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„Ein bisschen Demut täte uns im Augenblick ganz gut“

WELT-Logo WELT 22.10.2021 Ulrich Exner
Der Deutschlandtag der Jungen Union in Münster geht weiter. CDU und CSU stimmen sich beim Treffen des Parteinachwuchses auf die Oppositionsarbeit ein. Neben der Aufarbeitung des Wahldesasters sind auch wieder kämpferische Töne zu hören. Quelle: WELT / Christoph Hipp © WELT / Christoph Hipp Der Deutschlandtag der Jungen Union in Münster geht weiter. CDU und CSU stimmen sich beim Treffen des Parteinachwuchses auf die Oppositionsarbeit ein. Neben der Aufarbeitung des Wahldesasters sind auch wieder kämpferische Töne zu hören. Quelle: WELT / Christoph Hipp

WELT: Herr Kuban, die Bundestagswahl liegt vier Wochen zurück. Ist Ihnen inzwischen klar, worauf das desolate Ergebnis zurückzuführen ist?

Tilman Kuban: Die Gründe sind aus meiner Sicht klar: Kurs. Kampagne. Kandidat. CDU und CSU sind im Wahlkampf nicht geschlossen aufgetreten – und Parteien, die sich selbst nicht einig sind, bekommen vom Wähler kein Vertrauen. Nur eine Anti-Rot-Rot-Grün-Kampagne ist zu wenig, das Team kam viel zu spät, und der Spitzenkandidat hat auch nicht gezogen. Wenn das alles zusammenkommt, dann kommen am Ende nur 24 Prozent und Platz zwei raus.

Tilman Kuban, 34, Vorsitzender der Jungen Union: „Gerade wir Jüngeren wollen den Neuanfang“ Quelle: Bertold Fabricius/WELT © Bertold Fabricius/WELT Tilman Kuban, 34, Vorsitzender der Jungen Union: „Gerade wir Jüngeren wollen den Neuanfang“ Quelle: Bertold Fabricius/WELT

WELT: Die Junge Union hat am Wochenende bei ihrem Deutschlandtag mit der Aufarbeitung des Wahlergebnisses begonnen. Wie weit sind Sie gekommen? Was muss sich ändern, damit die Union wieder erfolgreich wird?

Kuban: Als junge Generation haben wir mit dieser Partei noch viel vor, und das haben wir am Wochenende deutlich gemacht. Wir werden jetzt nicht in Sack und Asche gehen, sondern diese Partei modernisieren. Man kann sagen: Der Deckel ist vom Topf. Auch als Junge Union waren wir in den letzten Jahren häufig regierungstreu.

Jetzt wollen wir den Neuanfang. Wir brauchen frische Köpfe in der Parteiführung. Es braucht eine klarere Programmatik, bei der wir herausarbeiten, was „CDU pur“ ist, und nicht schon mit dem Kompromiss in die Diskussion starten. Und wir brauchen eine neue Motivation der Parteibasis. Wenn 600.000 Unionsmitglieder nicht begeistert sind, wie will man dann 80 Millionen Deutsche überzeugen?

WELT: Der nächste Schritt zu dieser Erneuerung soll eine Kreisvorsitzenden-Konferenz sein, die darüber beraten soll, wie der neue Parteichef gewählt werden soll. Und Ihr Vorschlag?

Kuban: Bei mehreren Bewerbern für den Parteivorsitz müssen die Mitglieder befragt werden. Die CDU befindet sich in einer Legitimationskrise unserer Gremien, weil das Damoklesschwert „Es ist dreimal gegen die Basis entschieden worden“ über uns schwebt. Dies lässt sich nur auflösen, wenn die Parteibasis sicher sein kann, dass ihre Meinung nicht nur gehört wird, sondern auch zählt.

Eine neue Vorsitzende oder ein Vorsitzender hätte danach die starke Legitimation durch die Mitgliedschaft. Dafür werden wir als Junge Union in der Kreisvorsitzenden-Konferenz auch werben. Wenn die CDU eine moderne Volkspartei und attraktiv für neue, junge Mitglieder sein will, dann braucht sie jetzt eine Mitgliederbefragung.

WELT: Bisher haben sich mit Friedrich Merz, Norbert Röttgen, Jens Spahn, Ralph Brinkhaus und Carsten Linnemann nur männliche katholische Christdemokraten mit Wohnsitz in Nordrhein-Westfalen für den Parteivorsitz ins Gespräch gebracht beziehungsweise ins Gespräch bringen lassen. Wer käme noch infrage?

Kuban: Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich würde mir sehr wünschen, dass beispielsweise auch Frauen kandidieren. Wichtig ist aber, dass unsere Politik nie eine One-Man-Show sein darf, sondern Teamplay. Wenn es uns nicht gelingt, mehrere, neue Köpfe mit überzeugenden Themen zu verbinden, dann wird es sehr schwer, eine moderne Volkspartei zu verkörpern. Daher braucht es neben dem oder der Vorsitzenden auch ein frisches junges Team an Partei- wie Fraktionsspitze.

„Wir reden beim Klimaschutz von Innovationen statt Verboten, aber wer kann fünf Innovationen nennen?“ Quelle: Bertold Fabricius/WELT © Bertold Fabricius/WELT „Wir reden beim Klimaschutz von Innovationen statt Verboten, aber wer kann fünf Innovationen nennen?“ Quelle: Bertold Fabricius/WELT

WELT: Sollten Partei- und Fraktionsvorsitz künftig in einer Hand liegen?

Kuban: Das wird Teil der Debatte sein. Wichtig ist, dass für den Fall, dass die beiden Ämter nicht in einer Hand liegen, zwischen Parteichef und Fraktionschef kein Blatt Papier passt.

WELT: Zum Sondierungspapier der möglichen Ampel-Koalition gab es in der CDU unterschiedliche Meinungen. Einige fanden es ganz ordentlich. Andere wie der Fraktionsvorsitzende Brinkhaus erkannten einen strammen Linkskurs. Wie sehen Sie es?

Kuban: Seien wir doch mal ehrlich. Ein Jamaika-Papier hätte nicht viel anders ausgesehen. Jetzt wird es darum gehen, wie die Details ausgehandelt werden. Ein bisschen Demut täte uns im Augenblick ganz gut, wenn man 16 Jahre regiert hat und dann abgewählt worden ist. Wir sollten jetzt lieber unsere Energie in die Erarbeitung eigener Konzepte stecken und diese in den öffentlichen Fokus rücken.

Tilman Kuban, Politiker der CDU. Bundesvorsitzender der Jungen Union fotografiert im Courtyard Hannover Maschsee © Bertold Fabricius/WELT Tilman Kuban, Politiker der CDU. Bundesvorsitzender der Jungen Union fotografiert im Courtyard Hannover Maschsee

Gerade wir Jüngeren wollen den Neuanfang. Wir reden beim Klimaschutz von Innovationen statt Verboten, aber wer kann fünf Innovationen nennen? Wir reden von steigenden Wohnungspreisen und von der Abschaffung von Bauvorschriften, aber wer kann diese wirklich im Bürgergespräch benennen? Wir wollen Geringverdiener und Menschen im ländlichen Raum bei steigenden Sprit- und Energiepreisen entlasten, aber wo ist unser Konzept? Ebenso bei Rente und sozialer Sicherung in Zeiten des demografischen Wandels. Das wird harte Arbeit. Aber da wollen wir Jüngeren jetzt ran.

WELT: Welche Rolle wird CSU-Chef Markus Söder künftig in der Union spielen?

Kuban: Markus Söder ist der Vorsitzende der CSU und ist daher essenziell für ein besseres Verhältnis von CDU und CSU. Wir brauchen neue Brücken zwischen den beiden Schwesterparteien. Wir haben deshalb vorgeschlagen, einmal im Jahr einen Unionsrat von CDU und CSU einzuberufen – eine Art Deutschlandtag für die Mutterparteien, um sich eben auch zwischen Bürgermeistern, Landräten und Landespolitikern besser miteinander zu vernetzen, gemeinsame Inhalte zu debattieren und bei Bedarf auch gemeinsame Personalentscheidungen zu treffen. Die menschlichen Brücken wollen wir bauen.

WELT: Wie beunruhigend ist es, dass Erstwähler kaum CDU gewählt haben?

Kuban: Das ist ein katastrophales Ergebnis, und wir müssen selbstkritisch einräumen, dass wir parteiintern offensichtlich nicht laut genug für unsere Themen geworben haben. Für die Jungwähler waren zu über 50 Prozent vor allem die Inhalte wahlentscheidend. Die CDU insgesamt hat bei Themen wie Upload-Filter, Klima und auch in der Corona-Politik die junge Generation nicht ausreichend ernst genommen. Darauf haben wir intern immer wieder hingewiesen, sind damit aber offensichtlich nicht hinreichend wahrgenommen worden. Das programmatische Angebot der CDU hat sich zu sehr an den älteren und viel zu wenig an den jüngeren Menschen ausgerichtet.

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