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Der doppelte Donald

SZ.de-Logo SZ.de vor 6 Tagen Von Daniel Brössler und Stefan Kornelius, Brüssel
Donald Trump vermittelt, dass er Brüssel als Sieger verlässt, dass er der Nato einen gewaltigen Schrecken eingejagt hat und Europa zittert vor diesem unberechenbaren Geist. © dpa Donald Trump vermittelt, dass er Brüssel als Sieger verlässt, dass er der Nato einen gewaltigen Schrecken eingejagt hat und Europa zittert vor diesem unberechenbaren Geist.

• US-Präsident Trump hält die Nato-Partner auf dem Gipfel in Brüssel zwei Tage lang in Atem.

• In großer Runde geht er Verbündete hart an und verbreitet vor der Presse Halbwahrheiten. In kleinen Treffen agiert er hingegen zahm.

• Am Ende bekennt sich die Runde zur Nato und zum Ziel erhöhter Verteidigungsausgaben, und Generalsekretär Stoltenberg spricht von einem "guten Gipfel".

Wenn der amerikanische Präsident reist, dann bringt er Sicherheitspersonal mit, viel Sicherheitspersonal. Bei Donald Trump stehen zwei Herren sogar auf der Bühne, eingerahmt von vier amerikanischen Fahnen und eingehüllt in eine Aura des Ungewissen. Der eine trägt einen Walross-Schnauzer, der andere ein seltsames Grinsen im Gesicht. Man wird das Gefühl nicht los: Wenn der Präsident jetzt zur Gefahr wird, dann werden sie ihn wegzerren vom Mikrofon. Diese Männer sind der wichtigste Schutz für Amerika und die Nato. Es handelt sich um den Nationalen Sicherheitsberater und den Außenminister der USA.

John Bolton und Mike Pompeo müssen sich jetzt aber keine Sorgen mehr machen. Denn der Präsident hat sein Ziel erreicht. Er adressiert die Weltpresse im üblichen Ton, belehrend, besserwisserisch, triumphierend. Ein Sieger eben. "Wir haben viel erreicht", verkündet er. Keinem seiner Vorgänger im Weißen Haus sei das gelungen, erst ihm. "Unglaublicher Fortschritt ist gemacht worden", legt er nach. Trump verweist darauf, dass alle Verbündeten sich bereit erklärt hätten, ihre Zusagen "substanziell zu erhöhen". Da kämen nun Beträge, "die nie für möglich gehalten wurden". Es ist nicht recht klar, was er damit meint. Denn eigentlich haben die Verbündeten nur das Ziel bestätigt, bis 2024 die Wehrausgaben auf mindestens zwei Prozent der Wirtschaftskraft zu erhöhen.

Donald Trump aber vermittelt so, dass er Brüssel nun als Sieger verlässt, dass er der Nato einen gewaltigen Schrecken eingejagt hat und Europa zittert vor diesem unberechenbaren Geist.

Tatsächlich gibt es diesen Moment der weichen Knie am Donnerstag, als der Nato-Gipfel praktisch in der Zielgeraden angekommen war und Trump noch einmal im Kreis der Regierungschefs das Wort ergreift. Es folgt: die Wiederholung zweier Motive, die der Präsident immer und immer wieder spielt. Deutschland zahle zu wenig, lebe damit auf Kosten der USA; und außerdem finanziere Deutschland mit seinen Gasgeschäften denjenigen, vor dem Amerika die Welt schütze: Russland.

Am Ende haben etwa 15 der 29 Regierungschefs gesprochen, alle gegen Trump

Trump steigert sich derart in seine Philippika hinein, dass er einen neuen Abschluss, eine noch nie dagewesene Schärfe braucht: Er erwarte nun, dass die Nato-Mitglieder ihre Verteidigungsbudgets auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhen, und zwar nicht wie verabredet bis zum Jahr 2024, sondern sofort, bis zum nächsten Januar. Und falls das nicht geschehe, dann "werden wir unser eigenes Ding machen".

Unser eigenes Ding: Das kann viel heißen. In einem Bündnis mit der unangefochtenen Führungsnation USA aber im Zweifel nichts Gutes. Die Sitzung wird unterbrochen, die Gastländer Ukraine und Georgien vor die Tür geschickt, die deutsche Bundeskanzlerin beantragt eine Sondersitzung. Generalsekretär Jens Stoltenberg ergreift sofort das Wort, beschwichtigt mit der unterwürfigen Zusicherung, die Mahnungen des Präsidenten hätten doch schon eine Wirkung erzielt.

In der zweiten und dritten Reihe, wo die Minister und Berater sitzen, macht sich derweil Unruhe breit. Der Mann mit dem Walross-Schnauzer und der mit dem Grinsen gehen durch die Reihen. Die Sorge: Der Präsident könnte das Kommuniqué nachverhandeln wollen, obwohl es bereits beschlossen und veröffentlicht wurde. Kommando an alle also: Kein Wort zum Kommuniqué. "Don't mention the war", heißt das im Englischen, bringt den Mann auf keine falschen Gedanken. Die Verbündeten verstehen die Botschaft: Nicht noch einmal das G-7-Szenario, nicht noch einmal dieser diplomatische Super-GAU mit einem US-Präsidenten, der seine Unterschrift zurückzieht.

Trump legt nach, zweite Runde, die gleichen Argumente. Jetzt meldet sich der Franzose Emmanuel Macron zu Wort. Man habe Parlamente und Gesetze zu Hause, niemand könne über Nacht so viel Geld mobilisieren. Dann sprechen der Niederländer, der Bulgare, sehr emotional der Däne Lars Løkke Rasmussen: Man habe gemessen an der kleinen Bevölkerungszahl mehr Opfer in Afghanistan zu verzeichnen als die USA - wie er bitte seiner Bevölkerung erklären solle, wie wenig das hier gewürdigt werde.

Dann die dritte Runde, sie legt das Motiv offen. Trump beklagt sich über die Presse in den USA, die seine Erfolge nicht würdige. Außerdem haben sie im Kongress in Washington einstimmig eine Resolution zugunsten der Nato beschlossen, beide Kammern. So etwas hat Trump noch nicht erlebt. Das eigene Parlament findet seine Stimme wieder und führt den Commander in Chief vor, während der auch noch im Ausland weilt.

Eine Ohrfeige. Dann begeht Trump seinen vielleicht größten Fehler: Er liest die Liste der angeblichen Schuldner vor, all jener Länder, die das Zwei-Prozent-Ziel nicht erreichen. Die Liste ist lang, die Situation quälend, wie ein Notar geht der US-Präsident die Staaten durch. Aber: Gerade bei den Osteuropäern löst diese Belehrung einen Reflex aus, der zu großer Solidarisierung mit Deutschland führt und die Front gegen Trump schließt. Selbst der Luxemburger Xavier Bettel, bei der Nato mit 850 Soldaten im Rennen, ist empört. Am Ende haben etwa 15 der 29 Regierungschefs gesprochen, alle gegen Trump. Tschechien mit seinen miserablen 1,1 Prozent merkt an, wie schwer es für ein Land sei, diese Marge zu erreichen. Kein Problem für den amerikanischen Präsidenten: Tschechien sei klasse, meint er, seine Tochter Ivanka sei ja auch halbe Tschechin.

"Wir hatten einen guten Gipfel"

Von Donald Trump ist bekannt, dass er sich nicht so sehr für Fußball interessiert, wohl aber etwas von Drama und Nachspielzeit versteht. Das hat er bereits am ersten Gipfeltag hinreichend bewiesen, an dessen Ende eine gute Hundertschaft aus Staats- und Regierungschefs, Außen- und Verteidigungsministern plus Gefolge in einer lauen Sommernacht in bemerkenswert zivilisierter Weise den Tag in Brüssel ausklingen ließ. Bereits dieser erste Tag hätte zu schweren bis irreparablen Schäden an der mächtigsten Verteidigungsallianz der Welt führen können. Warum die Nato ihre Henkersmahlzeit dann doch noch in geradezu befreiter Lässigkeit zu Ende bringen durfte, war eben jenen zwei Personen zu verdanken, die das Wechselspiel von Drama und Erlösung intuitiv beherrschen: Donald Trump und Donald Trump.

Donald eins ist es also, der den ersten Tag des Gipfels mit einer neuen Idee beschließt - nicht zwei Prozent Wehrausgaben reichen, sondern nun sollen es vier Prozent sein. Donald eins ist es dann auch, der den zweiten Tag in Brüssel mit einer Twitter-Salve beginnt, die wie ein Stoß mit dem Elektroschocker wirkt.

Dann aber gibt es auch Donald zwei, der nach einhelliger Beschreibung im Sitzungssaal die meiste Zeit über wenig Anteil am Geschehen nimmt, der eigentlich die Konfrontation scheut und auch im direkten Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel eher zuvorkommend und aufmerksam ist.

Wenn sich 29 Spitzenpolitiker für ein paar Stunden versammeln und der Generalsekretär auch noch ein paar Worte sagt, dann bleiben für jeden ein paar Minuten - kaum Zeit für Debatten. Weshalb auf Gipfeln dieser Art die Gespräche am Rande, die arrangierten Begegnungen im kleinen Kreis, die Bilder und Symbole wichtig sind.

Bilder und Symbole also: Die Nato hat ihr neues Hauptquartier bezogen, eine gewaltige Stahl- und Glaskonstruktion, die der Regisseur Roland Emmerich als Rückzugsort für den nächsten Weltuntergangsfilm kopieren könnte. Wohlmeinende sagen, es handle sich um zwei Handflächen, deren ausgespreizte Finger aufeinander deuten und ineinandergreifen. In der Mitte der Konstruktion, dort wo die ausgestreckten Mittelfinger aufeinanderstoßen, werden also die Bilder der Gipfel-Protagonisten gemacht. Die Nato nennt den Ort "Agora", was im antiken Griechenland die Versammlungsstätte der Abstimmungsbürger war, der erwachsenen Männer also. Frauen und Sklaven spielten ja keine Rolle.

Einen Nato-Gipfel kann man sich wie einen mittelalterlichen Reichstag vorstellen

Das hat sich heute ein wenig geändert, nur die Sache mit den Vasallen wird bei Donald eins wieder zum Thema. Es gibt solche, die geflissentlich dem Präsidenten folgen und sich zur Gruppe der "guten Jungs" zählen, wie etwa der Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, der Trump für die positive Wirkung seiner Irrlichterei lobt. Und es gibt die anderen, die befremdet auf Donald eins schauen und anschließend von Donald zwei zu erzählen wissen.

Theresa May gehört dazu, die britische Premierministerin, die in den vergangenen Tagen von Trump angegiftet wurde, nun aber geradezu bezirzt wird. Angela Merkel gehört dazu, die mit Trump durchaus eine Stunde lang über Afrika, Flüchtlinge, Syrien, Putin, Nordkorea und Handel reden kann, ohne dass ein hartes Wort fällt.

Wie man sich das alles erklären kann? Einen Nato-Gipfel kann man sich wie einen mittelalterlichen Reichstag vorstellen mit Gefolgsleuten aus der ganzen Welt, die am Ende aber nur die eine Frage bewegt: Wie tickt eigentlich der Kaiser? Die gängigste, weil rationale Variante der Kaiserdeutung geht so: Es gebe eben den innenpolitischen, öffentlichen Donald Trump, dessen wichtigstes Gut das Wahlvolk ist. Diesem Volk muss stets Futter geliefert werden. Der weniger öffentliche Trump hingegen ist umgänglicher, wenn auch kaum an der Sache interessiert - aber auf jeden Fall handzahm.

Angela Merkel kultiviert die Methode, Donald eins nicht ernst zu nehmen und Donald zwei wie einen Erwachsenen zu behandeln. Für ihre Verhältnisse war der öffentliche Widerspruch unter Einbringung der eigenen Biografie ("Ich habe erlebt, dass ein Teil Deutschlands von der Sowjetunion kontrolliert wurde") am Mittwoch geradezu forsch.

Am Ende dieser Donald-eins-gegen-Donald-zwei-Show bindet Generalsekretär Stoltenberg die Runde ab: Könne man sich bitte schön einig sein, dass man sich zur Nato bekennt und zum Ziel erhöhter Verteidigungsausgaben? Manche Teilnehmer schlucken. Dass man sich "zur Nato bekennen" muss, ist neu in dieser Runde. Aber dieser Appell ergibt Sinn. Widerspruch gibt es nicht. Damit gelten die Worte des Generalsekretärs als angenommen, das Desaster ist abgewendet. Der Rest wird über Twitter und Pressekonferenzen abgewickelt.

Jens Stoltenberg beginnt seine letzten Ausführungen mit einem simplen Satz: "Wir hatten einen guten Gipfel."

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