Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

SERIE - «Es tobt ein Krieg!» – Wie sich Frauen in anderen Ecken der Welt das Wahlrecht erkämpften

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 22.01.2021 Niklaus Nuspliger, David Signer, Judith Kormann, Katrin Büchenbacher, Ivo Mijnssen

In der Schweiz erhielten Frauen vor fünfzig Jahren das Stimmrecht. Doch wie sah es anderswo aus? Was verband Alkoholgegner und Suffragetten in den USA? Weshalb durften Frauen ausgerechnet in Frankreich erst nach dem Zweiten Weltkrieg wählen? Und warum war das heute konservative Polen recht früh dran? Ein Blick auf fünf ausgewählte Länder.

Schlagt die Fenster ein! Diesen Hammer, datiert von 1913, verwendeten die britischen Suffragetten bei einer Demonstration in London. Topical Press / Hulton / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Schlagt die Fenster ein! Diesen Hammer, datiert von 1913, verwendeten die britischen Suffragetten bei einer Demonstration in London. Topical Press / Hulton / Getty

Grossbritannien: Vom Pferd des Königs überrannt – ihr Tod machte Emily Davison zur Märtyrerin

Niklaus Nuspliger, London · Das Epsom Derby, das prestigeträchtigste Pferderennen in England und ein sozialer Event für das ganze Volk, ist am 8. Juni 1913 in vollem Gang. Als die Jockeys ihre Pferde um die letzte Kurve vor der Zielgerade hetzen, schlüpft Emily Wilding Davison unter der Abschrankung hindurch auf die Rennstrecke. Innert Sekunden steht sie mitten in der Laufbahn, sie wird vom Pferd Ahmer, das König George V. gehört, erfasst und auf den Boden geschleudert. Drei Kameras filmen die Kollision, bald verbreiten sich die schrecklichen Bilder in aller Welt. Rasch wird klar, dass es sich bei der tollkühnen Aktion um den Protest einer Frauenrechtlerin handelt.

Während das Pferd den Zusammenstoss unverletzt übersteht und der Jockey traumatisiert zurückbleibt, erliegt die 40-jährige Davison wenige Tage später im Spital ihren Verletzungen. Als ihr Sarg durch London getragen wird, sind Zehntausende auf den Strassen: Emily Davisons wird zur Märtyrerin der Suffragetten. Doch die genauen Motive und der Hergang der tödlichen Aktion bleiben während Jahrzehnten Gegenstand von Spekulationen.

Emily Davison wirft sich am Epsom Derby im Juni 1913 vor das Pferd von ;König George V. und wird tödlich verletzt. Arthur Barrett / Hulton / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Emily Davison wirft sich am Epsom Derby im Juni 1913 vor das Pferd von ;König George V. und wird tödlich verletzt. Arthur Barrett / Hulton / Getty Davisons Sarg wird durch die Strassen von London getragen, Zehntausende nehmen an der Prozession teil. ; Hulton / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Davisons Sarg wird durch die Strassen von London getragen, Zehntausende nehmen an der Prozession teil. ; Hulton / Getty

Das Vorleben von Emily Wilding Davison offenbart das Bild einer Frau mit einem starken Willen. Es zeugt aber auch von einer dramatischen Radikalisierung. Die 1872 im Südosten Londons in bürgerlichem Hause geborene Davison studiert am Royal Holloway College in Surrey Literaturwissenschaften, muss sich aber nach dem Tod des Vaters das Geld für die Examen als Gouvernante verdienen. An der Universität kommt Davison mit den Aktivistinnen für das Frauenstimmrecht in Kontakt, die sich kurze Zeit später aufspalten. Davison schliesst sich dem radikaleren Flügel an, der 1903 von Emmeline Pankhurst gegründeten Women’s Social and Political Union. Diese Suffragetten sind überzeugt, dass sich das Frauenstimmrecht nur mit zivilem Ungehorsam und militanten Aktionen erstreiten lässt.

Zunehmend radikale Aktionen

Im Juli 1909 wird Davison ein erstes Mal verhaftet, als sie mit Genossinnen eine Rede des damaligen Finanzministers Lloyd George stört. Steinwürfe gegen Fensterscheiben oder das unerlaubte Eindringen ins Parlament in Westminster tragen ihr Auseinandersetzungen mit der Polizei und weitere Verhaftungen ein. Die Aktionen werden zusehends radikaler: Ab 1911 zünden Davison und ihre Mitstreiterinnen Bomben in öffentlichen Briefkästen. Im Gefängnis tritt sie wiederholt in den Hungerstreik, doch werden die Suffragetten mit Zangen, Trichtern und Schläuchen grausam zwangsernährt. In den Augen des politischen Establishments und der Presse sind die Suffragetten Terroristen. In späteren Jahren sollten sich so unterschiedliche Gruppierungen wie die Irisch-Republikanische Armee oder jüngst die radikale Umweltbewegung Extinction Rebellion auf das Erbe der Suffragetten und ihre Taktiken vom Hungerstreik bis zum zivilen Ungehorsam berufen.

1912 stürzt sich Emily Davison im Holloway Prison im Norden Londons von einer Eisentreppe, um mit einer «grossen Tragödie» aufzurütteln, wie sie nach dem missglückten Suizidversuch schreibt. Dies sollte später die Vermutung nähren, Davison habe ihren Plan ein Jahr darauf beim Epsom Derby umgesetzt, sich todesmutig auf die Rennbahn gestürzt und sei nur zufällig mit dem Pferd des Königs kollidiert. 2013 aber lässt der Fernsehsender Channel 4 die alten Filmaufnahmen von einem Team von Forensikern untersuchen. Der Dokumentarfilm führt zu dem Schluss, dass Davison das Pferd des Königs von ihrem Standort aus erkannt hatte und ihm vor laufenden Kameras gezielt einen Suffragetten-Schal an den Hals heften wollte. Mit ihrem Tod löste die tollkühne Aktion ein noch grösseres Echo aus.

Ein Jahr später bricht der Erste Weltkrieg aus. Die Suffragetten hören vorübergehend auf, für das Frauenstimmrecht zu kämpfen, und werden 1918 belohnt: Das Wahlrecht wird für Grundbesitzerinnen, die über 30 Jahre alt sind, erweitert, und erstmals zieht eine weibliche Abgeordnete ins Unterhaus ein. 1928, fünfzehn Jahre nach dem Tod von Emily Davison, erhalten alle Frauen über 21 Jahre mit dem Equal Franchise Act das Stimm- und Wahlrecht und sind fortan an der Urne den Männern gleichgestellt.

USA: Was trunksüchtige Ehemänner mit dem Frauenwahlrecht zu tun haben

David Signer, Chicago · Die USA führten sowohl das nationale Frauenwahlrecht wie auch die Prohibition im Jahr 1920 ein. Die beiden Themen hängen eng zusammen. Denn die Kämpferinnen für die politische Mitbestimmung der Frauen gingen davon aus, dass es das Frauenstimmrecht brauche, um das Alkoholverbot durchzusetzen. Sie litten unter ihren Ehemännern, die ihren ganzen Lohn versoffen und im Rausch gewalttätig wurden.

Wie Carry Nation die Bars verwüstete

Der Feldzug gegen die Flasche hatte mit der Einwanderungswelle trinkfreudiger Katholiken, vor allem Iren und Deutschen, zu tun. Das war Mitte des 19. Jahrhunderts. 1873, nachdem der Bürgerkrieg den Alkoholkonsum noch einmal intensiviert hatte, wurde die Woman’s Christian Temperance Union (WCTU) gegründet. Bald schon war sie die grösste Frauenorganisation des Landes. Während sie anfangs noch Mässigung forderte, trat sie schon bald für Abstinenz und ein landesweites Verbot ein.

Mitglieder der Women’s Christian Temperance Union (WCTU) fordern in Washington die Prohibition. Topical Press / Hulton / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Mitglieder der Women’s Christian Temperance Union (WCTU) fordern in Washington die Prohibition. Topical Press / Hulton / Getty

In ihrem Kreuzzug überlagerten sich mehrere Konflikte: zwischen Alkoholgegnern und Alkoholliebhabern, zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen Alteingesessenen und Immigranten, zwischen Provinz und Grossstadt, zwischen «sittsamen Frauen» und «zügellosen Männern» und zwischen Frauenrechtlern und Gegnern der Emanzipation. Die Führerin der WCTU, die Lehrerin Frances Willard, ging eine Allianz ein mit den Suffragetten, den Kämpferinnen für das Frauenstimmrecht. Damit wurden die beiden Anliegen endgültig verknüpft. Eine ihrer berühmten Parolen lautete: «Es tobt ein Krieg in Amerika, ein Krieg der Mütter und Töchter, Schwestern und Ehefrauen.»

Eine besonders militante Verfechterin des Alkoholverbots war Carry Nation, deren Mann den Folgen seines Alkoholismus erlegen war. Sie war berüchtigt für ihre Saloon-Auftritte, bei denen sie jeweils den Barkeeper zur Seite schob und die Flaschen hinter ihm zertrümmerte, anfangs mit Steinen, später mit einem Beil.

Einen Aufschwung erlebte die Anti-Alkohol-Kampagne im Ersten Weltkrieg. Die Bierbrauereien waren mehrheitlich in der Hand von deutschen Einwanderern. Die verbreitete anti-deutsche Stimmung im Land konnte man gut verbinden mit Parolen gegen die deutschen «Alkoholprofiteure».

Zugleich machte der Kampf für das Frauenwahlrecht Fortschritte. Ein Gliedstaat nach dem anderen führte das Stimmrecht für Frauen ein. Tatsächlich verboten dieselben Staaten jeweils kurz darauf auch alle berauschenden Getränke. 1920 wurden fast gleichzeitig mit dem 18. Verfassungszusatz die landesweite Prohibition, also das Verbot von Produktion und Verkauf von Alkoholika, und mit dem 19. Verfassungszusatz das nationale Frauenstimmrecht in den USA eingeführt.

Die Prohibition verschwand, das Frauenwahlrecht blieb

Bekanntlich funktionierte die Prohibition nicht. Die Amerikaner tranken einfach heimlich weiter, in den sogenannten Flüsterkneipen. In New York hatte sich die Zahl der Bars durch die Einführung der Prohibition verdoppelt. Das Verbot beförderte, nebst dem illegalen Ausschank, die Untergrund-Schnapsbrennereien, den Schmuggel und allgemein die organisierte Kriminalität. Korruption und Gewaltdelikte nahmen zu. Eine Hochburg für die Alkoholmafia war Chicago. Al Capone baute mit dem Cosa-Nostra-Ableger «Chicago Outfit» dort eine regelrechte Schnapsindustrie auf, mit exorbitanten Preisen und prächtigem Gewinn.

Nach dreizehn Jahren, im Jahr 1933, wurde die Prohibition offiziell aufgehoben. Das hatte mit der Grossen Depression nach der Wirtschaftskrise 1929 zu tun, aber auch damit, dass das Alkoholverbot seine wichtigsten Fürsprecherinnen verloren hatte. Denn deren Hauptziel, die politische Mitsprache, war verwirklicht. Für viele Frauen, vor allem in der Grossstadt, galt es nun im Gegenteil als fortschrittlich, sich an einer Party ebenfalls mit einem Cocktailglas in der Hand zu zeigen. Die WCTU existiert zwar noch, ist aber relativ bedeutungslos geworden.

Al Capone auf einer Aufnahme der Polizei von Miami 1931. Capone baute während der Prohibition eine regelrechte ;Schnapsindustrie auf. Everett Collection / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Al Capone auf einer Aufnahme der Polizei von Miami 1931. Capone baute während der Prohibition eine regelrechte ;Schnapsindustrie auf. Everett Collection / Imago

Frankreich: Weshalb das Land beim Frauenstimmrecht zu Europas Schlusslichtern zählte

Judith Kormann · «Die Frau hat das Recht, auf das Schafott zu steigen, sie muss daher auch das Recht haben, auf die Rednertribüne zu steigen», forderte Olympe de Gouges 1791. Mit ihrer «Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne» setzte sie sich schon während der Französischen Revolution für die Gleichstellung von Mann und Frau ein.

Grosse Beachtung fanden de Gouges’ Forderungen allerdings vor allem später – und während das allgemeine Wahlrecht für Franzosen ab 1848 galt, mussten die Französinnen gut hundert Jahre länger darauf warten. In Europa zählt Frankreich zu den Ländern, die das Frauenstimmrecht am spätesten einführten. Anders als in Deutschland, Österreich, Polen oder Grossbritannien, wo Frauen nach dem Ersten Weltkrieg wählen durften, waren die Französinnen erst bei Wahlen 1945 zum ersten Mal stimmberechtigt.

Dass Frankreich so spät dran gewesen sei, liege unter anderem am Katholizismus, der das Land stark geprägt habe, sagt die Historikerin Florence Rochefort vom Centre national de la recherche scientifique. Gegner des Frauenstimmrechts argumentierten, dass die Französinnen besonders stark unter dem Einfluss der Kirche stünden. Sie wollten ihnen das Wahlrecht vorenthalten, damit nicht konservative und antirepublikanische Positionen in der Gesellschaft gestärkt würden. Tatsächlich habe die Kirche viele weibliche Anhänger gehabt, sagt Rochefort. «Denn sie gab ihnen die Möglichkeit, sich in der Gesellschaft einzubringen.»

Suffragetten fordern in Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg das Recht auf politische Mitbestimmung. ; Fox Photos / Hulton / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Suffragetten fordern in Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg das Recht auf politische Mitbestimmung. ; Fox Photos / Hulton / Getty Der Senat blockierte die politische Gleichstellung

Forderungen der Frauen nach politischer Mitbestimmung gab es in Frankreich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Schon damals machte sich etwa die Feministin Hubertine Auclert für das passive und aktive Frauenstimmrecht stark. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Forderungen lauter, und es gab auch politische Vorstösse. Zwischen 1919 und 1936 stimmte die Nationalversammlung mehrmals dafür, Frauen das Wahlrecht zuzusprechen. Doch jedes Mal blockte der Senat, in dem der antiklerikale Parti radical die Mehrheit hatte, den Vorstoss ab. Der starke Einfluss der katholischen Kirche in der Gesellschaft habe es Verfechterinnen des Wahlrechts zudem erschwert, Mitstreiterinnen zu mobilisieren, sagt Rochefort. Die Suffragetten waren in Frankreich zwar aktiv, aber weniger geeint und radikal als etwa in Grossbritannien.

In den 1930er Jahren gelang es besonders der Journalistin Louise Weiss, mit medienwirksamen Aktionen Aufsehen zu erregen. Sie kandidierte 1936 bei den Parlamentswahlen, obwohl sie dem Gesetz nach nicht gewählt werden konnte. Im Juni desselben Jahres blockierte sie mit anderen Suffragetten beim Pferderennen im Pariser Hippodrome de Longchamp die Rennbahn. An die Senatoren verteilte sie Socken und gab zu verstehen, dass diese auch weiter geflickt würden, wenn Frauen das Stimmrecht erhielten.

Ein Wink mit dem Zaunpfahl: Im Juni 1936 pinnt Louise Weiss dem früheren Parlamentspräsidenten Fernand Bouisson ;ein Vergissmeinnicht an die Jacke. Topfoto / ;Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Ein Wink mit dem Zaunpfahl: Im Juni 1936 pinnt Louise Weiss dem früheren Parlamentspräsidenten Fernand Bouisson ;ein Vergissmeinnicht an die Jacke. Topfoto / ;Imago

Zumindest symbolischen Aufwind bekam die Frauenrechtsbewegung 1936 durch den Sozialisten Léon Blum. Als dieser Regierungschef wurde, berief er drei Frauen als Unterstaatssekretärinnen in die Regierung – zu einem Zeitpunkt, als diese nicht gewählt werden konnten. Grosse Fortschritte blieben aber auch unter seiner Regierung aus. Der Krieg drängte das Anliegen der Suffragetten 1939 vollends in den Hintergrund. Sie mussten noch fünf weitere Jahre auf politische Mitbestimmung warten.

De Gaulle genehmigt Wahlrecht per Verordnung

Das Wahlrecht erhielten die Französinnen schliesslich im April 1944, ein gutes Jahr vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs und vier Monate vor der Befreiung von Paris. Der Entschluss wurde in Algier gefasst. Dort diskutierten die Mitglieder einer beratenden Versammlung, einer Art von provisorischem Parlament, über die Organisation des französischen Staates nach dem Kriegsende. Sie sprachen sich bei einer Abstimmung mehrheitlich für das Frauenstimmrecht aus. Ein Hauptargument war damals das Engagement der Frauen in der Résistance.

Am 21. April 1944 unterzeichnete Charles de Gaulle dann jene Verordnung, mit der die Frauen wahlberechtigt wurden. Den General als überzeugten Befürworter der Frauenrechte darzustellen, sei aber übertrieben, sagt die Historikerin Rochefort. De Gaulle habe vor allem gegenüber den Amerikanern Modernität signalisieren wollen. Denn diese standen einem befreiten Frankreich unter seiner Führung skeptisch gegenüber. Bei den Kommunalwahlen im April 1945 durften die Französinnen zum ersten Mal abstimmen. Untersuchungen von Wahlumfragen zeigten, dass sie anfangs tatsächlich konservativer wählten als ihre männlichen Mitbürger.

China: Wie die kommunistische Herrschaft die Frauenwahlrechtsbewegung zu Fall brachte

Katrin Büchenbacher · Der letzte chinesische Kaiser hatte noch nicht abgedankt, als die Feministin Lin Zongsu Ende 1911 in Schanghai weitere Rebellinnen der Sozialistischen Partei zusammenrief. Gemeinsam wollten sie für das Frauenstimmrecht in der zukünftigen Verfassung der chinesischen Republik kämpfen.

Lin habe sich an vorderster Front als Verlegerin und Journalistin im Zuge der Abschaffung der Monarchie für Frauenrechte eingesetzt, schreibt die australische Historikerin Louise Edwards in einem wissenschaftlichen Artikel über das Frauenwahlrecht in China. In der neuen Republik, so hoffte Lin, würden nun ihre Forderungen Gehör finden. Doch als 1912 die provisorische Verfassung nach amerikanischem Vorbild aufgesetzt wurde, gewährte sie zwar allen Bürgern das Wahlrecht. Das Wahlgesetz, das im gleichen Jahr noch erschien, begrenzte dieses jedoch auf Männer mit Besitz und Bildung.

Lin und etwa sechzig weitere Aktivistinnen stürmten am 20. März 1912 wütend das Parlamentsgebäude. Im Monat zuvor hatten sie sich zum Frauenstimmrechtsverband aus sechs feministischen Organisationen zusammengeschlossen. An der Spitze stand Tang Qunying; sie gilt heute als eine der wichtigsten Kämpferinnen fürs Frauenstimmrecht in China. Die Angreiferinnen wurden zwar wieder vertrieben, schlugen aber in einer erneuten Aktion die Fenster des Parlaments ein. Dabei hätten sie bewusst ihre Mitstreiterinnen aus Grossbritannien nachgeahmt, schreibt Edwards. Diese hatten im November 1911 auf dem Weg zum Parlament im Regierungsviertel die Fenster der Geschäfte eingeschlagen.

1947 wird das Frauenstimmrecht in China manifestiert

Echte Errungenschaften erzielten die chinesischen Frauenrechtlerinnen erst später – und damit trotzdem früher als ihre Mitstreiterinnen in vielen europäischen Staaten. In den 1920er Jahren konnten Frauenverbände in vier Provinzverfassungen die Geschlechtergleichheit durchsetzen. In den Debatten um den Verfassungsentwurf des von der nationalistischen Partei Kuomintang (KMT) regierten Chinas forderten die Suffragetten 1936, dass Frauen mindestens 10 Prozent der Sitze zustehen sollten.

Diese Verfassung trat schliesslich erst 1947 in Kraft, nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Frauenquote war darin enthalten. In den darauffolgenden Wahlen der Nationalversammlung und des Legislativ-Yuan (des wichtigsten Gesetzgebungsorgans) durften Frauen nicht nur zum ersten Mal tatsächlich abstimmen, sondern auch zu den Wahlen antreten. Es wurden knapp 10 Prozent Frauen in die Nationalversammlung gewählt. Deshalb sieht der in Grossbritannien lehrende deutsche Historiker Thoralf Klein 1947 als das Schlüsseljahr im Kampf um das Frauenstimmrecht in China. «Da wurde der Verfassungstext zum ersten Mal mit praktischem Leben gefüllt», sagt er im Gespräch. Doch das Ende der Frauenbewegung drohte bereits.

Kommunisten minimieren die politische Partizipation

Nachdem die Kommunisten den Bürgerkrieg gewonnen hatten und die verbleibenden Nationalisten nach Taiwan geflüchtet waren, ruft Mao Zedong am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China aus. Die Frauenbewegung kommt damit zum Stillstand. Denn die Kommunisten dulden keine unabhängigen Gruppierungen, die für politische Veränderung kämpfen. «Die Frauenbewegung wurde in Gestalt des 1949 gegründeten Nationalen Frauenverbandes der Kommunistischen Partei einverleibt», erklärt Klein. Die Nationalisten seien zwar in ihrer gesamten Herrschaft totalitär gewesen, dennoch hätten sie begrenzte gesellschaftliche Freiräume für unabhängige politische Artikulation zugelassen, sagt Klein.

Die Kommunisten verbesserten die gesellschaftliche Stellung der Frau: Sie stellten die Frauen den Männern gleich und forderten sie auf, typische Männerberufe auszuüben. Auf Propagandapostern sah man sie in militärischen Uniformen oder beim Bergbau. Das Ehegesetz von 1950 gab den Frauen dieselben Rechte wie den Männern. Die Kommunisten haben auch am Frauenwahlrecht festgehalten. Das Paradoxe daran: Obwohl es im Einparteistaat China formale Wahlprozesse gibt, kam es nie wieder zu freien Wahlen. Die Möglichkeiten für politische Mitbestimmung im sozialistischen China sind sowohl für Männer wie auch für Frauen äusserst gering. In Taiwan hingegen hat die Verfassung von 1947 mit Ergänzungen bis heute Gültigkeit. Seit den 1990er Jahren hat sich Taiwan zu einer blühenden Demokratie entwickelt, an deren Spitze seit 2016 mit Tsai Ing-wen eine Frau steht.

Polen: Eine Frau wird König und ebnet den Weg für ein frühes Frauenwahlrecht

Ivo Mijnssen, Wien · Polen hat nicht den Ruf, bei Frauenrechten übermässig fortschrittlich zu sein. Die rechtsnationale Regierung in Warschau vertritt konservative «Familienwerte», warnt regelmässig vor der Erosion traditioneller Rollenbilder und löste im Herbst mit einem Quasiverbot der Abtreibung eine Protestbewegung aus. Doch in der unruhigen Geschichte des Landes spielten starke Frauen immer wieder eine entscheidende Rolle.

Frühe Galionsfiguren

Der 28. November 1918, als Polen wenige Tage nach Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit das allgemeine Wahlrecht einführte, war der bis dahin grösste Erfolg der Frauenbewegung. «Sie stützte sich auch auf historische Frauengestalten», meint Iwona Dadej vom Zentrum für historische Forschung in Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Eine von ihnen sei Hedwig von Anjou gewesen, die Ende des 14. Jahrhunderts explizit nicht zur Königin, sondern zum König von Polen gekrönt wurde und so eine prägende politische Rolle spielte.

In der Adelsrepublik Polen-Litauen, die von 1569 bis zur Aufteilung des Staatsgebildes zwischen Österreich-Ungarn, Russland und Preussen existierte, hatten Frauen zwar ebenso kein Wahlrecht wie jene neunzig Prozent der Bevölkerung, die nicht dem Adel angehörten. «Aber einzelne weibliche Galionsfiguren aus dem Hochadel waren sehr präsent», sagt Dadej.

Sie durften den Sitzungen der Reichtstage beiwohnen, auch wenn sie schweigen mussten. Hinter den Kulissen zogen aber einige von ihnen die Fäden. So die 1728 geborene Magnatin Anna Jablonowska. Sie war eine bedeutende Figur in den innenpolitischen Wirren ihrer Zeit. Die etwas jüngere Izabela Czartoryska heiratete in eine der mächtigsten Familien Polens ein und begründete als Mäzenin die Sammlung des ersten polnischen Nationalmuseums.

Beide Familien besassen riesige Güter, wo der Hochadel eigene Regeln erstellte, weitgehend ohne Einmischung des schwachen Staates. Da die Männer zudem oft abwesend waren, aufgrund der vielen Kriege verstorben oder exiliert, erhielten die Frauen zusätzlichen Freiraum: «Die Ehefrauen vertraten ihre Männer und durften sogar vor Gericht auftreten», erzählt die Historikerin Dadej.

Testen von Grenzen

Doch obwohl sich Polen-Litauen 1791 als erst drittes Land der Welt eine moderne Verfassung gab, kamen auch darin Frauen als politische Subjekte nicht vor. Die Zerschlagung des Staates vier Jahre später unterwarf dessen Angehörige der Rechtsordnung dreier verschiedener Imperien.

Trotzdem – oder gerade deshalb – entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine stark vernetzte polnische Frauenbewegung. Sie testete, wie die Historikerin Birgitta Bader-Zaar beschrieben hat, die Grenzen des Wahlrechts. Dieses räumte in Galizien, jenem Teil Polens, der zu Österreich-Ungarn gehörte, ab 1849 steuerzahlenden Frauen ein Wahlrecht auf regionaler Ebene ein. Später durften Grossgrundbesitzerinnen auch an nationalen Urnengängen teilnehmen. Wählen lassen durften sie sich hingegen nicht, was viele als Ungerechtigkeit ansahen.

Den Weg frei für eine Demokratie, die auch Frauen mit einschloss, machte aber erst der Zerfall der zentral- und osteuropäischen Imperien nach dem Ersten Weltkrieg. Bei den Parlamentswahlen im Januar 1919 durften Frauen das erste Mal abstimmen. Darauf zogen die ersten acht Parlamentarierinnen in das Unterhaus, den Sejm, ein. Von Dauer waren die demokratischen Errungenschaften nicht: Bereits in den 1920er Jahren verwandelte Jozef Pilsudski, der einstige Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, Polen in einen zunehmend autoritär geführten Staat. Ab 1939 folgte ein halbes Jahrhundert deutscher und sowjetischer Besetzung.

NZZ-Live-Veranstaltung: Schweizer Frauen: Der lange Weg zur ganzen Demokratie

Wieso dauerte es so lange, bis die eine Hälfte der Staatsbürger die gleichen Rechte bekam wie die andere? Brigitte Studer, Professorin für Schweizer Geschichte, zeigt im Gespräch, wie Behörden, Parlamente, Parteien und Gewerkschaften von links bis rechts die Ungleichbehandlung mit grossem Aufwand aufrechterhielten.

Montag, 1. Februar 2021, 18 Uhr 30, Online-Veranstaltung

Tickets und weitere Informationen finden Sie hier

Alle weiteren Teile der Serie finden Sie unter nzz.ch/frauenstimmrecht.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von NZZ

Neue Zürcher Zeitung
Neue Zürcher Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon