwei Verdächtige mit einem ganzen Waffenarsenal verhaftet wurden.

Trotzdem weckt der Polizistenmord auf den Champs-Elysées böse Erinnerungen an die drei furchtbaren Attacken von 2015 und 1016 (Charlie Hebdo, Bataclan, Nizza), die insgesamt über tausend Tote und Verletzte forderten. Damit stellt sich unweigerlich die Frage, ob und wie sich diese Schiesserei auf den ersten Wahlgang von Sonntag auswirken wird.

Natürlich könnten Frankreichs Wähler, die laut Umfragen zu mehr als einem Drittel unentschlossen sind, nun stärker versucht sein, auf die Verfechter von Ordnung und Sicherheit zu setzen - konkret auf die Nationalistin Marine Le Pen und den Konservativen François Fillon. Es würde zur perversen Logik des Jihad passen, gewollt oder nicht jene Kandidaten zu fördern, die den Islamismus am härtesten bekämpfen wollen.

Fillon reagierte jedenfalls noch am Donnerstagabend, um die Aussetzung der Wahlkampagne zu verlangen. Das war eine eher symbolische Forderung, da die Kampagne ohnehin am Freitagabend zu Ende geht. Aber politisch zeigt sie, wie schnell die französische Rechte die Gelegenheit erkannt hat, die bis zuletzt unentschlossenen Wähler auf ihre Seite zu ziehen.

Ob Marine Le Pen von der Bluttat auf den Champs-Elysées profitiert, muss sich weisen. Nach den Attacken von 2015 hatte sie in den folgenden Regionalwahlen nur beschränkt – und vielleicht nicht wegen der Terroranschläge – zugelegt. Denn so viel Sicherheit sie verspricht: Als „sicherer Wert“ kann die Front National-Kandidatin nun wirklich nicht gelten. Allein schon ihr EU-Ausstiegsszenario Frankreich würde in eine weitere, diesmal wirtschaftliche Krise stürzen.

Die Frage ist letztlich, wie anfällig die Franzosen für Le Pens Wahldemagogie sind. Lassen sie sich von neu geweckten Terrorängsten leiten? Oder erkennen sie zum Beispiel, dass die von Le Pen als erstes ins Feld geführte Schliessung der Landesgrenzen diese Anschläge nicht verhindert hätte, weil die Attentäter zumeist in Frankreich aufwuchsen? Möglicherweise führt der Anschlag von Donnerstagabend den – leider terrorerprobten - Franzosen von neuem den Ernst der Lage vor Augen und hält sie insofern zu einem überlegten Abstimmungsverhalten an. Man kann es nur hoffen.

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