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Stahlarbeiter in Italien streiken – es droht der Verlust von 10 000 Arbeitsplätzen

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 08.11.2019 Andres Wysling, Tarent

ArcelorMittal will die Hochöfen in Tarent stilllegen; man sei von Rom getäuscht worden. Die Regierung will das Werk retten.

Dem riesigen Stahlwerk in Tarent droht die Schliessung. (Bild: Alessandro Bianchi / Reuters) © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung AG Dem riesigen Stahlwerk in Tarent droht die Schliessung. (Bild: Alessandro Bianchi / Reuters)

Die Stahlarbeiter in Tarent sind am Freitag früh in einen 24-stündigen Streik getreten. Drei Gewerkschaften haben dazu aufgerufen. Ziel der Aktion ist es, die drohende Schliessung des dortigen Stahlwerks mit 10 000 Angestellten abzuwenden. Der Konzern ArcelorMittal hatte diese Woche seinen gänzlichen oder zumindest teilweisen Rückzug von dem Standort angekündigt.

Die Regierung erwägt nach inoffiziellen Angaben, den Betrieb unter staatliche Verwaltung zu stellen, um anschliessend nach neuen Betreibern Ausschau zu halten. Das Werk ist der wichtigste Arbeitgeber in Süditalien und gilt zudem als Schlüsselelement der gesamten italienischen Industriepolitik. Die Stilllegung würde das Bruttoinlandprodukt um ein Prozent vermindern.

Die Führungsspitze von ArcelorMittal, Lakshmi und Adyta Mittal, war am Mittwoch persönlich zu Verhandlungen mit der Regierung in Rom erschienen. Sie schliessen offenbar die Weiterführung des Werks in Tarent in der bisherigen Grösse entschieden aus. Sie drohen mit dem kompletten Rückzug, mit Rückgabe der Schlüssel an den Staat am 1. Dezember. Allenfalls erwägen sie die Weiterführung des halben Betriebs mit 5000 statt mit 10 000 Angestellten. Nach diesem Szenario würden die drei in Betrieb stehenden Hochöfen in Tarent stillgelegt, der Kern des Stahlwerks würde damit geopfert. Es bliebe das Walzwerk für die Herstellung von Blechen.

Noch wird hinter den Kulissen weiter verhandelt. Der italienische Regierungschef Giuseppe Conte hat «roten Alarm» gegeben und erbost erklärt, Italien lasse sich nicht an der Nase herumführen. Die Regierung pochte zunächst darauf, dass der vereinbarte Geschäftsplan umgesetzt werden müsse, zu dem sich ArcelorMittal mit dem Einstieg im November 2018 verpflichtet habe. Laut dem Wirtschaftsminister Stefano Patuanelli sollten in Tarent 6 bis 8 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr produziert werden, aber, so meint er: «Sie sind unfähig, den Industrieplan umzusetzen.»

Doch die Mittals fühlen sich nicht mehr an den Vertrag gebunden. Sie machen Vertragsbruch und Täuschung durch den italienischen Staat geltend. Letzte Woche erklärte das Parlament plötzlich Umweltvorschriften für bindend, die zuvor explizit ausgesetzt waren. Und schon bei Vertragsabschluss habe jeder Hinweis auf fällige Sicherungsmassnahmen gefehlt. Ein Gericht hatte solche nach einem tödlichen Arbeitsunfall im Jahr 2015 verfügt. Umgesetzt wurden sie nicht. Im Dezember läuft die verlängerte Frist aus, es droht nun die Schliessung eines Hochofens – und möglicherweise sogar aller drei Hochöfen, denn sie sind baugleich.

Vieles deutet darauf hin, dass die Mittals den Standort Tarent aufgeben oder reduzieren wollen, weil sich dieses Engagement als Fehlinvestition erweist. Das Werk erwirtschaftet monatlich Verluste von 40 bis 50 Millionen Euro. Doch es ist der italienische Staat, der dem Stahlkonzern die bequeme Begründung für den Ausstieg liefert. Kommentatoren weisen darauf hin, dass wegen der herrschenden Rechtsunsicherheit in Italien immer wieder internationale Konzerne das Land verlassen. Der frühere Regierungschef Romano Prodi rügt das normative «Chaos» und stellt fest: «Niemand traut uns noch.»

ArcelorMittal hatte im November 2018 das unter staatlicher Sonderverwaltung stehende Stahlwerk in Pacht genommen, im Mai 2021 sollte es gemäss Vertrag ganz in den Besitz des Konzerns übergehen. Bei der Übernahme wurde die Belegschaft von 13 300 auf 10 700 Angestellte verringert. 8200 sind es in Tarent, der Rest verteilt sich auf elf weitere Standorte.

Im Laufe dieses Jahres investierte ArcelorMittal nach eigenen Angaben 200 Millionen Euro in Tarent, vor allem in Umweltmassnahmen. Ein riesiges Dach wurde über dem Rohstofflager errichtet. Es soll verhindern, dass grosse Staubwolken in Richtung Stadt wehen. Über 60 Jahre lang hatte man die Luftverschmutzung hingenommen, mit schwerwiegenden Gesundheitsfolgen für die Bevölkerung.

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