Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Trump leistet sich eine Unverschämtheit zu viel

SZ.de-Logo SZ.de 11.07.2018 Von Daniel Brössler und Stefan Kornelius, Brüssel
Angela Merkel und Donald Trump beim Nato-Gipfel: Zweikampf auf offener Bühne. © dpa Angela Merkel und Donald Trump beim Nato-Gipfel: Zweikampf auf offener Bühne.

• Das Verhältnis zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten hat beim Nato-Gipfel in Brüssel einen neuen Tiefpunkt erreicht.

• US-Präsident Trump nutzt das Treffen am Mittwoch für heftige Attacken.

• Merkel und Trump liefern sich beide öffentlich einen Zweikampf - und reden dann eine Stunde lang miteinander.

Manchmal findet vermutlich auch Angela Merkel, dass es nicht einfach ist, Angela Merkel zu sein. Wie soll sie das jetzt machen? Donald Trump hat den Morgen mit einer Kriegserklärung begonnen, hat Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg schon zum Frühstück Hasstiraden über Deutschland mit solcher Inbrunst serviert, dass die Kanzlerin nicht so tun kann, als wäre alles ganz normal. Als sie nach einem Marsch in ihrem unglaublich blauen Jackett über einen unglaublich blauen Teppich vor den Kameras angekommen ist, sagt sie erst mal: "Ich freue mich auf den Nato-Gipfel und rechne allerdings auch mit kontroversen Diskussionen."

Kontroverse Diskussionen also. Merkel hat beschlossen, dass sie Trump diesmal nicht einfach ignorieren kann. Die Attacken des amerikanischen Präsidenten hat sie oft schon ausgesessen - im Weißen Haus, beim Treffen der G 7. Im Zweifel zog sie ihn zur Seite und bearbeitete ihn mit Fakten und Argumenten. Nach außen funktionierte diese kühle Sachlichkeit wie ein Schild. Das scheint Trump nun durch stetigen Beschuss durchlöchert zu haben.

Von den Angriffen haben sie in Merkels Delegation noch in Berlin erfahren. Nach der Kabinettssitzung war Zeit, die Antwort vorzubereiten. Sie fällt merkelisch sachlich aus. "Der Gipfel ist gut vorbereitet, aber in den Diskussionen werden wir sicherlich auch unterschiedliche Positionen haben." Deutschland verdanke der Nato sehr viel, leiste aber auch "sehr viel für die Nato" - als zweitgrößter Truppensteller, als Land, das den größten Teil seiner militärischen Fähigkeiten in den Dienst der Nato stelle, und das "bis heute sehr stark" in Afghanistan engagiert sei. "Damit verteidigen wir auch die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika", bemerkt die Kanzlerin geradezu spitz. Afghanistan war einst der Krieg, den die Nato auf Bitten der USA führte, gemäß der Beistandsgarantie nach Artikel 5. Zum ersten Mal in der Nato-Geschichte. Deutschland tue "dies sehr gerne und aus Überzeugung".

Die kurze Bemerkung Merkels ist Teil eines irren Zweikampfes, der diesen Brüsseler Nato-Gipfel bestimmt. Es sei "traurig, dass Deutschland einen riesigen Deal mit Russland schließt, während wir Deutschland verteidigen sollen", hatte Trump sich am Morgen bei Stoltenberg beschwert. Es ging ihm um die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2, deren Bau bereits begonnen hat. Da sitze ein früherer deutscher Kanzler - Gerhard Schröder - sogar im Aufsichtsrat, beklagte sich der Präsident. Deutschland werde zu fast 70 Prozent von russischem Gas abhängig sein. "Deutschland wird total von Russland kontrolliert", redete sich Trump in Rage. Und: "Deutschland ist ein Gefangener Russlands."

In diesen Worten steckt eine Unverschämtheit zu viel, die Merkel verbal zurückschlagen lässt - auf ihre Weise. "Ich möchte aus gegebenem Anlass hinzufügen, dass ich erlebt habe, dass ein Teil Deutschlands von der Sowjetunion kontrolliert wurde", sagt die Kanzlerin. Sie sei "sehr froh, dass wir heute in Freiheit vereint sind", und dass "wir unsere eigenständige Politik machen können und eigenständige Entscheidungen fällen können". Das sei sehr gut "gerade für die Menschen in den neuen Bundesländern". In Sachen Ost- und Russlandkompetenz will sich Merkel von Trump nicht belehren lassen.

Im Zentrum des Konflikts zwischen den beiden steht freilich nicht das Gas, sondern das Geld. "Wir verteidigen Deutschland, wir verteidigen Frankreich, wir verteidigen jeden, und wir zahlen viel Geld für diese Verteidigung. Das geht seit Jahrzehnten so", ätzt Trump. Deutschland gebe gerade einmal ein Prozent seiner Wirtschaftskraft für Verteidigung aus, die USA 4,2 Prozent, rechnet der US-Präsident vor.

Das stimmt zwar nicht, denn nach der Nato-Statistik sind es 3,5 Prozent und Deutschland liegt bei 1,24 Prozent. Doch Trump kommt gerade erst in Fahrt. "Das ist sehr unfair gegenüber unserem Land und sehr unfair gegenüber unseren Steuerzahlern", beschwert er sich. "Deutschland ist ein reiches Land", es könne schon "morgen" problemlos mehr zahlen.

Überhaupt will er, dass alle mehr Geld ausgeben. Vier Prozent der Wirtschaftsleistung sollen die Mitglieder künftig zahlen, findet er. Und am Abend kommt ihm noch eine andere Forderung in den Sinn: Zwei Prozent, hämmert er in sein Twitter-Konto, müssten die Nato-Staaten jeweils aufbringen, sofort.

"Schwere Verschärfung"

Merkel lässt sich auf das Fernduell zum Thema Geld ein: "Was die Verteidigungsausgaben anbelangt", sagt die Kanzlerin, habe Deutschland in Zeiten des Kalten Krieges sehr häufig über zwei Prozent der Wirtschaftskraft in die Verteidigung investiert und dann "in der Tat sehr stark reduziert". Man sei nun aber bereit, nach den Nato-Beschlüssen von Wales 2014 die Verteidigungsausgaben zu steigern. "Das tun wir Jahr für Jahr - auch für 2018, auch für 2019. Und wir werden 2024 80 Prozent mehr ausgeben für Verteidigung, als wir das 2014 getan haben."

Ob das reicht? In Merkels Entourage ist man sich schon bewusst, dass es sich hier um eine "schwere Verschärfung" handelt. Die Empörung ist kaum zu zügeln über "all den Unsinn", den Trump von sich gebe. Gas, Russland, Budget - nichts von dem, was der Präsident sage, sei mit den Fakten in Einklang zu bringen. "Er ist der größte Verbreiter von Fake News", raunt einer.

Zeit zur Klärung gibt es: immerhin eine Stunde. Am Rande des Treffens haben sich Merkel und Trump verabredet. Man setzt sich im kleinsten Kreis zusammen, weiße Ledersessel, wieder dieser blaue Teppichboden. Und es ist erstaunlich: Die beiden sprechen ruhig und sachlich. Über Russland, die Ukraine, Syrien, den Handel, Flüchtlinge, Afrika. Kein Wort zum Beitragsstreit, keiner zum Gas. Eine Volte, wie sie für Trump typisch ist. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Die Botschaft ist eh in der Welt und beim Wähler, jetzt kann er wieder die "sehr, sehr gute Beziehung zur Kanzlerin", ja eine geradezu "großartige" Beziehung loben. Und Merkel: Eine "gute Partnerschaft" sei das mit den USA. Die ganze Lage ist, um es vorsichtig zu sagen, unangenehm - auch für den Nato-Generalsekretär.

Schon am Morgen hat er erfolglos versucht, den zornigen Trump zu besänftigen. Später scherzt er, dass sein Treffen mit Trump auch Vorteile gehabt habe. "Ich hatte exzellenten Orangensaft und etwas Toast und etwas Fruchtsalat", berichtet er. Es sei ein "gutes Frühstück" gewesen - "bezahlt von den Vereinigten Staaten". Doch am Ernst der Lage lässt er keinen Zweifel. "Meine Hauptaufgabe ist es, die 29 Alliierten zusammenzuhalten." Beim Rundgang durchs Nato-Hauptquartier steht Donald Trump übrigens stets abseits, den Worten des Generalsekretärs mag er nicht folgen, mal spricht er mit dem niederländischen Premier, dann mit dem türkischen Präsidenten. Mit dem setzt er sich auch demonstrativ ans Ende ab, als die Gruppe der Mächtigen zum Familienfoto zieht, angeführt von Stoltenberg und Merkel. Zwischen die deutsche Kanzlerin und den amerikanischen Präsidenten hat sich also nicht weniger als die gesamte Nato geschoben.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von SZ.de

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon