Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Bleiben Sie paranoid!

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 30.05.2020

Warum in den Verschwörungstheorien ein Stück Wahrheit steckt.

Unbewilligte Demonstration gegen die Corona-Massnahmen auf dem Bundesplatz in Bern. © Foto: Manuel Zingg Unbewilligte Demonstration gegen die Corona-Massnahmen auf dem Bundesplatz in Bern.

Vergangene Woche führte ich mit der Kulturwissenschaftlerin Bénédicte Savoy eine Online-Debatte zum Leben nach Corona. Savoy machte mich dabei auf eine interessante Tatsache aufmerksam: Verschwörungstheorien wie die der «Impfdiktatur» würden vor allem von jenen vertreten, die von der Krankheit nicht betroffen sind. Das leuchtet unmittelbar ein. Dass es eine tödliche Krankheit «nicht gibt» und von elitären Gehimzirkeln «erfunden» wurde, kann nur behaupten, wer selbst verschont geblieben ist.

Deutschland, das weltweit Corona mit am besten gemeistert hat, hat so aktuell konsequenterweise die meisten Anti-Hygiene-Demos zu verzeichnen. In den USA und in Brasilien dagegen, wo Verschwörungstheoretiker sogar an der Macht sind, sorgten über hunderttausend Tote dafür, dass niemand mehr die «Realität» der Krankheit anzweifelt.

Trotzdem steckt in diesen Verschwörungstheorien, behaupte ich, ein Wahrheitskern. Wie es in dem bekannten Witz heisst: Nur weil du paranoid bist, heisst das noch lange nicht, dass sie nicht hinter dir her sind. Oder auf Corona bezogen: Die gleichen Megakonzerne, die ihre genetisch veränderten Lebensmittel pausenlos um die Welt fliegen, werden uns bald auch das Heilmittel für die neueste pandemische Folge dieser rücksichtslosen Globalisierung verkaufen. Doch deshalb haben sie Corona nicht selbst entwickelt. Verantwortlichkeit im gefühlten und im juristischen Sinn sind eben nicht das Gleiche.

Machtkritik und Sozialneid wohnen nah beieinander»

Womit die zentrale Frage «Wer profitiert davon?» nicht irrelevant wird. Oder besser: Welche inhumanen Strukturen machen die immer gleichen tödlichen Profit-Kreisläufe möglich? Und hier sollte der bei aller oberflächlichen Doofheit den Verschwörungstheorien innewohnende Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit ernst genommen werden. Sich von etwas in Empörung versetzen zu lassen, ist die Voraussetzung für jede Form des Engagements und damit der Veränderung.

Doch vor allem ist natürlich Vorsicht geboten. Machtkritik und Sozialneid wohnen, wie man weiss, nah beieinander. Gefühlte Wahrheiten haben die Eigenart, schnell ungenau zu werden, und hinter der erhabenen Klippe der Empörung liegt das verpestete Tal des Ressentiments. Verschwörungstheorien sind, simpel gesagt, die Abfallgrube des engagierten Denkens. Hier vermischen sich Urteil und Vorurteil, berechtigter Einwand und absichtliches Missverständnis.

Schon bei der Pest, die im 14. Jahrhundert wütete, wurde der Bevölkerung schnell klar, dass die rasende Verbreitung der Krankheit mit der schlechten Hygiene und dem entgrenzten Handel zu tun hatte. Aber es waren eben nicht jüdische «Brunnenvergifter», die daran die Schuld trugen. Sondern die christlichen Eliten selbst, denen die Gesundheit der Massen völlig egal war – und die natürlich bei der Judenhetze am lautesten dabei waren.

Bleiben Sie also bitte paranoid. Empören Sie sich. Aber schauen Sie sich sehr genau an, wer hinter Ihnen her ist. Denn im Zweifelsfall sind Sie es selbst.

Nächste Geschichte

Auto prallt bei A2-Ausfahrt in Böschung

| Anzeige
| Anzeige

Mehr Von Tages-Anzeiger

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon