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«Johnson ist moralisch nicht fähig, unser Land zu führen»

BZ BERNER ZEITUNG-Logo BZ BERNER ZEITUNG 14.01.2022 Peter Nonnenmacher

Der britische Premier muss sich bei der Queen entschuldigen. Der Unmut in der Bevölkerung nimmt zu, selbst Tory-Abgeordnete haben zunehmend genug von ihrem Parteichef.

Boris Johnson, Premier Grossbritanniens. © Foto: Keystone Boris Johnson, Premier Grossbritanniens.

Viele Briten zeigten sich sprachlos nach den neuesten Enthüllungen über Lockdown-Feste in der Londoner Regierungszentrale. Einzelne Tory-Politiker waren «schockiert». Die Regierung selbst sah sich gezwungen, Königin Elizabeth II., Grossbritanniens Staatsoberhaupt, in aller Form um Entschuldigung zu bitten.

Der Zeitpunkt zweier Festivitäten vom April vorigen Jahres, die jetzt erst ans Licht kamen, sei «zutiefst bedauerlich», habe man der Monarchin versichert, hiess es am Freitag in Downing Street. Die zwei gleichzeitig in No. 10 abgehaltenen Partys fanden nämlich am 16. April 2021 statt – in der Nacht vor dem Begräbnis von Prinz Philip, zu einer Zeit offizieller nationaler Trauer und strenger Corona-Restriktionen also.

Im nationalen Gedächtnis ist haften geblieben, wie die Königin am 17. April 2021 einsam und schwarz maskiert im Chorgestühl der Windsor-Kapelle sass, um von ihrem langjährigen Gatten Abschied zu nehmen. Die wenigen zugelassenen Familienmitglieder und anderen Gäste der Royals waren, auf Haushalte verteilt, strikt sozial distanziert während des Gottesdienstes. Mitsingen war ihnen nicht erlaubt.

Johnson selber war bei Partys vom 16. April nicht dabei

In der Regierungszentrale aber fanden am Abend vor dem Windsor-Begräbnis die beiden Feste statt – eines in den oberen Räumlichkeiten, wo sich Boris Johnsons scheidender Kommunikationsdirektor James Slack von seinen Mitarbeitern verabschiedete. Die andere Party im Untergeschoss galt dem Abgang eines der Fotografen der Downing Street.

Bei dieser Gelegenheit wurde getanzt, laute Musik gespielt, viel getrunken und einiges an Wein auf die teuren Teppiche verschüttet. Die Weinflaschen hatte man in aller Stille in einem Koffer aus einem nahe gelegenen Supermarkt herbeigeschafft. Anschliessend setzten die Teilnehmer beider Veranstaltungen ihre Feiern gemeinsam im Downing-Street-Garten fort. Bis tief in die Nacht soll sich das Ganze hingezogen haben. Premier Johnson selbst hielt sich zu dieser Zeit nicht in Downing Street auf.

Oppositionsführer Sir Keir Starmer warf Boris Johnson vor, «sein Amt in Verruf gebracht» zu haben.

Dass die Partys stattgefunden hatten, enthüllte ausgerechnet der rechtskonservative «Daily Telegraph», für den der Premier früher einmal gearbeitet hatte. Zur Entschuldigung, die die Regierungszentrale am Freitag abgab, wollte man sich bei Hofe zunächst nicht äussern.

Oppositionspolitikern war das nachträgliche Bedauern aber nicht genug. «Wie die Queen damals allein sass und um ihren Gatten trauerte – das ist zum eindrücklichsten Bild aus der Zeit des Lockdown geworden», sagte Sir Ed Davey, der Vorsitzende der Liberaldemokraten. «Während sie trauerte, ging es in No. 10 hoch her.»

«Mir fehlen die Worte, was die Kultur und das Benehmen in der Regierungszentrale angeht», meinte auch Labours Vizechefin Angela Rayner. «Dafür trägt letztlich der Premierminister die Verantwortung.» Oppositionsführer Sir Keir Starmer warf Johnson vor, «sein Amt in Verruf gebracht» zu haben, und forderte ihn erneut zum Rücktritt auf.

Tory-Politiker fordern offen Johnsons Absetzung

«Schockiert» zeigte sich sogar Johnsons Innen-Staatssekretär Damien Hinds. «Völlig untragbar» bezeichnete der Tory-Abgeordnete Andrew Bridgen die Feste in der Regierungszentrale. «Johnson ist moralisch nicht fähig, unser Land zu führen», sagte er weiter. In der Tat sind die beiden Partys vom 16. April nur die letzten einer langen Reihe mutmasslicher Lockdown-Verstösse durch die Regierungsspitze und ihre Mitarbeiter.

Diese Woche hatte Premier Johnson zugeben müssen, dass er an einer Party selbst teilgenommen hatte – auch wenn er sie, wie er beteuerte, für «ein Arbeitstreffen» hielt. Inzwischen wartet man in Westminster auf die Ergebnisse einer der Staatsbeamtin Sue Gray übertragenen Untersuchung all der Partyvorwürfe, die in den letzten Wochen erhoben wurden. (Lesen Sie dazu den Artikel «Die Beamtin, die über das Schicksal des Premiers entscheidet».)

Leider zeichne sich «kein Ende der Enthüllungen» ab, klagte der Parlamentarier Bridgen. Er gehört zu einer Handvoll von Tory-Abgeordneten, die offen für die Absetzung Johnsons eintreten. Viele Tories, die noch nicht direkt nach Johnsons Rücktritt rufen, scheinen den Glauben an ihren Parteichef verloren zu haben.

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