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Neue Echtzeit-Indikatoren zeigen: Die Schweizer Wirtschaft hält sich recht gut

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 21.11.2020 Matthias Benz

Die Corona-Beschränkungen seit Ende Oktober haben die Gesamtwirtschaft bis jetzt nicht stark in Mitleidenschaft gezogen. Österreichs Wirtschaft leidet mehr.

Die Konjunkturexperten des Bundes werten unter anderem Daten ;zum Stromverbrauch aus, um den Wirtschaftsgang auf Wochenbasis abzuschätzen. Rene Traut / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Konjunkturexperten des Bundes werten unter anderem Daten ;zum Stromverbrauch aus, um den Wirtschaftsgang auf Wochenbasis abzuschätzen. Rene Traut / Imago

Seit in der Schweiz neue Corona-Beschränkungen gelten, steht die Frage im Raum: Bricht jetzt die Wirtschaft wieder ein? Etwas Entwarnung gibt vorerst ein neuer Indikator für die wöchentliche Wirtschaftsaktivität, den das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Freitag vorgestellt hat.

In der ersten Novemberwoche (2. bis 8. November) gab es demnach noch keinen gesamtwirtschaftlichen Dämpfer, obwohl der Bundesrat Ende Oktober landesweit neue Einschränkungen wie eine erweiterte Maskenpflicht und Personenobergrenzen für Veranstaltungen und private Treffen verordnet hatte.

Das könnte bedeuten, dass das Land wirtschaftlich einigermassen ungeschoren durch die zweite Welle kommt. Freilich gilt dies nur, wenn nicht doch noch schärfere Beschränkungen wie in den Nachbarländern Deutschland und Österreich nötig werden sollten.

Neuartige Indikatoren

Der ganz aktuelle Blick aufs Wirtschaftsgeschehen wird möglich dank neuartigen Echtzeitdaten. Die Schweizer Konjunkturforscher gehören hier international eher zu den Nachzüglern.

In Österreich hatten Experten der Nationalbank bereits im Mai einen wöchentlichen Indikator für das Bruttoinlandprodukt (BIP) entwickelt. Auch amerikanische Forscher erschlossen schnell neue Datenquellen, um den Wirtschaftsgang in der Pandemie abzuschätzen. In Deutschland hingegen liegen noch recht wenige Indikatoren vor, die zeigen würden, wie sich etwa der Konsum der Menschen oder sogar die Gesamtwirtschaft in den vorangegangenen ein bis zwei Wochen entwickelt hat.

Die Konjunkturexperten des Bundes haben einen indirekten Weg gewählt, wie sie den Wirtschaftsgang auf Wochenbasis abschätzen. Sie nahmen täglich oder wöchentlich verfügbare Daten etwa zum Stromverbrauch, zu den Gütertransporten der SBB, zu Bankkartentransaktionen oder zu Warenexporten und -importen. Solche Masse bieten Näherungsgrössen etwa für die Industrieproduktion, den Handel oder den Konsum. Dann wurde ermittelt, welche Daten den tatsächlichen realen Wirtschaftsverlauf in den vergangenen Jahren möglichst gut nachzeichnen. Daraus lässt sich eine Schätzung ableiten für die Gegenwart.

Strenggenommen bietet der neue Indikator keine wöchentliche BIP-Berechnung, und auch die wöchentlichen Schwankungen sollten nicht überinterpretiert werden. Dennoch lässt der Indikator Aussagen zu wie: Ende Oktober lag die Wirtschaftsleistung in der Schweiz um geschätzte 2% unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums.

Besser als Österreich

Der neue Indikator zeichnet eindrücklich den wirtschaftlichen Verlauf der Corona-Krise in der Schweiz nach. Er zeigt aber auch Unterschiede zu Nachbarländern wie Österreich. Während des Lockdowns im Frühling brach die Wirtschaftsleistung in der Schweiz kurzzeitig um rund 10% ein. Das war historisch eine einmalig tiefe Rezession. Aber ein Vergleich mit dem wöchentlichen BIP-Indikator in Österreich zeigt auch, dass dort der Einbruch vorübergehend fast doppelt so stark war.

Bis im Juli erfolgte dann eine überraschend starke Erholung. Die Wirtschaftsleistung lag im Sommer nur noch um 2 bis 3% unter dem Vorjahresniveau. Auch hier fuhr die Schweiz etwas besser als Österreich. Seither ging es seitwärts; die Wirtschaft schloss also die Lücke zur Vor-Krisen-Zeit bei weitem noch nicht. Die einzelnen Komponenten hinter dem Indikator legen nahe, dass vor allem das Exportgeschäft schwächelte (wozu auch der Tourismus zählt) und auch der Konsum sich nicht vollständig erholte.

Immerhin: Die zweite Welle, die die Schweiz im europäischen Vergleich stark getroffen hat, sowie die neuen Corona-Beschränkungen haben gesamtwirtschaftlich bis jetzt noch keinen grossen Dämpfer gebracht. Der neue Indikator für die Schweiz reicht vorerst bis zum 8. November, und er zeigt bis dahin keinen Rückgang der Wirtschaftsaktivität. Zwar leiden zweifellos einzelne Branchen wie die Gastronomie, der Tourismus oder die Veranstaltungsbranche. Aber ihr Anteil an der gesamten Wertschöpfung beträgt nur rund 3% – und er ist damit auch nur halb so gross wie etwa in Österreich.

Generell bietet sich in Österreich derzeit ein anderes Bild. Die Regierung in Wien hatte Anfang November die landesweite Schliessung von Restaurants, Bars sowie Kultur- und Sportstätten verordnet. Laut den österreichischen Echtzeitdaten drückte dies die Wirtschaftsleistung bereits um einige Prozentpunkte. Noch schlimmer dürfte es mit dem zweiten «harten» Lockdown werden, der in Österreich seit dieser Woche gilt. Wie stark die Wirtschaft deswegen vorübergehend einbrechen wird, werden Echtzeitdaten bald zeigen.

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