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Falsche Eisbären-Expertin und «Breitbart»-Journalist in der Klima-Beilage der «Weltwoche»

watson.ch-Logo watson.ch 11.07.2019 Christoph Bernet
Mit einem 34-seitigen «Lehrmittel» will die «Weltwoche» laut eigenen Angaben die «ungesunde Diskussion» über den Klimawandel öffnen und versachlichen. Ein genauer Blick auf die Autorenliste zeigt: Einige der Mitwirkenden haben ihre liebe Mühe mit Sachlichkeit.

In seiner Rolle als SVP-Ständeratskandidat tourt «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel seit Monaten durch den Kanton Zürich und hält Wahlkampfreden gegen den «Klimawahn» und die «rot-grüne Verlogenheit». Im Editorial der jüngsten Beilage schlägt er sanftere Töne an. Mit dem Heft solle die «festgefahrene, geradezu festgefrorene Klimadebatte» entkrampft werden. Dieses sei als «Beitrag zur Meinungsbildung und gegen Hysterie und Panikmacherei» und zur «Öffnung und Versachlichung» gedacht.

17 Beiträge umfasst das «Lehrmittel». Redaktor Alex Baur etwa hat ein behutsames Portrait des emeritierten Berner Geologie-Professors Christian Schlüchter geschrieben. Dessen Forschungsergebnisse zur Geschichte der Gletscher haben zu einem Streit mit dem berühmten Berner Klimaforscher Thomas Stocker geführt, einem wichtigen Mitautor der Berichte des Uno-Klimarats IPCC.

Köppels Stellvertreter Philipp Gut hat sich mit dem renommierten Klimahistoriker Christian Pfister darüber unterhalten, ob der derzeitige Klimawandel im Vergleich zu früheren Veränderungen des Klimas wirklich dramatischer ist. Pfisters Antwort: «Klimatisch leben wir seit 1988 in einer neuen Welt», was ihm «grosse Sorgen» bereite.

Doch im Gegensatz zu den Artikeln über die beiden Professoren stützen sich viele Beiträge auf äusserst fragwürdige Experten – oder wurden direkt von solchen verfasst. Vier Beispiele:

Die falsche Eisbären-Expertin im Sold der Erdöl-Lobby

Auf Seite 22 schreibt die Zoologin Susan Crockford unter dem Titel «Fehlalarm um die Eisbären», dass es den Eisbären trotz dem Rückgang des arktischen Meereises «besser denn je geht». Am Artikelende wird Dr. Susan Crockford als Zoologin an der Universität von Victoria in British Columbia vorgestellt, die spezialisiert auf Eisbären und Walrosse sei.

Diese Information ist nicht falsch, aber zeichnet ein schmeichelhaftes Bild einer äusserst umstrittenen Person. Tatsächlich hat Crockford zwar einen Doktortitel der Universität von Victoria. Sie steht aber nicht auf der Lohnliste, hat keinen Lehrstuhl und ist nicht Mitglied der Fakultät, sondern wurde lediglich zur Assistenzwissenschafterin ernannt.

Crockford hat keinen einzigen Artikel über Eisbären in einer wissenschaftlichen Zeitschrift mit Peer Review publiziert. Die einzigen Artikel, die einen wissenschaftlichen Anspruch erfüllen, publizierte sie in den Gebieten Zoogeographie, Paläoökologie, Archäozoologie und Osteometrie. Ihr Spezialgebiet ist die frühe Domestizierung von Hunden. Sie führt aber seit Jahren den Blog polarbearscience.com.

Der renommierte Eisbärenforscher Ian Stirling, der im Gegensatz zu Crockford über 150 Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht hat, sagt über sie: «Crockford hat keinerlei Autorität in der Frage der Auswirkung des Klimawandels auf die Eisbären.» Gemeinsam mit Forscherkollegen konnte Stirling im wissenschaftlichen Magazin «BioScience» nachweisen, dass 80 Prozent der untersuchten Blogs, welche den Einfluss des menschgemachten Klimawandels auf die Eisbären abstritten, sich als primäre Quelle auf Crockfords Blog bezogen.

Ihre Artikel zu Eisbären wurden auch von der Global Warming Policy Foundation (GWPF) publiziert, einem britischen Think Tank, welcher den menschgemachten Klimawandel relativiert.

Auch finanziell ist Crockford mit ähnlichen Institutionen verbandelt. Während zwei Jahren erhielt sie für die Zusammenfassung von wissenschaftlichen Artikeln monatlich 750 US-Dollar vom Heartland Institute, einem libertär-konservativen Think Tank und trat mehrmals an Veranstaltungen des Instituts auf. Das Heartland Institute wird unter anderem von Ölkonzern Exxon Mobile, der mit Erdöl reich gewordenen Milliardärsfamilie Koch oder dem Trump-Freund und Milliardär Robert Mercer finanziert. Es gilt als weltweit einflussreichste Organisation der Bewegung, die den menschgemachten Klimawandel leugnet.

Der «Breitbart»-Journalist, der einen Kohleminen-Besitzer interviewt

Matt Ridley 2013 vor dem Londoner Bahnhof St. Pancras. © AP Matt Ridley 2013 vor dem Londoner Bahnhof St. Pancras.

In einem doppelseitigen Interview erklärt der britische Journalist, Zoologe, Bestsellerautor und Politiker Matt Ridley, was ihn zum «Klimaskeptiker» gemacht habe. Zwar streitet er im Gespräch nicht ab, dass das vom Menschen verursachte CO2 «für einen Gutteil der jüngsten Erwärmung» verantwortlich ist. Allerdings hält er diese für nicht gefährlich. Die Massnahmen, welche dagegen ergriffen werden, würden mehr Schaden anrichten als die Klimaerwärmung selber.

Ridley begann seine Laufbahn als Wissenschaftsjournalist beim «Economist». Später wurde er Buchautor, Kolumnist und wurde für die Konservative Partei ins House of Lords, das britische Oberhaus, berufen. Auf seinen Ländereien in Nordengland wird Kohle abgebaut. Ridley ist Berater des oben erwähnten Think Tanks Global Warming Policy Foundation (GWPF). Der GWPF wurde 2014 von der entsprechenden Aufsichtsbehörde der Status als gemeinnützige Organisation entzogen. Die Begründung: Die GWPF habe gegen das Gebot der Objektivität verstossen und Fakten und Meinungen vermischt und sei voreingenommen.

Das Interview mit Matt Ridley stammt vom britischen Journalisten James Delingpole und wurde von der «Weltwoche» ins Deutsche übersetzt. Delingpole, der eine Vergangenheit bei den Boulevardblättern «Daily Mail» und «Daily Express», aber auch bei der altehrwürdigen «Times» hat, ist seit 2014 Chef des Ablegers der rechtspopulistischen Newssite «Breitbart News» in London. Wer James Delingpole ist, wird in der «Weltwoche» nicht erwähnt.

Der Star der «Klimaskeptiker», der Zitate verdreht

Björn Lomborg (rechts) 2003 in Kopenhagen. © AP Björn Lomborg (rechts) 2003 in Kopenhagen.

Auf zwei Seiten schreibt der dänische Politikwissenschafter Björn Lomborg unter dem Titel «Es gibt wichtigere Sorgen», weshalb die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens aus seiner Sicht kaum etwas bringt. Lomborg gilt als bekanntester Klimaskeptiker der Welt.

Das Geld, das für den Kampf gegen den Klimawandel ausgegeben werden soll, würde man gemäss Lomborg besser in Verhütung und Familienplanung, Ernährung, Agrarforschung oder den Kampf gegen Tuberkulose investieren. Sein Plädoyer stützt Lomborg auf Resultate des von ihm geleiteten Copenhagen Consensus Centre. Dort verteilt ein von Lomborg handverlesenes Panel von bekannten Ökonomen regelmässig Noten für verschiedene Massnahmen zur Lösung der drängendsten Probleme der Menschheit. Mithilfe einer Kosten-Nutzen-Analyse sollen so kostengünstige und effizente Lösungen priorisiert werden.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Lomborg mit seinem 2001 auf Englisch erschienenen Buch «The Skeptical Environmentalist» (auf Deutsch: «Apocalypse No! Wie sich die menschlichen Lebensgrundlagen wirklich entwickeln»). Darin warf Lomborg den Klimawissenschaftlern vor, den Zustand der Umwelt viel zu düster zu beschreiben. Er versuchte zu belegen, dass sich der Zustand der Umwelt in vielen Bereichen verbessert habe und es deshalb weniger Geld für Umweltpolitik brauche.

Mit seinem Buch erhielt Lomborg weltweit Aufmerksamkeit und wurde zu einem Star der Gegner von strengeren Massnahmen im Kampf gegen den Klimawandel. Rasch umgarnten einflussreiche US-Wirtschaftskreise den dänischen Bestsellerautor: Er wurde von der «Cooler Heads Coalition», einem Zusammenschluss von konservativen und libertären Lobbygruppierungen, die strengere CO2-Vorschriften ablehnen, zu Briefings in die USA eingeladen. 2015 wurde bekannt, das Paul Singer, ein Hedge-Fund-Manager, Milliardär und Grossspender der Republikanischen Partei, Bjorn Lomborgs Copenhagen Consensus Centre im Jahr 2013 mit 200'000 US-Dollars unterstützt hatte. Das entsprach einem Drittel des Jahresbudgets.

In Wissenschaftskreisen wurde Lomborgs Werk scharf kritisiert. 2003 stellte das «Dänische Komitee für unredliches Verhalten in der Wissenschaft» fest, das Lomborg in seinem Buch unter anderem erfundene Daten genutzt, selektiv unerwünschte Ergebnisse aussortierte und vorsätzlich irreführende statistische Methoden angewandt hatte. Ausserdem habe er Plagiate begangen und Ergebnisse anderer Forscher vorsätzlich falsch interpretiert.

Der Ex-Shell-Mitarbeiter und die Meeresalge

Auf einer Doppelseite stellt der Autor Markus O. Häring die einzellige Kalkalge Emiliania huxleyi vor. Die Alge entzieht dem Meereswasser CO2 indem sie es mittels Fotosynthese in Sauerstoff und Kohlenstoff zerlegt. Anders als bei den Pflanzen auf der Erdoberfläche würde die Alge das CO2 nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft der Atmosphäre entziehen, so Häring. Er kritisiert, dass «dieser wichtige Prozess der CO2-Reduktion» nicht in die Klimamodelle des IPCC miteinfliesst

Häring ist Geologe und Experte für Geothermie. Er arbeitete zehn Jahre lang für den Erdölkonzern Shell und suchte in Peru, Australien und Nigeria nach Erdölfeldern. Gegenüber der «Tageswoche» erzählte er 2013, wie bei einer Bohrung in Peru mit 500 Helikopterflügen ein Bohrturm in den Dschungel des Amazonasgebiet transportiert wurde.

Der Basler ist Vorstandsmitglied des Carnot-Cournot-Netzwerks (CCN). Das vom neoliberalen Ökonomen Silvio M. Born gegründete Think Tank setzt sich laut Eigenbeschreib für «individuelle Freiheit, offenen Wettbewerb, gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen und minimale Staatseingriffe» ein. Im Januar 2019 lud das CCN den emeritierten deutschen Physikprofessor Horst-Joachim Lüdecke an eine Veranstaltung an die Uni Basel ein. Lüdecke ist Pressesprecher des Europäischen Instituts für Klima und Energie (EIKE). Er gilt als bekanntester Klimawandel-Leugner im deutschsprachigen Raum.

Das CCN finanziert seine Publikationen laut seinem Credo über Sponsoren: «Diesen steht es frei, genannt zu werden oder anonym zu bleiben». Gegenüber der «NZZ am Sonntag» sagte Markus O. Häring, er werde von niemandem bezahlt. Wer der anonyme Spender ist, der Härings Bücher – darunter «Sündenbock CO2» – finanziert, wollte er gegenüber der Zeitung aber nicht verraten.

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