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«Zum Glück liegt Schnee auf dem Balkon» – Ukrainer von Strom und Wasser abgeschnitten

watson.ch-Logo watson.ch 24.11.2022
epa10259375 A part of the city in darkness during cyclic power cutoffs to reduce the power grid load in residential area in Kyiv (Kiev), Ukraine, 22 October 2022. Russian troops on 24 February entered Ukrainian territory, starting a conflict that has provoked destruction and a humanitarian crisis. EPA/SERGEY DOLZHENKO © SERGEY DOLZHENKO/keystone-sda.ch epa10259375 A part of the city in darkness during cyclic power cutoffs to reduce the power grid load in residential area in Kyiv (Kiev), Ukraine, 22 October 2022. Russian troops on 24 February entered Ukrainian territory, starting a conflict that has provoked destruction and a humanitarian crisis. EPA/SERGEY DOLZHENKO

Gezielte russische Raketenangriffe auf das ukrainische Energienetz haben in der Ukraine zu grossflächigen Blackouts geführt. Zwei Drittel der Bevölkerung Kiews waren zeitweise von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. Ein Twitter-User berichtet aus seinem Alltag.

Die Nächte in Kiew sind in letzter Zeit häufig dunkel. Sehr dunkel. Schon seit Wochen kommt es in der ukrainischen Hauptstadt immer wieder zu vereinzelten Stromausfällen. Doch die letzten russischen Raketenangriffe haben zu einer vorübergehenden Abtrennung aller Atomkraftwerke und der Mehrzahl der Wärme- und Wasserkraftwerke geführt, schrieb das Energieministerium in Kiew am Mittwoch auf Facebook. Das beeinträchtigte nicht nur das Energienetz in Kiew, sondern auch in anderen Städten wie Lwiw, Odessa und Tschernihiw. Auch die benachbarte ehemalige Sowjetrepublik Moldau ist einen Tag später zu Teilen noch ohne Strom.

Die gestern 71 gezählten russischen Raketen gingen gezielt auf Objekte der Energieversorgung nieder. Als Konsequenz davon waren gestern Abend 80 Prozent der Hauptstadt von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. Die Schäden seien schwer, die Reparatur werde Zeit benötigen, so das Energieministerium weiter.

Betroffen von dem Blackout war auch Twitter-User Tymofiy Mylovanov, der seine Erfahrungen auf der Plattform teilt. Es gebe keine Elektrizität, keine Heizung und kein Wasser. Die Aussentemperatur liege um den Gefrierpunkt, doch noch sei die Wohnung von den vorangegangenen Tagen warm, schreibt er.

Er gehörte zu den 70 Prozent von Kiew, die auch am Morgen nach den Raketenangriffen keine Elektrizität hatten. Wie Bürgermeister Vitali Klitschko am Donnerstag auf seinem Telegram-Kanal mitteilt, sei es immerhin gelungen, die Stadtteile am linken Flussufer des Dnipro wieder mit Wasser zu versorgen. Die kommunalen Dienste arbeiteten mit Hochdruck an der Behebung der Schäden, doch die Stromversorgung Kiews hänge auch von der Stabilität des gesamten Energiesystems in der Ukraine ab. Am Donnerstagnachmittag wurde dann verkündet, dass das ukrainische Stromnetz wiederhergestellt werden konnte.

Schnee gegen Wasserknappheit

Mylovanov machte sich am Morgen noch keine allzu grosse Sorgen um die fehlende Heizung – zumindest, solange die Temperatur nicht unter -10 Grad falle. Mehr Probleme verursache die fehlende Wasserversorgung. In vielen Teilen Kiews mussten die Menschen gestern draussen in der Kälte Schlange stehen, um Wasser aus Brunnen zu pumpen.

Mylovanov hatte sich glücklicherweise bereits im Vorfeld einen Vorrat von 100 Litern Wasser angelegt. Zudem machte er sich den gefallenen Schnee zunutze:

«Ausserdem liegt Schnee auf unserem Balkon. Das ist ein erstaunlich grosser Wasservorrat. Aber jedes Mal, wenn ich etwas holen will, muss ich die kalte Luft hereinlassen, das ist nicht gut.»

Trotz der kalten Luft war Twitter-User Christopher Miller froh um diesen Tipp. Er bedankte sich bei Mylovanov und postete ein Foto von einer mit Eis gefüllten Pfanne.

Wasser und Bargeld werden knapp

Das Wasser in Lebensmittelläden ist vielerorts bereits knapp. Nahrungsmittel gebe es vorerst aber noch genügend, schreibt Mylovanov weiter. Zur Sicherheit sei er am Tag zuvor aber einkaufen gegangen, um einen kleinen Vorrat zu haben. Das Problem beim Einkaufen sei vor allem, dass man derzeit fast nur mit Bargeld bezahlen könne. Aus diesem Grund wolle er bald Bargeld abheben. Mit dieser Idee war er allerdings nicht der Einzige: Viele Geldautomaten hätten bereits kein Geld mehr, schreibt dieser Twitter-User:

Vom Stromausfall waren auch Luftalarme betroffen. In Stadtteilen ohne Elektrizität mussten deshalb handbetriebene Sirenen und Lautsprecher vor möglichen neuen russischen Luftangriffen warnen. Das teilte die Verwaltung der ukrainischen Hauptstadt am Mittwochabend mit.

Mylovanov möchte sich etwas Ähnliches wie eine Tesla-Batterie für zu Hause zulegen, teilt er auf Twitter weiter mit. Er habe sich bereits elektrische Heizungen gekauft, welche dann über die Batterie laufen und das Heizungsproblem lösen könnten – vorausgesetzt der Strom läuft zwischenzeitlich wieder. Er befürchtete allerdings, dass der Strom für lange Zeit ausfallen werde, weshalb er wohl Gas- oder Holzkochgeräte brauchen werde.

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Die Ukraine kämpft weiter

Nebst der Stromversorgung konnte auch die Wasserversorgung in Kiew grösstenteils wiederhergestellt werden.

«Doch braucht es eine gewisse Zeit, bis das Wasserleitungssystem wieder mit voller Leistung arbeitet», warnte Bürgermeister Klitschko auf Telegram. Insbesondere in Hochhäusern reiche der Wasserdruck nicht immer aus.

Trotz dieser guten Neuigkeiten bleibt die Lage für die ukrainische Bevölkerung wortwörtlich düster. Bereits vor einer Woche teilte Regierungschef Denis Schmihal mit, dass das Energienetz der Ukraine zur Hälfe beschädigt oder zerstört sei. Ans Aufgeben denkt die Ukraine aber noch immer nicht, wie sie mit diesem Tweet auf ihrem offiziellen Kanal deutlich macht:

«Strom, Wasser und Heizung werden wiederhergestellt. Das russische Imperium nicht.»

(saw, mit Material der Nachrichtenagenturen sda und dpa)

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