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«20 Minuten» animiert Junge zum Austritt – die Kirche findet das gar nicht lustig

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung vor 5 Tagen Simon Hehli

Die Kirchensteuer sparen und doch in Weiss heiraten und die Kinder taufen lassen – geht das? Solche Fragen beantwortet die Gratiszeitung. Das sei verantwortungslos und absurd, schimpfen Kirchenvertreter.

Sowohl die katholische wie auch die reformierte Kirche – hier eine Kirche in Fällanden – haben mit vielen Austritten zu kämpfen. (Bild: Dominic Steinmann / NZZ) ; © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung AG Sowohl die katholische wie auch die reformierte Kirche – hier eine Kirche in Fällanden – haben mit vielen Austritten zu kämpfen. (Bild: Dominic Steinmann / NZZ) ;

Erwachsenwerden ist schwer. Zum Glück gibt es die Gratiszeitung «20 Minuten», die den Twens mit Tat und Rat zur Seite steht. Die Rubrik «Grow up» widmete sich kürzlich der Frage, wie man aus der Kirche austreten kann – dies unter dem Hinweis, dass mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung jährlich «bis zu 1000 Franken Kirchensteuern» zahle. Es folgen eine genaue Anleitung zum Abschied von der Kirche sowie der Tipp, dass einige Organisationen im Internet vorgefertigte Formulare für einen «reibungslosen» Austritt bereitstellen.

Auch an die Opportunisten unter den Lesern haben die Autoren gedacht und erklären, wie man trotz Abgang und gesparten Steuern allenfalls kirchlich heiraten, seine Kinder taufen lassen oder eine Beerdigungszeremonie erhalten kann (einfach «mit dem Gemeindepfarrer das Gespräch suchen»). Der Beitrag stiess bei den Leserinnen und Lesern offensichtlich auf breites Interesse, über 1000 Personen haben ihn kommentiert. Darunter gibt es auch kritische Stimmen. Ein Leser, der dafür viele Likes erhielt, fragt, was ein solcher Artikel solle. Und weiter: «Die Kirchensteuer ist ein sozialer Beitrag, bei dem vieles dem Gemeinwohl zugutekommt. Der heutige Mensch will nur profitieren.»

«Die Ehe ist mehr als eine hübsche Dekoration»

Noch harscher fällt die Reaktion bei Kirchenleuten aus, wie das Portal «Kath.ch» berichtete. Simon Spengler, Kommunikationschef bei der katholischen Kirche des Kantons Zürich, findet, der Artikel sei «verantwortungslos» und de facto ein Aufruf zum Kirchenaustritt. Das sei ein Ausdruck der Entsolidarisierung in der Gesellschaft. Aus Spenglers Sicht ist es stossend, zu suggerieren, man könne die Taufen oder Trauungen auch nach dem Austritt als Dienstleistung nutzen. «Dass man die Ehe in der Kirche vor Gott schliessen möchte, ohne an Gott zu glauben und hinter der Kirche stehen zu können, ist absurd.» Das Sakrament der Ehe sei mehr als eine hübsche Dekoration für eine Hochzeitsfeier.

Spengler weist zudem darauf hin, dass gerade die Jungen als Hauptzielgruppe des Artikels kaum (Kirchen-)Steuern zahlen. Und er mahnt, dass es sich beim Kirchenaustritt nicht nur um eine Frage des persönlichen finanziellen Nutzens handelt. «Man muss sich überlegen, ob man das Engagement der Kirche vor Ort, so etwa für Flüchtlinge, Senioren, Jugendliche oder Kinderbetreuung, unterstützen will.» Auch Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ), ist mit dem Beitrag «alles andere als glücklich», wie er auf Facebook schreibt.

Kosch hält fest, die Beiträge der Kirche zum Zusammenhalt der Gesellschaft, zu sozialen Werten, zur Bildung und zur Kultur würden mit keinem Wort erwähnt. Das stimmt jedoch nicht. Die Autoren des «20 Minuten»-Texts schreiben, wenn auch an wenig prominenter Stelle: «Sei dir bewusst, dass die Kirche auch eine soziale Einrichtung ist und du mit deinem Beitrag indirekt Hilfswerke und soziale Projekte unterstützt.»

Jeder Vierte will austreten

Die Dünnhäutigkeit der katholischen Kirchenvertreter ist erklärbar vor dem Hintergrund des allgemeinen Exodus. Vor einigen Wochen mussten sie die Meldung zur Kenntnis nehmen, dass die Zahl der Kirchenaustritte in manchen Kantonen 2018 auf Rekordhöhe stieg. Einer der zentralen Gründe dürften die Missbrauchsskandale sein, doch auch die Reformierten leiden unter dem anhaltenden Schrumpfprozess. Laut einer kürzlich erschienenen Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center sagt jedes vierte verbliebene Kirchenmitglied in der Schweiz, dass es wahrscheinlich bald austreten werde.

Diese Entwicklung freut die religionskritischen Freidenker, die den «20 Minuten»-Beitrag beklatschten. Auch auf der Redaktion der Zeitung kann man die Kritik der Kirchenleute nicht nachvollziehen. Der stellvertretende Chefredaktor Gaudenz Looser sagte gegenüber «Kath.ch», mit dem Erwachsenwerden und dem Eintreten der Steuerpflicht stelle sich auch die Frage der Kirchensteuer. Es sei die Aufgabe der Zeitung, die Leserinnen und Leser mit für sie relevanten Informationen zu versorgen. Dass «20 Minuten» den Kirchen gegenüber generell kritisch eingestellt sei, bestreitet Looser.

Der Papst hat den Rücktritt von Vitus Huonder angenommen. (Bild: Gaëtan Bally / Keystone) Nächste Geschichte

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