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ThyssenKrupp zwischen Ausverkauf und Ruf nach dem Staat

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung vor 3 Tagen René Höltschi, Berlin, Benjamin Triebe, London

Die britische Liberty Steel hat ein indikatives Übernahmeangebot für die Stahlsparte des deutschen ThyssenKrupp-Konzerns vorgelegt. Dieser spricht auch mit weiteren möglichen Partnern.

Hochöfen bilden gewissermassen den Kern von ThyssenKrupp. Nun liegt eine Übernahmeofferte der britischen Liberty Steel für das ;Stahlgeschäft des deutschen Konzerns vor. Lukas Schulze / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Hochöfen bilden gewissermassen den Kern von ThyssenKrupp. Nun liegt eine Übernahmeofferte der britischen Liberty Steel für das ;Stahlgeschäft des deutschen Konzerns vor. Lukas Schulze / Getty

Ein Übernahmeangebot für das Stahlgeschäft des angeschlagenen deutschen Industriekonzerns ThyssenKrupp hat am Freitag hohe Wellen geschlagen. Gewerkschaftsvertreter reagierten mit Entsetzen, Anleger mit Entzücken auf eine entsprechende Ankündigung der britischen Liberty Steel Group. Diese teilte mit, sie habe eine nichtbindende, indikative Offerte zur Übernahme der Stahlaktivitäten von ThyssenKrupp eingereicht. Mit Transformationserfahrung und einem unternehmerischen Ansatz würde eine mögliche Zusammenlegung von Liberty Steel und ThyssenKrupp Steel eine starke Gruppe schaffen, die gut positioniert wäre, um die Herausforderungen der europäischen Stahlindustrie zu meistern. Die Geschäfte der beiden Unternehmen seien komplementär und die Offerte werde von einer Anzahl von Finanzinstituten unterstützt, erklärte Liberty, ohne ins Detail zu gehen.

Gespräche mit weiteren Partnern

ThyssenKrupp bestätigte auf Anfrage lediglich, ein solches Angebot erhalten zu haben. Dieses schaue man nun sorgfältig an. «Gleichzeitig werden wir die Gespräche mit anderen potenziellen Partnern in gleicher Weise wie bisher konsequent fortsetzen», erklärte der Konzern. Ziel sei es, das Stahlgeschäft nachhaltig zukunftsfähig zu machen und dafür die beste Lösung zu finden. Namen von potenziellen Partnern nennt das Unternehmen nicht.

Laut Medienberichten soll es Gespräche mit dem indischen Tata-Konzern und der schwedischen SSAB-Gruppe geben. Ein früherer Versuch, die europäischen Stahlaktivitäten von ThyssenKrupp mit jenen von Tata zusammenzuführen, ist 2019 an wettbewerbsrechtlichen Bedenken der EU-Kommission gescheitert.

ThyssenKrupp hatte im Mai 2020 angekündigt, sich in einer Radikalkur massiv zu verkleinern. Schon damals sagte die Konzernchefin Martina Merz, für das Stahlgeschäft behalte man sich alle Optionen offen. Für manche weitere Geschäftsbereiche werden explizit Lösungen ausserhalb des Konzerns gesucht, während ThyssenKrupp die Bereiche Werkstoffhandel und Industriekomponenten laut den damaligen Angaben aus eigener Kraft weiterentwickeln will. Letzteres gilt auch für das Automobilzuliefergeschäft, das aber selektiv durch Allianzen und Partnerschaften gestärkt werden soll. Bereits verkauft hat der Konzern zum 31. Juli das profitable Aufzuggeschäft, das ihm gut 17 Mrd. € eingebracht hat.

Stahl im 1-Euro-Laden

Zum Börsenstart am Freitag reagierte die Aktie von ThyssenKrupp mit einem Kurssprung um fast einen Viertel auf die Offerte, über deren Bevorstehen der «Spiegel» am Vorabend berichtet hatte. Am Abend lag der Schlusskurs noch um knapp 11% über dem Vortageswert.

Auf herbe Kritik stiess die Nachricht hingegen bei Gewerkschaftsvertretern. An einer ohnehin geplanten Kundgebung in Düsseldorf wiederholte die Gewerkschaft IG Metall ihre Forderung nach einer staatlichen Beteiligung am Unternehmen. Eine Übernahme aus dem Ausland lehne man ab. Knut Giesler, IG-Metall-Bezirksleiter in Nordrhein-Westfalen, sagte, man brauche jetzt die Zusicherung staatlicher Hilfe, sonst passiere genau das, was man jetzt sehe: «Dass einer glaubt, er könne im 1-Euro-Laden ThyssenKrupp Steel kaufen.»

Selbst die Konzernchefin Merz hatte kürzlich erklärt, eine Staatsbeteiligung sei für ThyssenKrupp «eine Option», die auch mit anderen Optionen einhergehen könne. Bisher haben allerdings sowohl der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier als auch der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet (beide CDU), abgewinkt. Möglich erscheint indessen eine staatliche Förderung der Umstellung auf «grünen» Stahl.

Wer steckt hinter Liberty Steel?

Für Liberty Steel wäre die Übernahme ein weiterer Mosaikstein beim Aufbau eines führenden Stahlkonzerns. Während die Branche in Europa mit Überkapazitäten kämpft, verfolgt Liberty seit einigen Jahren eine Expansionsstrategie: Zukaufen und wachsen lautet das Motto. Das Unternehmen, das nach eigenen Angaben 30 000 Mitarbeiter an über 200 Standorten hat, geht auf den britisch-indischen Unternehmer und Milliardär Sanjeev Gupta zurück. Liberty Steel ist Teil der Gupta Family Group Alliance, eines etwas undurchsichtigen Industriekonglomerats mit Zentrale im Londoner Nobelviertel Mayfair, an dem auch der Vater Parduman Gupta beteiligt ist.

Der 1971 in Indien geborene Sanjeev Gupta wurde in England erzogen. Er studierte in Cambridge, bevor er Liberty im Jahr 1992 neben dem Universitätsbesuch als Handelsunternehmen gründete – zunächst für den Vertrieb von getrocknetem Fisch und Moskitonetzen, wie er der NZZ 2017 berichtete. Nach der Jahrhundertwende wuchs Liberty mit dem Handel von Metallen, bevor die Firma ab 2013 in die Stahlproduktion einstieg und zunächst in Grossbritannien zukaufte, unter anderem von Tata Steel. Später akquirierte Gupta weltweit, auch von Branchenführer ArcelorMittal, und die Aktivitäten wurden in Liberty Steel gebündelt.

Manchmal als Erlöser der serbelnden britischen Stahlbranche gefeiert, macht Sanjeev Gupta auch mit seiner «Greensteel»-Strategie von sich reden: dem Wiedereinschmelzen von Stahlschrott in mit grüner Energie betriebenen Stahlwerken, um auf den Import von Rohstoffen wie Kokskohle und Eisenerz verzichten zu können. Diese Strategie soll Liberty Steel bis zum Jahr 2030 kohlenstoffneutral machen. Der Konzern meldet inzwischen einen Jahresumsatz von 13 Mrd. € und verortet sich auf Basis der gesamten Produktionskapazität als achtgrössten Anbieter ausserhalb Chinas.

Die stählernen Wurzeln des Konzerns

Mit der Stahlproduktion würde ThyssenKrupp jene Sparte abstossen, aus der der Ruhrkonzern einst hervorgegangen ist. Infolge einer Mischung aus Branchenproblemen und hausgemachten Fehlern befindet sich ThyssenKrupp seit längerem in schwerer See. Die Stahlindustrie leidet unter Überkapazitäten, Importkonkurrenz und jüngst auch der Corona-Krise, in deren Folge die Stahlnachfrage der Automobilindustrie eingebrochen ist. Zugleich steht die Branche vor der Herausforderung, auf eine klimafreundlichere Produktion umzustellen.

In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2019/20 trug die Sparte Steel Europe mit gut 27 000 Mitarbeitern 5,46 Mrd. € (–20% gegenüber Vorjahr) zum Konzernumsatz von 27,5 Mrd. € bei und schrieb einen bereinigten Betriebsverlust (Ebit) von 706 Mio. €. Bei der Vorlage dieser Ergebnisse im August erklärte der Konzern, für das ganze laufende Geschäftsjahr (per Ende Oktober) sei ein konzernweiter bereinigter Betriebsverlust zwischen 1,7 Mrd. € und 1,9 Mrd. € wahrscheinlich.

Sie können dem Berliner Wirtschaftskorrespondenten René Höltschi und Benjamin Triebe, dem Wirtschaftskorrespondenten für das Vereinigte Königreich und Irland, auf Twitter folgen.

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