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Wie die Ukraine Russland mit kleinen Drohnen in Bedrängnis bringt

WELT-Logo WELT 02.08.2022 Ibrahim Naber
Ausspähen und Informationen beschaffen - wo früher Soldaten geschickt wurden, fliegen heutzutage kleine Videodrohnen. In Saporischschja wurden seit Kriegsbeginn mehr als 100 Soldaten darin geschult, wie sie die kleinen Hightech-Fluggeräte zu ihrem Vorteil nutzen können. Quelle: WELT/Ibrahim Naber © WELT/Ibrahim Naber Ausspähen und Informationen beschaffen - wo früher Soldaten geschickt wurden, fliegen heutzutage kleine Videodrohnen. In Saporischschja wurden seit Kriegsbeginn mehr als 100 Soldaten darin geschult, wie sie die kleinen Hightech-Fluggeräte zu ihrem Vorteil nutzen können. Quelle: WELT/Ibrahim Naber

Der bullige Vollbartträger Stas aus Charkiw wirkt auf dem weiten Feld in der Südukraine wie ein Schuljunge am Gameboy. Stoisch starrt der ukrainische Soldat auf den kleinen Bildschirm des Geräts in seinen Händen, als erneut das nahe Donnern der Artillerie ertönt. Nur sechs Kilometer von hier, im Frontgebiet zur Region Cherson, lauern die Russen.

Stas kennt das Gelände ganz genau, vor allem aus der Luft. „Die Russen bombardieren nur Stellungen weiter hinter uns“, sagt der 33-Jährige, der eine orange Drohne über das Gebiet steuert, deren Live-Aufnahmen er auf dem Display verfolgt. „Und wenn wir doch losrennen, rennt uns einfach hinterher.“

Der 33-Jährige, dessen Kampfname „Raptor“ auf seiner Uniform prangt, ist Drohnenoperator der ukrainischen Armee. Aktuell unterstützt er ein Bataillon im Süden, wo die Ukraine mit einer Gegenoffensive Gebiete zurückerobern möchte. „Meistens korrigieren wir mithilfe der Drohnen den Artilleriebeschuss und klären die russischen Positionen auf“, sagt Stas.

Drohnenoperator Stas (r.) mit WELT-Reporter Ibrahim Naber auf der ukrainischen Position nahe der Front in der Südukraine Quelle: Ibrahim Naber © Ibrahim Naber Drohnenoperator Stas (r.) mit WELT-Reporter Ibrahim Naber auf der ukrainischen Position nahe der Front in der Südukraine Quelle: Ibrahim Naber

Sie hielten danach Ausschau, wie feindliche Stellungen abgesichert seien, wo Soldaten schliefen und aßen und wie sie zeitlich ihre Abläufe strukturiert hätten. Das Gelände hier sei absolut flach. Schon mit einer guten zivilen Drohne könne man die russisch besetzte Stadt Cherson sehen. Das kleine Modell des chinesischen Herstellers DJI, das er an diesem Morgen steuert, sei dafür zwar nicht geeignet. Die Reichweite zur Aufklärung betrage dennoch mehrere Kilometer.

Das Problem auf dem Schlachtfeld bleibt die überlegene Feuerkraft der russischen Truppen. Im ungleichen Artillerieduell setzt die Ukraine darauf, intelligenter und präziser Krieg zu führen. Dafür ist die Aufklärung von oben ein entscheidender Faktor – und längst schickt die Ukraine auch bewaffnete Drohnen durch die Lüfte. Hunderte Soldaten werden derzeit im Land an verschiedenen Modellen ausgebildet. WELT hat eine geheime Ausbildungsschule bei Saporischschja und Drohnenkämpfer an der südlichen Front besucht.

Ein ukrainischer Soldat zeigt die Übungsdrohnen auf dem geheimen Stützpunkt bei Saporischschja Quelle: Ibrahim Naber © Ibrahim Naber Ein ukrainischer Soldat zeigt die Übungsdrohnen auf dem geheimen Stützpunkt bei Saporischschja Quelle: Ibrahim Naber

Ulrike Franke forscht seit Jahren zum militärischen Einsatz von Drohnen. Die Expertin für Sicherheit und Verteidigung am European Council on Foreign Relations sagt, dass Drohnen in diesem Krieg eine zentrale Rolle einnähmen. Die Ukraine setze sowohl auf zivile als auch auf militärische Drohnen. Die Armee habe insbesondere die bewaffneten TB2-Drohnen des türkischen Herstellers Baykar „sehr erfolgreich zur Aufklärung und Bekämpfung russischer Truppen und Gerät“ eingesetzt.

Auch beim symbolträchtigen Abschuss des russischen Kriegsschiffes „Moskwa“ im April sei laut ukrainischen Angaben diese Luftunterstützung entscheidend gewesen. „Die Drohne soll die an Bord befindlichen Abwehrsysteme abgelenkt haben, sodass ein Angriff mit Anti-Schiff-Raketen von der anderen Seite stattfinden konnte“, sagt Franke.

Die Bayraktar-Drohne ist etwa sechseinhalb Meter lang und kann schwer bewaffnet werden. Mehr als 50 solcher Modelle soll die Ukraine seit Kriegsbeginn erhalten haben. Zuletzt kamen durch private Spenden von Menschen in Litauen und Polen mehr als zehn Millionen Euro zusammen, um der Ukraine zwei weitere Drohnen zu finanzieren.

Auch wenn es zuletzt mehrere Berichte über den Abschuss von Bayraktar-Modellen durch Russland gegeben habe, seien Putins Truppen bei der Bekämpfung ukrainischer Drohnen bislang wenig erfolgreich, erklärt Franke. Den verschiedenen Systemen etwas entgegenzusetzen sei komplex, da unterschiedliche Abwehrsysteme nötig seien. Russland selbst setze in der Ukraine vor allem auf „die Orlan-10-Drohne, von denen Russland mehrere Hundert (nach Berichten auch 1000) Systeme“ habe. Auch die Orion-Drohne werde eingesetzt. Beide Modelle seien bewaffnet.

Russen nutzen GPS-Störsender

Durch die Gläser seiner Sonnenbrille blickt Soldat Stas zum Himmel, wo die orange Drohne sanft zur Landung Richtung Boden gleitet. Eigentlich, sagt er, könnten die meisten Modelle automatisch gesteuert werden. Aber das Problem sei, dass die Russen GPS-Störsender einsetzten.

„Und diese Drohnen verlassen sich oft sehr stark auf GPS.“ Darum müssten sie das Fluggebiet genau kennen. Die Navigation erfolge im Wesentlichen visuell. Auch manche der kleineren Modelle könnten bewaffnet werden, etwa mit Granaten. Damit könnten Soldaten angegriffen, jedoch keine größeren Geräte zerstört werden.

Aufgrund der russischen Artillerieüberlegenheit müssten sie in der Aufklärung noch besser arbeiten, weil die eigenen Ressourcen knapp seien. „Wir müssen uns ganz sicher sein, dass alle Fahrzeuge auf den Plätzen sind und wir die Koordinaten kennen, bevor wir sie an unsere Artillerie zum Abschuss weitergeben können.“ Am Ende sei es ähnlich wie bei einem Schachduell.

Die Russen rekonstruierten die Feuerposition der ukrainischen Einheiten und schlugen jeweils zurück – oft mit der doppelten oder vielfachen Anzahl an Einschlägen. Nicht nur Stas, sondern auch einige andere Soldaten in der Frontregion im Süden halten eine große Gegenoffensive aktuell für gefährlich. Das Risiko hoher eigener Verluste sei bei den aktuellen Rahmenbedingungen hoch. Sie müssten zuerst Russlands Artillerie zerstören.

Knapp 250 Kilometer östlich von der Frontregion in Cherson, auf einem geheimen Stützpunkt bei Saporischschja, werden Soldaten an einer Drohnenschule ausgebildet. Leiter Denis Peskow präsentiert auf einem Regal in einem umgebauten, gelben DHL-Postwagen mehrere Modelle. Sie kommen von Herstellern aus China und den USA, kosteten zwischen 3000 und 13.500 Dollar und dienten jeweils einem anderen Zweck. Ihre kleinste Drohne passe in einen Rucksack, die könne jeder mit sich tragen.

Ein Blick auf den Bildschirm: Drohnen klären die russischen Positionen auf Quelle: Ibrahim Naber © Ibrahim Naber Ein Blick auf den Bildschirm: Drohnen klären die russischen Positionen auf Quelle: Ibrahim Naber

„Wenn man zum Beispiel schnell einen Kameraden finden muss, der in Schwierigkeiten steckt, kann man zehn Leute losschicken. Oder man nutzt einfach diese Drohne“, sagt Peskow. Er bringe Soldaten hier bei, wie sie die Flugobjekte bedienen, wie sie auskundschaften und mit bestimmten Drohnen auch angreifen.

Laut Expertin Franke kamen in der Ukraine zuletzt sogenannte Kamikazedrohnen zum Einsatz. „Hier geht es um Einmaldrohnen, die über einem Ziel kreisen können, im Falle eines Angriffs aber mit ihm zerstört werden.“ Die Ukraine habe vor allem aus den USA, aber auch aus Großbritannien Hunderte dieser Systeme erhalten, sogenannte Switchblades und Phoenix Ghost.

„Auch wenn diese Einmaldrohnen keine große Sprenglast tragen können, können sie doch gegen Personen, Fahrzeuge und sogar Panzer eingesetzt werden“, erklärt Franke. Gerade russische Panzer seien von oben besonders schlecht geschützt.

Russland bemüht sich um Drohnen aus dem Iran

Im Juli gab es Berichte, wonach sich Russland derzeit um Drohnen aus dem Iran bemühe oder sogar schon erhalten hat. Der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, sagte vor Reportern, iranische Experten könnten russische Einheiten schon bald ausbilden. Laut Franke zeige der Deal, dass Russland die eigene Drohnenentwicklung „zum gewissen Grad verschlafen“ habe. Die iranischen Systeme seien kampferprobt und relativ billig. Es sei jedoch noch nicht zu prognostizieren, welchen Einfluss die Drohnen im Krieg haben könnten.

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