Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Italien will mehr Mitsprache bei der Mehrländerbörse Euronext

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 07.04.2021 Gerhard Bläske, Mailand

Die Übernahme der Mailänder Börse durch die französisch dominierte Euronext stösst in Italien auf immer heftigere Kritik. Politik, Aufsichtsbehörden und Medien fordern Zugeständnisse von Euronext, um die Position der Borsa Italiana und des Finanzplatzes Mailand zu sichern.

Der Verkauf der Mailänder Börse an Euronext war in Italien lange kein Thema. Jetzt jedoch regt sich Widerstand. ; Valeria Ferraro / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der Verkauf der Mailänder Börse an Euronext war in Italien lange kein Thema. Jetzt jedoch regt sich Widerstand. ; Valeria Ferraro / Imago

Der Euronext-Chef Stéphane Boujnah wollte die Übernahme der Mailänder Börse ursprünglich bis Ende März in trockenen Tüchern haben. Doch die Realisierung des Projekts verzögert sich, weil sich in Italien Widerstand gegen das Projekt formiert hat. So erklärte der Kommissar der italienischen Börsenaufsicht Consob, Paolo Ciocca, in einem Webinar, die Mailänder Börse müsse auch künftig eine zentrale Rolle spielen. Entsprechende Investitionen müssten sichergestellt werden. Consob sowie die Notenbank Banca d’Italia müssen einer Übernahme noch zustimmen. Consob hat bis Ende Mai Zeit, sich zu äussern.

Die London Stock Exchange (LSE) musste ihre italienische Tochter aus kartellrechtlichen Gründen im Zusammenhang mit der Übernahme des amerikanischen Datenanbieters Refinitiv schweren Herzens verkaufen. Euronext hatte trotz besseren Konkurrenzangeboten der Deutschen Börse und der Zürcher SIX für rund 4,3 Mrd. € den Zuschlag für die italienische Börse erhalten. Mit der Übernahme würde die Mehrländerbörse zum führenden Börsenplatz in Europa und hofft darüber hinaus, zum Nukleus einer europäischen Kapitalmarktunion zu werden.

Nacht-und-Nebel-Aktion des Finanzministers

Es ist zwar unwahrscheinlich, dass das Vorhaben noch scheitert. Doch Consob, die Notenbank Banca d’Italia, Politik und Medien drängen auf mehr Autonomie für die Borsa, eine stärkere Vertretung Italiens in der Führung der künftigen Euronext sowie klare Investitionszusagen. Der Consob-Chef Paolo Savona betrachtet die Borsa Italiana und ihre Töchter, insbesondere die Handelsplattform für Staatstitel MTS, als strategisch und will darauf achten, dass «die operative Autonomie der Borsa Italiana und ihr Wachstum» sichergestellt sind. Ausserdem sei zu gewährleisten, dass Mailand eine zentrale Rolle als Finanzplatz behalte.

Der Ex-Wirtschafts- und Finanzminister Roberto Gualtieri hatte die Mailänder Börse quasi in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an Euronext vergeben – ohne die Konkurrenzangebote der Deutschen Börse und der Schweizer SIX überhaupt zu kennen. Das verwunderte sowohl den deutschen Botschafter in Rom, Viktor Elbling, als auch den SIX-Präsidenten Thomas Wellauer. In einem NZZ-Interview sagte er kürzlich, Euronext wolle die Handelsaktivitäten stark zentralisieren. «Wir hingegen hatten der Borsa Italiana eine dezentrale Lösung angeboten, so wie auch der spanischen Börse.» SIX hat Madrid 2020 übernommen.

Nur Brosamen für die Borsa Italiana

Die Übernahme der Borsa war in Italien lange gar kein Thema. Erst in den letzten Wochen wuchs der Widerstand gegen die Euronext- Übernahme massiv. Denn für die Borsa Italiana, die künftig mehr als ein Drittel zum Umsatz der Mehrländerbörse beisteuern wird, fielen nur Brosamen ab. Man befürchtet, trotz einer geplanten Euronext-Beteiligung der mehrheitlich staatlichen italienischen Förderbank Cassa Depositi e Prestiti (CDP) und der Bank Intesa Sanpaolo, von den Franzosen untergebuttert zu werden.

Französische Unternehmen haben in den letzten Jahren einen Grossteil der italienischen Wirtschaft aufgekauft (Banken wie BNL, Luxusgüterunternehmen wie Gucci, Bulgari und Bottega Veneta, Lebensmittelkonzerne wie Galbani und Parmalat, Fiat Chrysler), italienische Unternehmen aber werden in Frankreich immer wieder ausgebremst. Ende März hatte der neue Wirtschaftsminister Daniele Franco die Kritik aufgegriffen und erklärt, es sei «opportun, den wirtschaftlichen Interessen Italiens und der Borsa Italiana» Rechnung zu tragen. Giorgia Meloni, Chefin der rechtsnationalen Oppositionspartei Fratelli d’Italia, forderte Premierminister Mario Draghi auf, klar Position zu beziehen. Eine offizielle Anfrage der NZZ bei der Regierung in Rom bleibt seit Tagen unbeantwortet.

Volksvertreter in beiden Kammern des Parlaments debattieren seit Dienstag über zwei Anträge, in denen es um die Rolle Gualtieris bei dem Deal, aber auch um die Wahrung der strategischen Interessen Italiens geht: Einer stammt von den Regierungsfraktionen, einer von den oppositionellen Fratelli d’Italia. Beiden gemeinsam ist, dass zusätzliche Garantien für die Borsa verlangt werden. Es geht um mehr Autonomie, es geht um klare Investitionsverpflichtungen zugunsten Mailands, und es geht um die Verteilung der Führungsposten.

Fast alle Schlüsselpositionen in französischer Hand

Scharf kritisiert wird, dass der Euronext-CEO Boujnah fast alle Schlüsselpositionen mit Vertrauten aus der französischen Politik besetzt hat, die Staatspräsident Emmanuel Macron nahestehen. Italien stellt nur den CFO und künftig mit Piero Novelli, Ex-Co-Chef des UBS-Investment-Banking, den Verwaltungsratsvorsitzenden, der aber keine operativen Befugnisse hat. So gibt es Forderungen, den Posten des CEO an Italien zu vergeben und den Euronext-Firmensitz nach Mailand zu verlagern – zumindest aber zentrale Funktionen. Auch an der Technologieplattform von Euronext wird massiv Kritik geübt. Sie sei mehrmals ausgefallen und den Systemen der Borsa Italiana weit unterlegen, heisst es in Mailand. Nach Ansicht der Parlamentarier sollte die Regierung das Projekt notfalls über die Golden-Power-Regelung stoppen.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von NZZ

Neue Zürcher Zeitung
Neue Zürcher Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon