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Weil der Westen versagt, impfen China, Russland und Indien die Welt gegen Corona

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 07.03.2021 Katrin Büchenbacher, Eike Hoppmann, Andreas Babst, Markus Ackeret, Christian Kleeb

Der Westen impft zuerst die eigene Bevölkerung. Währenddessen liefern China, Russland und Indien ihre Vakzine an weniger reiche Länder. Wie lange werden sie diese globale Führungsrolle noch halten?

Ältere Bewohner von Mexiko-Stadt stehen an für eine Dosis des russischen Impfstoffs Sputnik V. Mexiko klopfte bei China, Russland und Indien an, um die eigene Bevölkerung mit Impfstoffen zu versorgen, nachdem Pfizer/Biontech Lieferschwierigkeiten bekundet hatten. Edgard Garrido / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Ältere Bewohner von Mexiko-Stadt stehen an für eine Dosis des russischen Impfstoffs Sputnik V. Mexiko klopfte bei China, Russland und Indien an, um die eigene Bevölkerung mit Impfstoffen zu versorgen, nachdem Pfizer/Biontech Lieferschwierigkeiten bekundet hatten. Edgard Garrido / Reuters

Weltweit nehmen Programme für die Impfung gegen das Coronavirus Fahrt auf. Doch der Verteilkampf um die begehrten Vakzine geht weiter, besonders auch für jene Länder, die sich nicht mit viel Geld einen Platz an der Spitze der Warteliste erkaufen konnten.

Mexiko etwa hatte eigentlich auf wöchentliche Lieferungen des Impfstoffs von Pfizer/Biontech gesetzt. Als der amerikanische Hersteller Lieferschwierigkeiten hatte, schaute sich Mexiko Ende Januar nach Alternativen um – und wurde rasch fündig. Am schnellsten waren die Chinesen: Bereits am 11. Februar lieferten sie zwei Millionen Dosen des Cansino-Vakzins. «Ewig gilt unser Dank», twitterte der mexikanische Aussenminister Marcelo Ebrard.

Drei Tage später trafen 870 000 Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs aus Indien ein. Und Russland lieferte 200 000 Dosen von Sputnik V. So kreuzen sich in Mexiko die Impfdiplomatie Chinas, Russlands und Indiens. Aber auch Algerien und Serbien haben sich bei allen drei Anbietern mit Impfdosen für ihre Bevölkerung eingedeckt.

Insgesamt hat China Vakzine in knapp 40 Länder geliefert, Russland in über 14, wie Daten der Analysefirma Airfinity zeigen. Mehr als 35 Länder haben nach Angaben des indischen Aussenministeriums Impfungen aus Indien erhalten. Die Empfängerländer verteilen sich über weite Teile der Welt. Besonders Südamerika und der Mittlere Osten, aber auch Teile Osteuropas stechen hervor. Auch Österreich führe Gespräche über Impfstoffe aus Russland und China, bestätigte der Kanzler Sebastian Kurz am Freitag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Noch empfangen meist Schwellenländer mit geringem und mittlerem Einkommen Impfstoffe aus China, Russland und Indien. Diese sind im Verteilkampf um die Vakzine der westlichen Hersteller praktisch leer ausgegangen. Denn die Vereinigten Staaten, die EU und andere reiche Länder haben die ersten Lieferungen für ihre eigenen Bevölkerungen aufgekauft. Manche haben gar viel mehr bestellt, als sie eigentlich brauchen.

Gekämpft wird mit harten Bandagen: Am Donnerstag stoppte Italien erstmals eine Lieferung von AstraZeneca-Impfdosen nach Australien und machte damit von einem EU-weiten System zur Exportkontrolle Gebrauch. Die WHO rügte den grassierenden Impfnationalismus.

China, Russland und Indien springen also ein, wo der Westen nur an sich selber denkt. Bis Covax, die Impfinitiative der WHO, die auch ärmeren Ländern Zugang zu Vakzinen verschaffen will, richtig in Fahrt kommt, haben die drei Länder freie Bahn.

Mit ihren begehrten Lieferungen retten China, Russland und Indien Leben. Gleichzeitig versuchen sie damit, ihr globales Ansehen zu steigern. Da stellt sich die Frage, welche Strategien Peking, Moskau und Delhi genau verfolgen. Und: Werden sie ihre Vorreiterrolle halten können, wenn Covax einmal seine volle Kraft entfaltet?

China: der Impfstoff-Champion – bis jetzt

Kein Land hat so viel chinesischen Impfstoff erhalten wie Indonesien. Fast 40 Millionen Dosen wurden bereits geliefert, fast die Hälfte aller chinesischen Exporte. Am 13. Januar besuchte der chinesische Aussenminister Wang Yi Jakarta mit der Botschaft, China helfe dem von der Pandemie gegeisselten Land.

Indonesien ist ein wichtiger Standort für Chinas Belt-and-Road-Initiative. Diese hat auch eine gesundheitliche Komponente, die sogenannte Gesundheitsseidenstrasse. Wie bei der Belt-and-Road-Initiative generell setzt Peking auch hier stark auf Infrastruktur. So wurde etwa zum Transport von Vakzinen eine Kühlkette-Luftbrücke nach Afrika aufgebaut. Mit der Lieferung von Impfstoff will China auch die wirtschaftlichen Beziehungen zu Lateinamerika und dem Nahen Osten vertiefen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Bahrain haben bereits in der ersten Dezemberhälfte des vergangenen Jahres den Impfstoff von Sinopharm zugelassen; sie rangieren inzwischen im weltweiten Ranking der pro hundert Einwohner verabreichten Dosen weit vorne. Erweisen sich die Wirkstoffe aus chinesischer Produktion als zuverlässig, kann Peking mit der Impfdiplomatie demonstrieren, welche Fortschritte es im forschungsintensiven Gesundheitssektor gemacht hat. Derzeit gibt es über die Schutzwirkung der chinesischen Impfstoffe allerdings noch unterschiedliche Angaben, da die Ergebnisse der Phase-III-Studien noch nicht publiziert wurden.

China hat gleich mehrere Impfstoffe im Angebot. Die Vakzine der Pharmaunternehmen Sinopharm, Sinovac und Cansino werden bereits exportiert. Da die Infektionszahlen im Land selber tief und die Grenzen weitgehend geschlossen sind, kann sich die Regierung mehr Zeit lassen mit dem Impfen der eigenen Bevölkerung. Bis Ende Jahr sollen mindestens 2,6 Milliarden Dosen produziert werden.

Russland: hohe Ziele, begrenzte Kapazitäten

Moskaus Heilsbringer heisst Sputnik V. Damit ist Russland neben China massgeblich an Serbiens Impfkampagne beteiligt. Die Lieferung von zwei Millionen Dosen vereinbarte der Russische Fonds für Direktinvestitionen (RDIF), der die Entwicklung von Sputnik V mitfinanzierte und nun für die weltweite Vermarktung zuständig ist. Noch ist aber erst ein Bruchteil der bestellten Dosen eingetroffen. Auch anderswo zeigt sich, dass die Ankündigungen des Fonds meist pompöser sind als die tatsächlich gelieferten Mengen.

Obwohl Sputnik V als erster Coronavirus-Impfstoff bereits im August 2020 registriert wurde, ist die Produktion noch im Aufbau. Die «Financial Times» berichtete über Verzögerungen. Daher können nicht alle weltweit versprochenen Lieferungen sichergestellt werden.

Der RDIF hat mit Brasilien, Südkorea, Indien, China, der Türkei, Kasachstan und Serbien Vereinbarungen zur Lizenzproduktion abgeschlossen. Innenpolitisch ist das in Russland ein wichtiges Argument gegen den Vorwurf, der eigene Impfstoff werde ins Ausland vergeben, statt dass die eigene Bevölkerung zügig geimpft werde. In Russland ist die Nachfrage bis jetzt allerdings eher lau; viele Russen lassen sich Zeit mit der Entscheidung, ob sie sich impfen lassen.

Mittlerweile geht aber auch der Aufbau von Produktionskapazitäten in Russland rasant voran. Vertreter von beteiligten Pharmaunternehmen erwarten, dass bereits im März insgesamt 30 Millionen Dosen des Impfstoffs hergestellt werden können, davon ein Drittel in russischen Werken. Auch diese Produktion könnte mittelfristig zum Teil exportiert werden.

Kaum ein Tag vergeht, an dem der RDIF auf einer Website nicht vermelden kann, dass ein weiteres Land das Vakzin zugelassen habe. Über vierzig sind es derzeit. Mit asiatischen, lateinamerikanischen, afrikanischen sowie ostmittel- und südosteuropäischen Staaten hat der Fonds Lieferverträge abgeschlossen.

Gleichzeitig verteidigt Russland mit der Impfdiplomatie seinen Einfluss in Zentralasien oder auf dem Balkan und dehnt ihn bis nach Lateinamerika aus. Besonders feierte der Fonds die erste Lieferung von Sputnik-V-Dosen nach Mexiko – einem Nachbarland des grossen Rivalen USA.

Indien hat ein Geschenk für Bangladesh: AstraZeneca-Impfdosen, frisch verpackt. Mohammad Ponir Hossain / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Indien hat ein Geschenk für Bangladesh: AstraZeneca-Impfdosen, frisch verpackt. Mohammad Ponir Hossain / Reuters

Indien: im Wettbewerb mit China

Es gibt nicht viele Rennen, die Indien in den vergangenen Jahren gegen China gewonnen hat. China wurde eine Weltmacht, gewann an Einfluss in Indiens Nachbarstaaten. Indien blieb zurück.

Doch bei der Impfdiplomatie ist Indien voll dabei. Seit Ende Januar exportiert Indien Impfstoff nach Bangladesh, Burma, Nepal und Bhutan. Es folgten Lieferungen nach Sri Lanka, Afghanistan und in die Mongolei. Im Vergleich mit China und Russland, die globaler unterwegs sind, etabliert sich Indien mit seiner Impfdiplomatie vor allem als regionale Macht.

Indiens Stärke hat viel mit einem einzigen Unternehmen zu tun, dem Serum Institute in Pune, dem weltweit grössten Impfstoffhersteller. Die private Firma wird vom Milliardär Adar Poonawalla geführt. Poonawalla schloss im vergangenen Sommer eine Wette ab: Der britisch-schwedische Pharmariese AstraZeneca war weltweit auf der Suche nach Herstellern, die den in Oxford entwickelten Impfstoff produzieren können. Poonawalla versprach, den globalen Süden zu versorgen. Noch bevor der Impfstoff zugelassen wurde, hatte Poonawalla Millionen von Dosen produziert.

Nicht ganz klar sind die Verbindungen zwischen Poonawalla und der indischen Regierung. Das Serum Institute muss laut Poonawalla Indien beim Verkauf der Dosen priorisieren. 21 Millionen Dosen soll die Regierung bisher gekauft haben. Das indische Aussenministerium führt auf seiner Website alle vom Serum Institute verkauften Impfdosen auf. Das erweckt den Eindruck, der Staat habe sie exportiert.

Mit Covaxin von Bharat Biotech hat Indien auch einen selbstentwickelten Impfstoff im Angebot. Das Vakzin wurde in Indien bereits verimpft, bevor die Phase-III-Tests abgeschlossen waren. Diese Woche verkündete Bharat Biotech, dass der Impfstoff bei 81 Prozent der Probanden effektiv sei. Doch in den meisten Ländern ist Covaxin noch nicht zugelassen. Nach Angaben des Aussenministeriums wurden bisher 200 000 Dosen nach Burma exportiert, Brasilien habe 20 Millionen Dosen bestellt.

Das globale Impfprogramm der WHO holt auf

Indien spielt auch im globalen Impfprogramm Covax eine wichtige Rolle. Die Initiative der WHO soll sicherstellen, dass auch ärmere Länder Zugang zu Impfungen haben. Die EU hat 600 Millionen Dollar gespendet, die USA will 4 Milliarden Dollar beitragen.

Ende Februar verliessen die ersten Kisten mit dem Covax-Kleber das Serum Institute in Richtung Afrika. Ghana erhielt 600 000 Dosen, Côte d’Ivoire 504 000 Dosen. Auch China ist Covax beigetreten, wartet aber noch auf eine Zulassung seiner Vakzine durch die WHO. Eine Entscheidung wird für März erwartet.

Obwohl bereits im April 2020 beschlossen, stockte Covax zunächst, kämpfte mit Finanzierungslücken und Lieferschwierigkeiten. Nun hat die Initiative Fahrt aufgenommen: Nigeria, Angola, Rwanda, Kenya, der Sudan und Kambodscha erhielten Anfang März Impfstoffdosen. Es sind Länder, die bisher selbst von China, Russland oder Indien vernachlässigt wurden.

Waren es Ende Februar erst vier Länder, die Impfstoffe durch das Covax-Programm beziehen konnten, sind es am Freitag nach Angaben der Impfallianz Gavi bereits 19. Und Covax entfaltet immer mehr seine Wirkung: Bereits im April dürfte das multilaterale Programm China bei den Lieferungen überholen, wie Berechnungen von Airfinity prognostizieren. Damit wird Covax zur wichtigsten Versorgungsquelle von Schwellenländern. China, Russland und Indien wird es schwerer fallen, den Ruhm für sich allein zu beanspruchen.

Indien hat allerdings noch einen Trumpf im Ärmel. Wie andere arme Länder wird es zwar selber Impfdosen von Covax erhalten. Doch die meisten der bisher versandten Dosen stammen vom Serum Institute in Indien. Auch sie werden fein säuberlich auf der Website des indischen Aussenministeriums ausgewiesen. So kann die Regierung den Eindruck verbreiten, dass sie weiterhin in grossem Stil die Welt mit Vakzinen versorgt. Indien betreibt mit Covax derzeit sozusagen Impfdiplomatie durch die Hintertür.

Text: Katrin Büchenbacher; Andreas Babst, Delhi; Markus Ackeret, Moskau. Datenauswertung: Eike Hoppmann. Grafik: Christian Kleeb.

Quellen und Vorgehen: Die Daten stammen von der Wissenschaftsanalysefirma Airfinity und zeigen, welche Länder China, Russland und Indien mit Impfstoff beliefert haben. Das Unternehmen wertet dafür offizielle Mitteilungen von Regierungen und Medienberichte aus. Airfinity hat sich auf Gesundheitsdaten rund um Covid-19 spezialisiert. Zu den Kunden gehören Regierungen, Pharmahersteller und Banken. Wir analysieren Zahlen für bereits gelieferte Impfstoffe. Manche Länder haben mit China, Russland oder Indien zwar schon Verträge über weit höhere Liefervolumen abgeschlossen. Doch es ist unklar, bis wann diese Zusagen eingelöst werden können. Zahlen über gelieferte Vakzine beschreiben die Leistungen der Geberländer zum gegenwärtigen Zeitpunkt besser.

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