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KOMMENTAR - Der Internationale Währungsfonds braucht einen Neustart – auch auf dem Chefposten

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 12.10.2021 Thomas Fuster

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IMF) wird verdächtigt, eine Datenmanipulation zugunsten Chinas in Auftrag gegeben zu haben. Alles deutet darauf hin, dass sie den Skandal aussitzen will. Damit schadet sie sich selbst, vor allem aber dem Währungsfonds.

Kristalina Georgiewa geniesst zwar noch das Vertrauen des IMF-Aufsichtsgremiums. Gleichwohl ist sie für den Währungsfonds zu einer Belastung geworden. ; Omar Marques / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Kristalina Georgiewa geniesst zwar noch das Vertrauen des IMF-Aufsichtsgremiums. Gleichwohl ist sie für den Währungsfonds zu einer Belastung geworden. ; Omar Marques / Imago

So hatte sich Kristalina Georgiewa die Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds (IMF) und der Weltbank nicht vorgestellt. Eigentlich wäre geplant gewesen, in Washington über Themen wie Weltkonjunktur, Pandemie, Verschuldung oder Finanzmärkte zu debattieren. Deutlich mehr Aufmerksamkeit als diese Traktanden absorbierte aber die Frage, ob Georgiewa weiterhin die richtige Person ist, um den IMF als geschäftsführende Direktorin zu leiten.

Der Schaden ist angerichtet

Um die Antwort vorwegzunehmen: Sie ist es nicht mehr. Die Bulgarin mag eine ausgezeichnete Ökonomin sein, sie ist für den IMF aber mehr Belastung als Bereicherung. Zwar hat das Aufsichtsgremium in der Nacht auf Dienstag der Direktorin sein «volles Vertrauen» ausgesprochen. Der Entscheid war zuvor aber diverse Male vertagt worden und erfolgte erst nach episch langen Sitzungen. Es war ein zähes Ringen, von einer starken Rückendeckung kann keine Rede sein.

Das Hadern hat seine Gründe. Denn die Vorwürfe gegen Georgiewa wiegen schwer. So kam ein unabhängiger Untersuchungsbericht vor Monatsfrist zu dem Ergebnis, dass die 68-Jährige 2007 als damalige Geschäftsführerin der Weltbank den einflussreichen «Doing Business»-Report manipulieren liess, damit China ein besseres Ranking erzielt. Aus Rücksicht auf Peking wurde so lange an der Rangliste herumgebastelt, bis das Ergebnis als tolerierbar erschien. Zuvor hatte China in der Angelegenheit gezielt Druck gegenüber der Weltbank aufgebaut.

Georgiewa stellt die Anschuldigung in Abrede. Dennoch ist offenkundig, dass es zu Manipulationen kam und Mitarbeiter, die mit dem Bericht beschäftigt waren, unter Druck gesetzt wurden. Offen bleibt allein die konkrete Rolle der einzelnen Akteure, also die Frage, wer genau wann die Anweisung für die Schummelei gab. Diese Frage ist letztlich aber zweitrangig. Denn der Schaden ist längst angerichtet. Und das Gebot der politischen Verantwortung verlangt, dass die damalige Chefin die Konsequenzen trägt.

Man soll sich keiner Illusion hingeben: Georgiewa wird diesen Skandal nicht mehr los. Daher wird sie ihren Job als IMF-Chefin auch nicht mehr wirkungsvoll ausüben können. Denn von der obersten Vertreterin des Währungsfonds wird erwartet, dass sie gegenüber Regierungen auch Unbequemes auszusprechen vermag und dabei stets neutral agiert. Ob sie diese Erwartung erfüllen kann, ist nun infrage gestellt. Nicht nur in Verhandlungen mit China wird man Georgiewa stets verdächtigen, gegenüber politischer Einflussnahme empfänglich zu sein.

Diplomatie und Wissenschaft unter einem Dach

Um den IMF und die Weltbank sowie deren Glaubwürdigkeit zu schützen, sollte Georgiewa zurücktreten. Das ist sie auch den hochqualifizierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der beiden Schwesterorganisationen schuldig. Die von diesen Experten aufbereiteten Daten gelten Forschern rund um den Globus als Goldstandard. Diese Reputation steht auf dem Spiel, wenn die Datenmanipulation quasi als Lappalie beiseitegeschoben wird.

Gewiss, die aufgedeckten Probleme haben auch institutionelle Gründe. So sagte Paul Romer, ein früherer Chefökonom der Weltbank, einst treffend: «Diplomatie und Wissenschaft können unter demselben Dach nicht gedeihen.» Er meinte damit: Die heikle Aufgabe, die Mitgliedsländer von Weltbank und IMF bei Laune zu halten, verträgt sich schlecht mit einer unabhängigen Forschung, die für Mitglieder auch Unangenehmes zutage fördert.

Wie das Dilemma zu lösen ist, bleibt offen. Romer, der als Erster auf das Missbrauchspotenzial des «Doing Business»-Reports aufmerksam gemacht hatte, regt eine komplette Auslagerung der Forschungsarbeit an. Doch wahrscheinlich muss man gar nicht so weit gehen. Auch mit der Errichtung einer undurchlässigen Mauer zwischen den eher politischen und akademischen Bereichen der Organisation wäre schon viel gewonnen. Damit wird es aber nicht getan sein. Um ein klares Signal auszusenden, braucht es auch eine personelle Erneuerung.

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