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Positionspapier gegen Lockdown – Jetzt distanzieren sich vermeintliche Unterstützer

WELT-Logo WELT 31.10.2020
Ein Zimmer einer Intensivstation wird gereinigt und desinfiziert Quelle: dpa/Fabian Strauch © dpa/Fabian Strauch Ein Zimmer einer Intensivstation wird gereinigt und desinfiziert Quelle: dpa/Fabian Strauch

Mehrere Ärzteverbände haben sich deutlich von dem Positionspapier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) distanziert. Die Verbände waren zuvor in dem am Mittwoch veröffentlichten Papier als Unterstützer genannt worden.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hatte sich in dem Papier gegen ein breites Herunterfahren des Alltagslebens zur Corona-Eindämmung ausgesprochen. „Eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend noch umsetzbar“, sagte KBV-Chef Andreas Gassen. Kein erneuter Lockdown, keine Verbote – das war die Forderung der Ärzte, veröffentlicht kurz bevor sich Bund und Länder am Mittwoch auf weitreichende Kontaktbeschränkungen und andere Maßnahmen einigten.

Der KBV erarbeitete das Papier zusammen mit den Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit. Außerdem wurden zahlreiche Verbände als Unterstützer gelistet, darunter etwa der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands, zu dem 29 Verbände gehören.

Einer der vom Spitzenverband vertretenen Verbände, der Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA), kritisierte allerdings das Positionspapier. Zu einer deutlichen Einschränkung von Kontakten gebe es derzeit keine Alternative, wird der Präsident des BDA, Götz Geldner, in einer Pressemitteilung vom Donnerstag zitiert.

Corona-Papier sei nicht abgesprochen worden

Viel stärker als im Frühjahr gehe es jetzt darum, einen Kollaps der gesamten Intensivmedizin und damit sehr viele Tote zu vermeiden: „Wir können der Lawine, die sich bald lösen könnte, als Gesellschaft und Gesundheitssystem nicht tatenlos zusehen“, sagte Geldner. Sein Verband, der laut eigenen Angaben mehr als 20.000 Mitglieder zählt, habe vor der Veröffentlichung nichts von dem Papier gewusst und unterstütze es inhaltlich auch nicht. Dieser Auffassung sei auch die Schwestergesellschaft Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), die mehr als 15.000 Mitglieder habe.

Neben den Anästhesisten distanzierte sich auch der Berufsverband Deutscher Rheumatologen (BDRh). „Wir möchten ausdrücklich klarstellen, dass wir weder dieses Positionspapier unterstützen noch einer Aufführung unseres Verbands zugestimmt haben“, heißt es in einer Pressemitteilung vom Donnerstag.

In Schreiben an den Spitzenverband sowie an die KBV fordern die Rheumatologen, dass der Name ihres Verbands aus der Unterstützerliste gestrichen werden soll. „Derartige Taschenspielertricks um einen breiten Rückhalt in der Ärzteschaft vorzutäuschen, sind nicht akzeptabel. Im Interesse unserer Patientinnen und Patienten stehen wir hinter den von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen.“

Berufsverband sieht „Klärungsbedarf“

Auch der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) reagierte mit Verwunderung auf das Papier. Es gebe Klärungsbedarf mit der KBV, teilte der Verband auf Twitter mit. „Zudem war die Art und Weise und der Zeitpunkt nicht angemessen. Eine Beratung war nicht möglich.“

In einer am Freitag aktualisierten Fassung des Positionspapiers werden der BDA, der BDRh und der BDI im Gegensatz zu einer früheren Version nicht mehr namentlich als Unterstützer aufgeführt, allerdings ist der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands weiterhin als Vertreter von 29 Mitgliedsverbänden aufgelistet.

In der Unterstützerliste findet sich außerdem die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). In einer Stellungnahme begrüßte der Fachärzteverband allerdings die am Mittwoch von Bund und Länder beschlossenen Kontaktbeschränkungen, forderte aber auch spezielle Schutzkonzepte für ältere Menschen.

Zudem wird das Positionspapier offenbar nicht von allen Vertretern der KVB mitgetragen. Johannes Fechner, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KVB in Baden-Württemberg, distanzierte sich im SWR davon. Das Dokument sei entstanden, als die Corona-Fallzahlen noch niedriger gewesen seien. In Baden-Württemberg trage er die Entscheidungen der Landesregierung mit.

Hinter den Maßnahmen der Bundesregierung stehen auch Intensivmediziner. Die Beschlüsse von Bund und Ländern seien sehr sinnvoll, sagte der Chefarzt der Infektiologie in der München Klinik Schwabing, Clemens Wendtner, am Donnerstag in Berlin. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), sagte, Kliniken müssten sich jetzt bereits fragen, bei welchen Patienten sie vereinbarte Operationen guten Gewissens verschieben könnten. Die Devise könne daher nur lauten: „Fahrt runter!“

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