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Corona macht die Bruchlinie zwischen säkularen und orthodoxen Juden sichtbar

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 27.01.2021 Peter Münch
Zusammenstösse in Ashdod: Ultraorthodoxe Demonstranten versuchen zu verhindern, dass israelische Polizisten eine Schule schliessen, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. © Bereitgestellt von Der Bund Zusammenstösse in Ashdod: Ultraorthodoxe Demonstranten versuchen zu verhindern, dass israelische Polizisten eine Schule schliessen, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern.

Der Streit unter den Juden bedroht den israelischen Staat und seine Identität genauso wie der althergebrachte israelisch-arabische Konflikt.

Zusammenstösse in Ashdod: Ultraorthodoxe Demonstranten versuchen zu verhindern, dass israelische Polizisten eine Schule schliessen, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. © Bereitgestellt von Der Bund Zusammenstösse in Ashdod: Ultraorthodoxe Demonstranten versuchen zu verhindern, dass israelische Polizisten eine Schule schliessen, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern.

Per Gesetz ist Jerusalem 1980 zur ungeteilten Hauptstadt Israels erklärt worden. Vollzogen wurde damit die Annexion des arabischen Ostteils der Stadt. Doch wer in diesen Tagen durch Jerusalem streift, der findet eine zweigeteilte Stadt vor. Die Trennung verläuft nicht zwischen dem arabischen Osten und dem jüdischen Westen, sondern zwischen den Vierteln der ultraorthodoxen Juden und dem Rest Jerusalems. Die Corona-Pandemie hat hier eine Bruchlinie in grelles Licht getaucht, die für den jüdischen Staat und seine Identität genauso bedrohlich werden kann wie der althergebrachte israelisch-arabische Konflikt

In dem einen Teil Jerusalems rund um die zentrale Jaffa-Strasse sieht man verriegelte Läden und Passanten, die Masken tragen. Die Schulen sind hier seit langem schon geschlossen. In dem anderen Teil Jerusalems wie im streng religiösen Mea Shearim dagegen herrscht ein Treiben, als ob es keinen Lockdown und kein Coronavirus gäbe: Fast alle Geschäfte sind geöffnet, kaum einer trägt Maske, und in vielen Yeshivot, den Religionsschulen, wird scheinbar sorglos unterrichtet.

Auf den religiösen Sektor, der 12 Prozent der Bevölkerung ausmacht, entfallen 40 Prozent aller Corona-Infektionen.

Solche Zustände wie in Mea Shearim und in den meisten anderen ultraorthodoxen Wohnvierteln und Städten Israels sind gesundheitspolitisch gefährlich. Schliesslich entfallen auf den religiösen Sektor, der 12 Prozent der Bevölkerung ausmacht, zurzeit rund 40 Prozent aller Corona-Infektionen. Vor allem aber sind sie gesellschaftspolitischer Sprengstoff: Denn sie werden vom säkularen Teil der Israelis als Provokation und als Warnzeichen dafür wahrgenommen, wohin die De-facto-Autonomie der Ultraorthodoxen führen kann.

Offenbar fällt es der Regierung leichter, den Tel Aviver Flughafen für den gesamten Luftverkehr zu schliessen als eine Schule in Mea Shearim.

Seit jeher geniessen diese in Israel zahlreiche Privilegien wie die Befreiung vom Militärdienst. Die Ignoranz gegenüber der Pandemie allerdings zählt nicht zu diesen Privilegien – und ist trotzdem über Monate hinweg weithin geduldet worden vom Staat. Nur 2,3 Prozent aller Strafzettel, die landesweit wegen verteilt wurden, betrafen die ultraorthodoxen Wohnviertel. Offenbar fällt es der Regierung leichter, den Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafen für den gesamten Luftverkehr zu schliessen als eine Schule in Mea Shearim.

Verantwortlich dafür ist in erster Linie Netanyahu

Der Eindruck also, dass ein Teil der Gesellschaft über dem Gesetz steht, wird von der Politik befördert – und verantwortlich dafür ist in erster Linie . Zwar haben auch die meisten Regierungschefs vor ihm mit den religiösen Parteien im Parlament koaliert und deren Klientelpolitik bedient. Doch keiner vor ihm hat sich in eine solche Abhängigkeit begeben. Netanyahus Macht hängt von der Unterstützung zweier ultraorthodoxer Parteien in der Koalition ab, und das hat jenseits der nun gefeierten Impferfolge nicht nur Schatten auf die Corona-Bekämpfung in Israel geworfen, sondern auch die Gräben in der Gesellschaft vertieft.

Besuch in einem Impfzentrum in Nazareth: Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu steht mit seiner Corona-Politik vor einem politischen Dilemma.  © Foto: Gil Eliyahu (EPA) Besuch in einem Impfzentrum in Nazareth: Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu steht mit seiner Corona-Politik vor einem politischen Dilemma.

Die Folgen dieser Politik sind nun auf den Strassen zu sehen: Wenn die Polizei doch einmal durchgreift, um in den ultraorthodoxen Vierteln grosse Hochzeitsfeiern zu beenden oder Schulen zu schliessen, folgen , die das ganze Land erschrecken. Dies sollte eigentlich Anlass sein, die Regeln des Zusammenlebens neu zu definieren, um den inneren Frieden in Israel zu sichern. Doch die Chancen dafür stehen gerade mal wieder schlecht. Es herrscht Wahlkampf in Israel, und Netanjahu . . . siehe oben.

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