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Nestlé ist ein Feindbild – aber im Emmental zeigt sich, was so ein Weltkonzern der Schweiz bringt

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung vor 4 Tagen Matthias Benz, Konolfingen
Kühe grasen vor dem Nestlé-Werk im bernischen Konolfingen. Arnd Wiegmann / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Kühe grasen vor dem Nestlé-Werk im bernischen Konolfingen. Arnd Wiegmann / Reuters

An wenigen Orten kommen sich die ländliche Schweiz und ein Weltkonzern so nahe wie im bernischen Konolfingen. In Sichtweite des örtlichen Nestlé-Werks grasen Kuhherden auf sanften Hügeln. Verstreute Bauernhöfe wirken wie braune Farbtupfer im satten Grün. Im Hintergrund erheben sich mächtig die weissen Silhouetten der Berner Alpen. Es ist eine Postkartenidylle am Tor zum Emmental.

Nirgendwo sonst steht wohl auch das Nationalprodukt Milch in so enger Verbindung mit der globalisierten Wirtschaft. Die Bauern aus der Region liefern jährlich rund 100 Mio. Liter Milch an Nestlé. Sie bilden die Grundlage dessen, was der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern in Konolfingen herstellt: spezielle Säuglingsnahrung und komplexe Produkte für die medizinische Ernährung.

Babymilch für die Welt

Im Innern der Nestlé-Fabrik herrscht nicht bäuerliche Beschaulichkeit, sondern Hightech-Atmosphäre. Die Produktion ist voll automatisiert, der Mensch kümmert sich nur noch um die Überwachung der Maschinen, wie es für eine Fabrik in einem Hochkostenland wie der Schweiz kaum mehr anders geht.

Gerade laufen Babymilchpulver-Dosen mit chinesischen Schriftzeichen vom Band. Fast alles hier Produzierte geht in den Export. Asien und der Mittlere Osten sind wichtige Absatzmärkte. So landet Emmentaler Milch in den Fläschchen von chinesischen Säuglingen.

Die Babymilchpulver-Dosen aus Konolfingen werden in die halbe Welt exportiert. Gaëtan Bally / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Babymilchpulver-Dosen aus Konolfingen werden in die halbe Welt exportiert. Gaëtan Bally / Keystone

Ein Konzern mit Imageproblemen

In Konolfingen haben die Schweiz und einer ihrer Grosskonzerne noch eine Verbindung. Andernorts scheint diese aber verloren gegangen zu sein. Zwischen der Schweizer Bevölkerung und ihren Weltkonzernen hat sich eine Entfremdung breitgemacht. Viele Schweizerinnen und Schweizer sehen Grosskonzerne kritisch und haben kaum mehr Verständnis für sie.

Die Menschen stören sich etwa an abgehobenen Managersalären oder an der mangelnden Bodenhaftung der globalisierten Wirtschaft. Der Unmut hat in den vergangenen zehn Jahren zu zahlreichen Volksinitiativen geführt. Der bisherige Kulminationspunkt war wohl die Konzernverantwortungsinitiative mit ihrem Fokus auf «böse» Grosskonzerne. Sie ist im vergangenen Herbst nur ganz knapp am Ständemehr gescheitert.

Auch der Name Nestlé löst oft heftige Reaktionen aus. Manch ein Schweizer hat das Bild eines Konzerns im Kopf, der von Kinderarbeit auf Kakaoplantagen profitiert oder natürliche Wasserquellen zulasten der lokalen Bevölkerung ausbeutet. Hartnäckig hält sich die Erinnerung an den Babymilch-Skandal aus den 1970er Jahren. Auch 50 Jahre später hallt die Empörung darüber in globalisierungskritischen Kreisen nach.

In dieser Stimmungslage scheint ein nüchterner Blick oft nicht mehr möglich zu sein. Aber was bringt ein Grosskonzern wie Nestlé eigentlich der Schweiz? Wie sieht die Realität aus, dort, wo er tätig ist, wie im bernischen Konolfingen?

Zufriedene Konolfinger

«Wenn Nestlé Konolfingen verlassen würde, wäre das ein Erdbeben für uns», sagt der Konolfinger Gemeindepräsident Heinz Suter. Er sitzt in einem funktionalen Büro im properen Gemeindehaus, die Nestlé-Fabrik liegt in Sichtweite gleich auf der anderen Seite der Bahnlinie nach Bern. Suter ist parteilos, er ist ein Gemeindepräsident, wie es viele gibt in der Schweiz: nüchtern, pragmatisch, sachorientiert.

Für Suter hat die Präsenz des Weltkonzerns in der 5000-Seelen-Gemeinde viele Vorteile. «Nestlé beschäftigt in Konolfingen rund 1000 Personen. Diese Arbeitsplätze quasi im Haus zu haben, ist wichtig, denn wir wollen keine Schlafgemeinde werden, wo die meisten nur noch nach Bern pendeln.» Der Konzern bringe viele Stellen mit guten Löhnen in eine eher strukturschwache Region.

Suter sieht auch andere Profiteure im Ort. Das Nestlé-Werk ziehe mit seinen Aufträgen viele lokale Klein- und Mittelunternehmen (KMU) mit. Der Konzern sei ein wichtiger Steuerzahler, auch wenn er die meisten Abgaben am Hauptsitz in Vevey entrichte. Er locke doch einige Expats «mit Potenz im Portemonnaie» an, die hohe Mieten an die lokalen Immobilienbesitzer zahlten. Für die Jungen sei Nestlé ein «Tor zur Welt» mit guten Ausbildungs- und Karrierechancen, die ein KMU so nicht bieten könnte. Nicht zuletzt nehme der Verarbeitungsbetrieb den Bauern in der Region eine beträchtliche Menge Milch ab.

Über 100-jährige Geschichte

Dass Nestlé in Konolfingen eine starke Präsenz hat, ist nicht selbstverständlich. Die lange Geschichte des Standortes geht zurück auf den Walliser César Ritz, den Gründer der gleichnamigen Hotelkette, der 1892 in Konolfingen die Berneralpen Milchgesellschaft einrichtete. Sie sterilisierte Milch und füllte sie in Dosen ab, die Ritz auch in seinen noblen Hotels, etwa in Südfrankreich, verkaufte. Mithin war die Globalisierung schon in den Anfängen des Standortes angelegt. Bald kam die bekannte Stalden-Crème dazu. In den 1950er Jahren wurde in Konolfingen das UHT-Verfahren entwickelt.

Aber die Situation des Werks blieb unsicher. «Wenn Nestlé nicht 1971 den Standort übernommen hätte, gäbe es ihn heute wohl nicht mehr», meint Gemeindepräsident Suter. «Auch danach wurde weiter gezittert, es war länger nicht klar, was Nestlé mit dem Werk anfangen würde.»

Innovationszentrum mit globaler Ausstrahlung

Erst ab 2006 renkte sich alles ein. Der Nahrungsmittelkonzern begann, im grossen Stil in den Standort Konolfingen zu investieren, rund 600 Mio. Fr. wurden seither aufgewendet. Einerseits baute Nestlé das Produktionswerk für Säuglingsnahrung aus und modernisierte es. Anderseits erweiterte man in Konolfingen das Forschungs- und Entwicklungszentrum für Milchprodukte.

Dieses Forschungs- und Entwicklungszentrum ist mit Blick auf Milch das einzige im ganzen Nestlé-Konzern. «Die Innovationen von hier werden in die ganze Welt getragen», sagt Thomas Hauser, Leiter der globalen Produkt- und Technologieentwicklung bei Nestlé. «Alles, was bei Nestlé mit Milch zu tun hat, ob Säuglingsnahrung, Milchgetränke oder pflanzenbasierter Milchersatz, hat seinen Ursprung in Konolfingen. Es gibt nirgends so viel Expertise für Milch und Milchtechnologien wie hier.»

Neben der Produktentwicklung werden in Konolfingen auch die Produktionsanlagen entworfen, wenn Nestlé irgendwo auf der Welt eine neue Fabrik für Milchprodukte baut. Insgesamt arbeiten im Forschungs- und Entwicklungszentrum rund 400 Menschen. Man spricht Englisch, das Personal stammt aus 40 Nationen. Zahlreiche Expats kommen hierher, um sich während ein paar Jahren weiterzubilden und danach in ihren Heimatländern in Europa, Südamerika, Afrika oder Asien Führungsrollen in den Fabriken einzunehmen.

Die Verbindung von Produktion und Entwicklung am gleichen Standort ist wichtig. «Wir können so neue Produkte gleich mit dem nötigen Fertigungs-Know-how ausprobieren», sagt der Nestlé-Manager Hauser. «Diese hohe Spezialisierung hilft, einen Standort, der im internationalen Vergleich hohe Kosten aufweist, in der Schweiz zu halten.»

Unerwartete Konfliktzonen

Die Präsenz vieler ausländischer Nestlé-Mitarbeiter verlieht Konolfingen eine Spur kosmopolitisches Flair. Die Expats schickten ihre Kinder früher meist in die internationale Schule im nahen Gümligen, heute geht der Nachwuchs öfters auch in die öffentlichen Schulen in Konolfingen. Im Dorf wird das von vielen als eine kulturelle Bereicherung gesehen. Aber Zuwanderung ist politisch stets heikel, wie die Debatten in der Schweiz um die Personenfreizügigkeit zeigen.

In Konolfingen scheint es allerdings keine grösseren Konflikte zu geben. Die Expats nehmen den Einheimischen keine Jobs weg. Und sie bleiben üblicherweise nicht lange, nach ein paar Jahren kehren sie wieder in ihre Heimatländer zurück. Deshalb hält sich auch die Integration ins Dorfleben in Grenzen. Die ausländischen Arbeitskräfte und die einheimische Bevölkerung scheinen in ziemlich getrennten Welten zu leben.

Wenn es Probleme mit «Dichtestress» gibt, dann kommen diese von anderswo. Die Negativzinsen und der Immobilienboom in der Schweiz hinterlassen auch in Konolfingen ihre Spuren. «Im Aaretal unten findet man kaum mehr etwas, die Stadtbevölkerung drängt nun zu uns hinauf», sagt Gemeindepräsident Suter.

Die Immobilien- und Bodenpreise sind stark gestiegen. Immerhin ist man von Konolfingen mit dem Regionalzug in 17 Minuten am Berner Hauptbahnhof. Die Zuwanderung einer städtisch geprägten Bevölkerung führt zu unerwarteten Konfliktzonen. Manch konservativer Emmentaler findet, die Städter brächten schon andere Werte mit.

Nicht ohne Unbehagen

Kritik an Nestlé entzündet sich in Konolfingen eher an anderen Themen. Die grosse Fabrik sei ein Klotz im kleinen Dorf, meinen einige. Eine Zeitlang war Lärm, der in die besseren Wohnlagen an den Hügeln hochzog, ein Problem.

Selbst Gemeindepräsident Suter spürt bisweilen ein Unbehagen. Die Abhängigkeit vom Grosskonzern hat auch Schattenseiten. «Wenn in der Nestlé-Zentrale in Vevey dereinst entschieden werden sollte, dass es den Standort in Konolfingen nicht mehr braucht, dann ist er schnell weg. Da würde man vergebens argumentieren, dass das Werk wichtig für die Region sei.» Suter meint deshalb, man müsse besonders auf gute Rahmenbedingungen achten.

Nähe schafft Verständnis

Die Präsenz eines Weltkonzerns im Ort verändert die Wahrnehmung der Menschen. Ältere Dorfbewohner nennen das Konolfinger Werk immer noch «Siedi» – von Milch sieden. Sie haben einen gewissen Stolz auf die Fabrik. Für die zahlreichen Angestellten aus der Region, die hauptsächlich im Produktionsteil arbeiten, ist Nestlé weniger ein abstrakter Grosskonzern denn ein verlässlicher Arbeitgeber.

In Konolfingen hat der Weltkonzern Nestlé eine lokale Verwurzelung. Die Menschen sehen und fühlen, was ein solches Unternehmen tatsächlich tut – im Guten wie im weniger Guten.

Es ist eine Realität, die viele Schweizer in ihrer Lebenswelt nicht mehr sehen.

Der Standort Konolfingen ist in den vergangenen 15 Jahren schrittweise ausgebaut worden. Andreas Haas / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der Standort Konolfingen ist in den vergangenen 15 Jahren schrittweise ausgebaut worden. Andreas Haas / Imago
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