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KOMMENTAR - In der Klima- und Energiepolitik wimmelt es von gespaltenen Persönlichkeiten: Eine Energiewende ist nicht kostenlos – auch nicht für Politiker

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung vor 4 Tagen Gerald Hosp

Eigentlich möchten alle weg von fossilen Brennstoffen. Der amerikanische Präsident Biden fordert aber die Petro-Staaten auf, mehr Erdöl zu fördern. Und die Europäer sind verblüfft, dass die Gaslieferungen aus Russland spärlich ausfallen. Was ist da los?

Kontrolle an einer Erdgaspipeline in der Ukraine. Gleb Garanich / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Kontrolle an einer Erdgaspipeline in der Ukraine. Gleb Garanich / Reuters

Dass eine Aufgabe wie die Umstellung der Energieversorgung einer Gesellschaft kein geradliniges Unterfangen ist, dürfte jeder und jedem klar sein. Dennoch drängt sich einem derzeit der Eindruck auf, wie Alice, die in einem bekannten Kinderbuch aus Neugierde einem weissen Kaninchen in seinen Bau gefolgt ist, in einer verkehrten Welt gelandet zu sein.

Liebe Opec, bitte fördere!

Es fängt mit dem amerikanischen Präsidenten Joe Biden an, der den Vereinigten Staaten strikte Klimaziele verschrieben hat. So sagte Biden im August, die USA müssten umgehend die Klimakrise angehen. Zwei Tage nach dieser Aussage meldete sich der Sicherheitsberater des Präsidenten zu Wort und rief die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und weitere Petro-Staaten dazu auf, mehr Rohöl zu fördern. Damit Benzin endlich wieder billiger werde. Der Grund für die Schizophrenie ist klar: Biden kommt wegen allgemein steigender Preise politisch unter Druck.

Gespaltene Persönlichkeiten bevölkern auch die Internationale Energieagentur (IEA), eine Organisation der Industrieländer. Wenn weltweit das Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2050 erreicht werden solle, dürften ab sofort keine Investitionen mehr in neue Erdöl-, Erdgas- oder Kohlefelder fliessen, schrieb jüngst die IEA. In den laufenden Marktberichten weist die Organisation aber regelmässig darauf hin, dass anhand der Nachfrageentwicklung neue Felder benötigt würden.

Der Gaspreis ist heiss

Derzeit sorgen weltweit stark gestiegene Erdgaspreise für Sorgenfalten. Erdgas ist in Europa vor allem deshalb teurer geworden, weil die Zeit knapp wird, vor der kalten Jahreszeit noch die Erdgasspeicher zu füllen. Die Nachfrage nach Gas hat in den vergangenen Monaten auch zugelegt, weil in der EU der Preis für Emissionszertifikate abhob. Wenn die Berechtigung zum Ausstoss von CO2 mehr kostet, wechseln manche Produzenten bei der Verstromung von Kohle auf Gas, was die Nachfrage nach Erdgas anheizt. Die Gaspreise reissen auch die Strompreise nach oben.

Ein Teil des Problems ist, dass das Gasangebot derzeit schwächelt. Üblicherweise hat Russland frei verfügbare Produktionskapazitäten. Dieses Jahr ist es anders. Es wird darüber spekuliert, ob Russland, Europas grösster Erdgaslieferant, unwillig oder unfähig ist, mehr Gas zu liefern. Die Wahl zwischen einem Gasmarkt am Gängelband des Kremls und grossen Preisschwankungen erscheint wenig attraktiv. Unterdessen wird auf einen milden Winter gehofft. Aber Hoffnung ist in der Regel keine gute Politik.

Bereits gibt es Anzeichen, dass wegen des hohen Preises Erdgas bei der Stromproduktion von Kohle verdrängt wird, was den CO2-Ausstoss tendenziell erhöht. Das ist der energiepolitische Super-GAU: hohe Kosten und hohe Emissionen. Wenn gestiegene Preise aber, wie im Fall fossiler Brennstoffe, nicht zu mehr Angebot führen sollen, bedarf es anderer Quellen. Die offensichtliche Antwort mancher Politiker wie des EU-Kommissions-Vizepräsidenten Frans Timmermans ist es, einen schnelleren Übergang zu erneuerbaren Energien zu propagieren.

Aktivismus ersetzt nicht Umsicht

Die Episoden zeigen aber auf, dass Energiepolitik und die Energiewende vor Zielkonflikten und Spagaten nur so strotzen. Es gilt, Versorgungssicherheit, Umweltverträglichkeit und Bezahlbarkeit unter einen Hut zu bringen. Wenig zielführend ist es, Preissignale zu unterdrücken. Der Druck auf die Politik, «irgendetwas» gegen hohe Energiepreise zu tun, ist bereits in manchen europäischen Ländern wie Spanien oder Griechenland zu sehen. Die USA und China setzen strategische Erdölreserven ein, um den Preis zu drücken.

Aktivistische Politik ersetzt aber nicht Umsicht, sondern vergrössert vielmehr die Zielkonflikte. Ein breiter Energiemix und Reservekapazitäten sind die bewährten Mittel, um zwischen diesen Forderungen einen Ausgleich zu schaffen. Dabei gilt es, reinen Wein einzuschenken: Die Energiewende ist nicht kostenlos. Auch nicht für Politiker.

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