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«Winnetou ist in dem Film ein weisser Junge im Fasnachtskostüm»

20 Minuten-Logo 20 Minuten 25.09.2022 Daniel Graf

Das Zurich Film Festival zeigt den umstrittenen neuen Winnetou-Film. Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch findet diesen schlecht, rassistisch und unnötig. Er wünscht sich eine Diskussion auf höherem Level. 

Was halten Sie davon, dass 2022 dieser Film veröffentlicht wird?

Anatol Stefanowitsch*: Der Film setzt eine Tradition fort, die in dieser primitiven Form in den Winnetou-Büchern und den alten Filmen gar nicht vorhanden ist. Der neue Film ist noch viel platter und stereotyper. Dass im Jahr 2022 ein weisser Regisseur mit einem weissen Drehbuchautor und weissen Schauspielern einen Film über die «Indianer» dreht, bei dem kein einziger Native American seine Sichtweise einbringen konnte, das stört mich.

Weshalb?

Weil wir heute viel mehr über die Verfolgung und Ausrottung der indigenen Bevölkerung Nordamerikas wissen als in den 60er-Jahren. Native Americans mussten lange hart kämpfen, damit sie auch nur einen Teil ihres Landes zurückbekommen. Was im Film als junger Winnetou gezeigt wird, zeigt keinen Apachenjungen, sondern ein weisses Kind im Faschingskostüm. Die Filmcrew verweigert sich der Tatsache, dass sie die Welt nicht nur aus ihrem eigenen Blickwinkel darstellen können – insbesondere nicht die Welt einer Bevölkerungsgruppe, die durch ihre europäischen Vorfahren fast ausgerottet worden wäre.

Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch stört sich daran, dass beim Film kein einziger Native American seine Sichtweise habe einbringen können. So komme es, dass der junge Winnetou nicht aussehe wie ein Apache, sondern wie ein weisser Junge im Fasnachtskostüm.  © Screenshot Youtube Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch stört sich daran, dass beim Film kein einziger Native American seine Sichtweise habe einbringen können. So komme es, dass der junge Winnetou nicht aussehe wie ein Apache, sondern wie ein weisser Junge im Fasnachtskostüm. 

Und in den alten Winnetou-Filmen war das nicht der Fall?

Vieles war ähnlich. Auch in den alten Filmen musste etwa erst der weisse Mann kommen, um dem «Indianerhäuptling» zu zeigen, wie das Leben läuft. May war vom Rassismus seiner Zeit geprägt, er wurde in den jüngsten Diskussionen aber zurecht auch in Schutz genommen. Er hat punktuell durchaus auch progressivere Ideen und emanzipatorische Ansätze gezeigt, was für seine Zeit nicht üblich war. Bei May war Winnetou immerhin eine differenzierte Figur, davon ist im neuen Film nichts übrig geblieben.

Der ZFF-Leiter Christian Jungen verteidigt den Film unter dem Gesichtspunkt der Kunstfreiheit…

Damit hat das gar nichts zu tun. Es will und wollte nie jemand den Film verbieten. Er läuft jetzt an und wird in den Kinos gezeigt und es wird wohl auch keine Proteste vor den Kinos gegen den Film geben. Ob der Film Kunst ist, darüber kann man sich streiten. Niemand wollte die Kunstfreiheit angreifen und der Film ist schon durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Es gibt überhaupt keinen Grund, ihn zu verbieten. Linke Aktivisten und Aktivistinnen machen aber darauf aufmerksam, dass die Art, wie dieser Film daher kommt, rassistische Stereotypen verstärkt, und dass das problematisch ist. Und da gibt es unzählige weitere Beispiele.

Auch, dass erst der weisse Mann kommen und dem «Indianerhäuptling» zeigen müsse, wie das Leben läuft, sei typisch. In der Szene überredet der Waisenjunge und Dieb Tom Silver Winnetou, ihn loszubinden, damit er ihn zu den Büffeln führen kann, welche der Stamm so dringend braucht.  © Screenshot Youtube Auch, dass erst der weisse Mann kommen und dem «Indianerhäuptling» zeigen müsse, wie das Leben läuft, sei typisch. In der Szene überredet der Waisenjunge und Dieb Tom Silver Winnetou, ihn loszubinden, damit er ihn zu den Büffeln führen kann, welche der Stamm so dringend braucht. 

Welche?

Etwa die derzeit bei Kindern sehr beliebte Serie Yakari, die ebenfalls von einem indigenen Kind in Amerika handelt. Da werden genau dieselben Stereotypen bedient, und diese Serie läuft jeden Abend auf dem Kinderkanal.

Diese Serien und Filme sind also problematisch, trotzdem sollen sie nicht verboten werden. Was dann?

Das Problem beim neuen Winnetou-Film ist, dass er die ganze Aufmerksamkeit für das Thema auf einige Jahre hinaus abgegrast hat. Vermutlich wird sich niemand so schnell sagen: «Ich drehe jetzt einen Film über ein indigenes Kind, aber aus der Perspektive und unter Einbezug von Native Americans.» Was ich begrüssen würde, ist, die Debatte auf ein anderes Level zu bringen. Jetzt, wo die Aufmerksamkeit da ist, könnten sich Kinos und Filmfestivals doch sagen: Wir zeigen den Film, aber wir führen im Anschluss daran eine Podiumsdiskussion unter Einbezug von Vertreterinnen und Vertretern von Native Americans durch.

Allgemein bediene sich der Film vieler Stereotypen und sei rassistisch und problematisch. © Screenshot Youtube Allgemein bediene sich der Film vieler Stereotypen und sei rassistisch und problematisch.

Der ZFF-Leiter sagt, die «Woke-Debatte» sei aus dem Ruder gelaufen. Hat er recht?

Ich sage nicht, dass nicht auch linke Aktivisten und Aktivistinnen mal übers Ziel hinausschiessen können. Hätten sie diese Debatte nicht aufgegriffen, wäre der Film nach ein paar Tagen aus den Kinos verschwunden und hätte kaum jemanden interessiert, dafür ist er schlicht zu schlecht gemacht. Doch die Grundhaltung der Linken ist die, dass es nach wie vor viel Ungerechtigkeit gibt, und dass sie sich wünschen würden, dass das weniger wird. Während die Konservativen jetzt aus einer Trotzhaltung heraus davon sprechen, dass ihnen etwas verboten werden soll, und für ihr Recht einstehen, diese Filme gucken zu dürfen – was ihnen ja gar niemand wegnehmen will.

*Anatol Stefanowitsch ist Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin

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