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Mit Finnland und Schweden in der Nato wird die Ostsee zum «Nato-Binnenmeer» – das freut vor allem die baltischen Staaten

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 13.05.2022 Rudolf Hermann
Blick von der estnischen Küstenstadt ;Pärnu auf die Ostsee. Mit einem Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens wird sie praktisch zu einem «Nato-Binnenmeer». Veronique Durruty / Gamma-Rapho / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Blick von der estnischen Küstenstadt ;Pärnu auf die Ostsee. Mit einem Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens wird sie praktisch zu einem «Nato-Binnenmeer». Veronique Durruty / Gamma-Rapho / Getty

Finnlands Ankündigung vom Donnerstag, ein Beitrittsgesuch für die Nato zu stellen, ist in den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen mit grosser Befriedigung aufgenommen worden. Und wenn sich im Kielwasser Finnlands in den nächsten Tagen auch Schweden zu diesem Schritt entscheiden sollte – was sich nach der am Freitag erfolgten Präsentation eines parlamentarischen Berichts zur Sicherheitslage abzeichnet –, könnten die drei kleinen EU- und Nato-Staaten noch zuversichtlicher in die Zukunft blicken.

Vorläufig sind sie, eingeklemmt zwischen Russland, Weissrussland und der Ostseeküste, in einer sicherheitspolitisch exponierten Lage. Nur über eine kurze Grenze (die sogenannte Suwalki-Lücke) mit Polen und dem zentraleuropäischen Nato-Gebiet verbunden, gelten sie als sehr schwer zu verteidigen gegen eine Aggression aus dem Osten. Nach Russlands Annexion der Krim wurde denn auch wiederholt spekuliert, ob das Baltikum Putins nächstes Ziel sei und ob die Nato diese Länder tatsächlich schützen würde – oder überhaupt könnte.

Gotland im Brennpunkt

Ein Beitritt Finnlands und Schwedens zum Nordatlantikpakt macht diese Aufgabe wesentlich einfacher. Denn erstens wird die Ostsee, abgesehen von einem kleinen Spickel in der Bucht von St. Petersburg, zu einem «Nato-Binnenmeer». Das erleichtert es, den Balten von mehreren Seiten zu Hilfe zu kommen statt nur über die prekär enge Landbrücke zu Polen.

Zweitens wird die Logistik einfacher, wenn Schweden und Finnland Mitglieder der Allianz und nicht bündnisfreie Staaten sind. Und es bedeutet, drittens, dass die strategisch wichtige schwedische Ostseeinsel Gotland Nato-Territorium wird. Ein allfälliger Versuch Russlands, diesen «nicht versenkbaren Flugzeugträger» zwischen Schweden und dem Baltikum in einem Handstreich zu besetzen, um von dort aus den Luftraum über der Ostsee zu kontrollieren, wäre dann mit deutlich höheren Kosten behaftet.

Ein solches Worst-Case-Szenario galt vor 2014 eigentlich als undenkbar, weshalb Schweden zwar Ausrüstung und Material auf der Insel hatte, aber keine ständig stationierte Truppe. Seither ist die Präsenz der Armee wieder eingeführt und sukzessive vergrössert worden. Galt einst die Möglichkeit eines russischen Handstreichs gegen das neutrale Land als Hirngespinst von Militärköpfen, so ist auch die schwedische Realität seit dem 24. Februar eine andere.

Für die meisten Schweden ist Gotland eine Ferieninsel (im Bild: Felsformationen in ;Karlsö). Doch die Insel ist wegen ihrer strategischen Lage auch militärisch bedeutsam. Magnus Martinsson / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Für die meisten Schweden ist Gotland eine Ferieninsel (im Bild: Felsformationen in ;Karlsö). Doch die Insel ist wegen ihrer strategischen Lage auch militärisch bedeutsam. Magnus Martinsson / Imago

Euphorie im Baltikum

Vor diesem Hintergrund ist die Nato-Norderweiterung für die Balten eine höchst erfreuliche Entwicklung. Entsprechend euphorisch sind die Reaktionen. Der litauische Aussenminister Gabrielius Landsbergis sprach von einer «dramatischen Veränderung und riesigen Verbesserung» der Sicherheit im Ostseeraum. Die litauische Ministerpräsidentin Ingrida Simonyte nannte Finnlands Entscheid für die Nato «historisch».

Laurynas Kasciunas, der Vorsitzende des Sicherheitsausschusses im litauischen Parlament, erklärte, den baltischen Staaten bringe der Schritt nur Positives. Litauen werde die Ratifizierung des finnischen Beitrittsgesuchs rasch und reibungslos über die Bühne bringen.

Ähnlich äusserte sich die estnische Regierungschefin Kaja Kallas. Gleichzeitig sagte sie, die Verteidigungskapazität an der Nato-Ostflanke müsse deutlich verstärkt werden. Die Vorschläge aus Brüssel, die derzeit auf dem Tisch lägen, seien aus estnischer Sicht noch nicht genügend.

Gestärkte operative Möglichkeiten

Valdemaras Rupsys, der Oberbefehlshaber der litauischen Streitkräfte, hob mit Blick auf die Nato-Norderweiterung die militärischen und wirtschaftlichen Kapazitäten Finnlands und Schwedens hervor. Diese und ein kompaktes Nato-Gebiet im Ostseeraum bedeuteten eine wesentliche Stärkung der operativen Möglichkeiten und eine deutliche Verbesserung der Verteidigungskapazität.

Das ist auch die Meinung des pensionierten amerikanischen Generals Ben Hodges, der einst die in Europa stationierten amerikanischen Landstreitkräfte kommandierte. Gegenüber der BBC sagte Hodges, ein zusammenhängendes Nato-Gebiet im Ostseeraum sei eine wesentliche Verbesserung von Sicherheit und Stabilität und sende politisch ein Signal alliierter Solidarität an Russland.

Der estnische Analytiker Martin Hurt vom Zentrum für Sicherheitsstudien in Tallinn hob die Rolle hervor, die Schweden und Finnland als Nato-Mitglieder für die Sicherheit im Ostseeraum spielen können. Sie hätten militärisch deutlich mehr Möglichkeiten als die baltischen Staaten, namentlich mit ihren starken Luft- und Seestreitkräften.

Insbesondere eine starke Luftwaffe ist in beiden Ländern als bündnisfreien Staaten das Rückgrat der Verteidigung. Schweden hat sein eigenes Kampfflugzeug, den Gripen, während Finnland im Begriff ist, seine Luftflotte aus amerikanischer Produktion vom alternden Modell des F/A-18 auf den topmodernen F-35 umzurüsten. Helsinki hat 64 Einheiten dieses Typs bestellt.

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