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Frauen gehen bei körperlichen Beschwerden alternative Wege

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung vor 3 Tagen Lena Bueche

Ob Homöopathie, Ayurveda oder Osteopathie: Die Schweizer Bevölkerung setzt auf komplementärmedizinische Behandlungen. Besonders bei Frauen sind sie beliebt. Aber weshalb?

Leistungen der traditionellen chinesischen Medizin können über die Grundversicherung abgerechnet werden, wenn sie von einem Facharzt erbracht wurden. Gaëtan Bally / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Leistungen der traditionellen chinesischen Medizin können über die Grundversicherung abgerechnet werden, wenn sie von einem Facharzt erbracht wurden. Gaëtan Bally / Keystone

Die Primarlehrerin M. H. hat ihre Ausbildung kaum hinter sich. Aber bereits nach wenigen Jahren im Beruf muss sie aussteigen: Die psychische Belastung ist ihr zu gross. Seit ihrer Kindheit ringt sie mit sich selbst. Als 10-Jährige besucht M. H. zum ersten Mal eine Kinderpsychologin. Bei ihr wird eine Depression und eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Es folgen zahlreiche Gesprächstherapien bei wechselnden Psychiatern. Einmal wird sie gar für mehrere Wochen stationär behandelt. Später nimmt sie hochdosierte Antidepressiva.

Heute ist M. H. 33 Jahre alt und will von alldem nichts mehr wissen. Aus ihrer Sicht haben weder die Medikamente noch die Schulmediziner ihr wirklich geholfen. Sie vertraut jetzt stattdessen auf einen medizinischen Masseur und Naturheilpraktiker, der auch Elemente aus der ayurvedischen und der traditionellen chinesischen Medizin in die Behandlung integriert. Seither gehe es ihr besser, sagt sie.

Bevölkerung ist positiv eingestellt

Mit ihren Erfahrungen ist M. H. nicht allein. Komplementärmedizin ist in der Schweiz beliebt. Bei der letzten Gesundheitsbefragung gab jeder Vierte an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine komplementärmedizinische Therapie in Anspruch genommen zu haben. Bei einer Volksabstimmung im Jahr 2009 sprachen sich 67 Prozent der Stimmenden dafür aus, komplementärmedizinische Behandlungen im Gesundheitssystem zu verankern.

Seither können fünf Therapieformen über die Grundversicherung abgerechnet werden: Homöopathie, chinesische Medizin, Neuraltherapie, anthroposophische Medizin und Phytotherapie. Zwei Drittel der Bevölkerung verfügen zudem über eine Zusatzversicherung, die weitere komplementärmedizinische Behandlungen abdeckt. Ob Osteopathie, Fussreflexzonenmassage, Kinesiologie, Heileurythmie oder Schröpfen: Je nach Anbieter können über vierzig weitere Therapieformen versichert werden.

Frauen bevorzugen «sanfte» Mittel

Die ehemalige Primarlehrerin M. H. entspricht dem Profil der typischen Anwenderin: So würden komplementärmedizinische Therapien und Arzneimittel besonders von Frauen, Personen mittleren Alters und solchen mit höherem Bildungsabschluss in Anspruch genommen. Das ergab eine Auswertung der jüngsten schweizerischen Gesundheitsbefragung. Auch in anderen europäischen Ländern findet sich dieser Zusammenhang, wie eine Untersuchung 2018 zeigte.

Wieso gerade Frauen sich für Komplementärmedizin entscheiden, ist für die Schweiz noch wenig erforscht. Es gibt kaum Fachpublikationen, die sich mit der Frage beschäftigen. Und in populärwissenschaftlichen Beiträgen wird vor allem spekuliert: So seien Frauen stärker mit der Natur verbunden und hätten besonders während der Schwangerschaft und des Stillens ein Bedürfnis nach «sanften» und «natürlichen» Mitteln. Ähnliches gelte bei Menstruationsbeschwerden, der Menopause oder bei Unfruchtbarkeit.

In der anthroposophischen Medizin spielen Pflanzenextrakte eine wichtige Rolle. Gaëtan Bally / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung In der anthroposophischen Medizin spielen Pflanzenextrakte eine wichtige Rolle. Gaëtan Bally / Keystone

Besser untersucht sind die Motive von Krebspatientinnen. So wollen etwa Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind, mithilfe einer komplementärmedizinischen Therapie die Nebenwirkungen der Krebsmedikamente lindern oder das Immunsystem stärken, wie eine deutsche Studie kürzlich ergab.

Nach Alternativen sucht, wer chronisch krank ist

Generell sind chronische Erkrankungen häufig ein Grund, weshalb komplementärmedizinische Behandlungen nachgefragt werden. So wies eine Analyse der nationalen Gesundheitsbefragung nach, dass dies in der Schweiz vor allem bei Migräne, Arthritis, Allergien und Depressionen der Fall ist – also bei komplexen Erkrankungen, deren Ursache oft schwer zu eruieren ist. Das macht auch deren Behandlung schwierig.

Dieser Aspekt hat auch M. H. dazu bewogen, sich von der Schulmedizin abzuwenden. Sie findet, viele Schulmediziner bekämpften lediglich Symptome, statt nach der Ursache für die Beschwerden zu suchen. Ausserdem lasse die Abrechnung über die Taxpunkte den Schulmedizinern weniger Spielraum, was die Dauer der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und der Beratung anbelange. Ihr Naturheilpraktiker dagegen könne sich für die Gespräche mit ihr eine ganze Stunde Zeit nehmen.

Tatsächlich scheint die Beziehung zum Therapeuten ein entscheidender Faktor zu sein. So sollen besonders Frauen den regelmässigen und vertieften Austausch schätzen. Ausserdem sind unter den Anbietern alternativer Behandlungen selber viele Frauen. Einer Vertreterin desselben Geschlechts gegenüberzusitzen, kann intime Gespräche erleichtern.

Die spirituelle Dimension spielt eine Rolle

Während die Komplementärmedizin in der breiten Bevölkerung auf Anklang stösst, ist sie unter vielen Ärzten umstritten. Denn für einige Therapien kann keine Wirksamkeit nachgewiesen werden, die über den Placebo-Effekt hinausgeht. Deswegen heisst es oft, wer komplementärmedizinische Therapien anwende, müsse naiv oder irrational sein. Gegen dieses pauschale Urteil gibt es aber Widerstand aus sozialwissenschaftlicher Perspektive.

So hätten Frauen aus soziokulturellen Gründen eine andere Beziehung zu ihrem Körper und eine andere Auffassung von Körperlichkeit als Männer. Deshalb würden sie sich Therapien zuwenden, die Krankheit und Heilung anders deuteten als die naturwissenschaftlich geprägte Medizin mit ihrer mechanistisch-biologischen Konzeption.

Tatsächlich berücksichtigen viele komplementärmedizinische Therapien neben dem physischen Leib auch dessen mentale oder spirituelle Dimension: Manche Therapien referieren auf die Seele oder die Psyche, andere auf Vitalkräfte oder Energieflüsse. Mit diesen nichtstofflichen Aspekten weiss die Schulmedizin wenig anzufangen.

Die Primarlehrerin M. H., die seit einem Jahr nicht mehr unterrichtet, stört sich daran, dass alternative Therapien oft belächelt würden. Stattdessen wünscht sie sich, Schulmedizin und Komplementärmedizin würden einander gegenseitig befruchten. Inspiriert von ihrem Therapeuten, hat sie nun selber eine Ausbildung zur medizinischen Masseurin in Angriff genommen.

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