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Wie andere Länder auf Corona-Deutschland blicken: Germany, null Punkte - Kolumne

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 06.03.2021 Alexander Neubacher

Das Ausland betrachtet uns mit einer Mischung aus Häme, Mitleid und Fassungslosigkeit: Ausgerechnet Deutschland versagt beim Impfen. Dabei hielten sich die Deutschen doch für die Allerschlausten.

© Markus Scholz / dpa

Im englischen »Guardian« erschien diese Woche ein Artikel, der die Lage im Vereinigten Königreich mit der in Deutschland vergleicht. Ein beliebter Kniff linker britischer Medien, um Premier Boris Johnson wie einen Totalversager aussehen zu lassen. Jedenfalls früher. »Why the Germans Do It Better«, heißt ein britisches Sachbuch aus dem vergangenen Herbst: warum die Deutschen es besser machen.

Doch der Journalistentrick funktioniert nicht mehr. The German Impfdebakel hat die Verhältnisse umgekehrt. Jetzt sind die Briten und Britinnen die Helden und fragen sich, warum es bei den Deutschen so schlecht läuft.

Während Johnson mit einer vorausschauenden Impfstoffbeschaffung seinem Land im Juni die Freiheit zurückgeben will, warnt Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem nächsten Lockdown, der »Guardian« schreibt: »Mutti, wie konntest du deine Fans so im Stich lassen?«

In Israel ist bereits mehr als jeder Zweite mindestens einmal geimpft, in Deutschland nur etwa jeder Zwanzigste. US-Präsident Joe Biden verspricht, dass für alle erwachsenen Amerikaner und Amerikanerinnen bis Ende Mai eine Dosis zur Verfügung steht. Merkel peilt an, den Deutschen bis Mitte September »ein Impfangebot« zu machen. Dänemark, Irland, Portugal, Spanien – halb Europa bekommt die Impferei offenbar besser organisiert als wir.

Für Deutsche, zumindest die jüngeren, ist es eine ungewohnte Erfahrung, das Ausland betrachtet uns mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Mitleid. Wie sonst beim Eurovision Song Contest: Germany, zero points. Mit leichter Schadenfreude malen sich britische Kommentatorinnen aus, wie sie im Sommer nach Mallorca reisen und erstmals nicht befürchten müssen, dass deutsche Urlauber alle Poolliegen mit ihren Handtüchern blockiert haben.

Dabei haben wir uns doch für die Allerschlausten gehalten. Die Briten: sind so blöd und treten aus der EU aus. Die Amerikaner: wählen einen Verrückten zum Präsidenten. Die Südländer: sympathische Leute, aber leider desorganisiert. So dachten wir in Deutschland und boten den anderen gern an zu erklären, wie man seinen Müll richtig trennt und aus der Atomkraft aussteigt.

Nun würde niemand behaupten, der deutsche Staat habe auf ganzer Linie versagt. Viele Länder beneiden uns um unsere Krankenhäuser und ums Kurzarbeitergeld der Bundesagentur für Arbeit. Deutschland stellt Hilfsgelder für seine Wirtschaft bereit; noch schöner wär's freilich, wenn das Geld schnell überwiesen würde.

Doch offenbar fehlt uns die Fähigkeit, kreativ auf die Krise zu reagieren. Deutschlands Behörden arbeiten mit der gewohnten bürokratischen Gründlichkeit, Pandemie hin oder her. Lieber bunkern wir Millionen Dosen, anstatt die Impfreihenfolge flexibel anzupassen. Bis alle Zweifel an der Korrektheit von Wohnzimmertests ausgeräumt sind, warten wir lieber erst mal ab.

Ich glaube, das deutsche Versagen besteht in unserer Unfähigkeit, sich anders zu verhalten als typisch deutsch.

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