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Gemeinsam ist Familie Schurter stark

Schweizer Illustrierte-Logo Schweizer Illustrierte 16.01.2022 Eva Breitenstein

Vor zwei Jahren hat Nina Schurter ihre MS-Erkrankung öffentlich gemacht. Wie es ihr heute geht, wie lange Mountainbike-Legende Nino noch fahren will und welche Eigenschaft Lisa von ihnen hat, verrät die Familie beim Besuch in Valbella GR.

Lisa ist bereit. Mit den Skischuhen an den Füssen und dem Helm auf dem Kopf steht sie im Gang, plaudert und wartet auf ihre Eltern Nina und Nino Schurter, beide 35. Für Lisa ist es der erste Ski- und Schlitteltag der Saison. Und die Sechsjährige kann es kaum erwarten, mit Papa endlich die Piste hinunterzuflitzen, nachdem es im Valbella Resort zuerst eine gemütliche Familienrunde mit Globi-Buch gegeben hat. «Für mich ist der Winter eine schöne Abwechslung», sagt Nino Schurter, neunfacher Mountainbike-Weltmeister. Es ist die Zeit, in der er nicht ständig an Wettkämpfe reist, seine Familie mehr geniessen kann, auch auf den Langlaufski trainiert. Ein solcher Familientag im Schnee, zum Beispiel hier in der tief verschneiten Lenzerheide unweit ihres Wohnorts Chur GR, das gibt es so sieben-, achtmal pro Jahr. 

Zwei Monate Südafrika vor der Einschulung

Doch der Winter bei den Schurters ist kurz. Der aktuelle sogar noch kürzer als sonst: Mitte Januar fliegen sie für zwei Monate nach Südafrika, genauer nach Stellenbosch nahe Kapstadt, wo sie eine Wohnung besitzen. Die Gegend ist im Winter ein beliebter Treffpunkt für Radsportler, bei besten Bedingungen lässt sich dort in der Sonne trainieren. Dass die ganze Familie gleich zwei Monate in Südafrika verbringt, wird sich aber bald ändern. Lisa kommt im Sommer in die Schule, dann werden solche langen gemeinsamen Reisen schwierig – also nutzen sie die Chance noch einmal. 

Kurt Reichenbach / © Bereitgestellt von Schweizer Illustrierte Kurt Reichenbach /

Für die Zeit im Süden ist Lisa in einem Kindergarten angemeldet, damit sie dort Anschluss an andere Kinder hat. Englisch spricht sie bereits fliessend: Von Schurters letztem Au-pair aus Südafrika hat sie die Sprache sofort angenommen. Was man vom Rätoromanischen nur bedingt behaupten kann. Zwar spricht Mama Nina ausschliesslich Romanisch mit ihr, «sie antwortet allerdings auf Schweizerdeutsch, spricht nur mit meinem Vater ab und zu», erzählt Nina lächelnd. 

Zustand ist seit der Stammzellen-Therapie gleich

Dass die Familie ein Au-pair benötigt, geht auf Ninas Krankheit zurück. Vor 14 Jahren hat sie die Diagnose Multiple Sklerose bekommen, eine autoimmune Erkrankung des Nervensystems. Vor zwei Jahren hat sie in der Schweizer Illustrierten zum ersten Mal öffentlich darüber gesprochen. Damals hatte sie gerade eine Stammzellentherapie hinter sich, die sie im Rahmen einer Registerstudie am Unispital Zürich machen durfte. Nicht ohne Risiko, aber mit viel Hoffnung auf eine Besserung, wie sie bei anderen Erkrankten eingetroffen ist. «Das war bei Nina leider nicht der Fall», sagt Nino. Und seine Frau ergänzt: «Mein Zustand ist nun seit zwei Jahren gleich. Auch nicht schlechter, was eigentlich gut ist. Aber das Ziel ist natürlich schon, dass es besser wird.»

Kurt Reichenbach / © Bereitgestellt von Schweizer Illustrierte Kurt Reichenbach /

Der gleiche Zustand – das heisst für die ehemalige Arztsekretärin, dass sie den linken Arm und das linke Bein nicht mehr gut bewegen kann, Probleme mit den Augen hat. Dass die Familie im Alltag auf Unterstützung angewiesen ist, wenn Nino unterwegs ist. Neben dem Au-pair, das jeweils bei ihnen wohnt, helfen auch die Eltern von beiden. Ebenfalls zum täglichen Leben gehört heute: ausprobieren, testen, auf neue Medikamente hoffen, die bald kommen könnten. «Etwas anderes bleibt einem fast nicht.» 

«Positiv zu sein, ist einfach unsere Lebenseinstellung»

Die Schurters haben mit der Krankheit leben gelernt, bauen den Alltag so, dass er für alle stimmt. Bei einem Schneetag wie heute gehen sie etwa schlitteln, was für Nina gut machbar ist. Oder Nino und Lisa fahren beim kleinen Hang in Valbella Ski, wo Nina im Restaurant Fastatsch sitzen und zuschauen kann. In diesen Familienmomenten wird gelacht, gewitzelt, genossen – denn die beiden sind nach wie vor enorm positive Menschen. «Das ist einfach unsere Lebenseinstellung», sagt Nina.

Kurt Reichenbach / © Bereitgestellt von Schweizer Illustrierte Kurt Reichenbach /

Was würde es schon bringen, sich jeden Tag zu sagen, wie blöd die Krankheit ist! Nino und Lisa helfen Nina mit Gelassenheit, man spürt, hier ist ein gut eingespieltes Team am Werk. Bei aller Zuversicht versuchen sie aber nicht, die Situation schönzureden, erzählen ehrlich und offen. «Natürlich gibts Momente, in denen nicht alles gut ist. Gerade an einem Tag wie heute mit all den Dingen, die Nina nicht machen kann», sagt Schurter. Zum Beispiel war die Bündnerin früher eine begeisterte Skifahrerin. «Aber sie ist stark. Sie macht das sehr gut.» 

Lisa ist ebenso aktiv wie die Eltern

Und dann ist da noch Lisa, «unser Sonnenschein». Sie hat die Freude an der Bewegung von ihren Eltern geerbt. Schon fast legendär sind die Videos, die Nino auf Social Media von den gemeinsamen Mountainbike-Touren teilt. Wie die Tochter unerschrocken und in Vollmontur mit ihrem kleinen Velo die Trails hinunterdüst. In den Ferien liebt sie das Schnorcheln – «nächstes Mal will ich dann tauchen gehen!»– , ausserdem singt sie im Chor. Beim Fotoshooting schüttelt sie Schnee von den Bäumen, während des Gesprächs möchte sie unbedingt Billard spielen. «Sie ist ähnlich wie wir. Sehr aufgestellt, hat schnell Kontakt mit Leuten. Erzählt uns witzige Sachen aus dem Kindergarten.»

Kurt Reichenbach / © Bereitgestellt von Schweizer Illustrierte Kurt Reichenbach /

Auch Nino Schurter hat keinerlei Interesse daran, einen Gang zurückzuschalten. Der Olympiasieger von 2016 hat für dieses Jahr unter anderem mit Ex-Profi Ralph Näf eine neue internationale Rennserie für Breiten- und Profisportler in der Schweiz ins Leben gerufen. Und wenn es optimal läuft, möchte er auch an den Olympischen Spielen in Paris 2024 noch als Bikeprofi starten. «Ich habe das Gefühl, ich habs immer noch drauf», sagt er. «Aber je älter ich werde, desto mehr muss alles zusammenkommen, damit es aufgeht.» 

Der frühere Dominator war in der vergangenen Saison für seine Verhältnisse zuerst nicht ganz so erfolgreich, wurde im Olympiarennen Vierter, war enttäuscht. Und reagierte dann prompt mit seinem neunten Weltmeistertitel! Dass ihn viele schon abgeschrieben hätten, «macht den Erfolg nur schöner». Ein Perfektionist ist er geblieben, der die Verbesserung im Detail sucht und seinen Beruf ernst nimmt.

Kurt Reichenbach / © Bereitgestellt von Schweizer Illustrierte Kurt Reichenbach /

Doch mit Lisa und auch wegen Ninas Krankheit ist heute nicht mehr alles im Leben nur noch auf Ninos Karriere ausgerichtet. Und die Ablenkung kann auch gut sein. «Ich glaube, ich bin schon etwas lockerer geworden», sagt er. «Abends haben wir es oft gemütlich», bestätigt Nina. Es sind die Momente, in denen die Schurters eine ganz normale Familie sind.

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