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SP-Nationalrat im Visier der Türkei

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 14.02.2020 Christian Zürcher

Gegen den Basler Politiker Mustafa Atici soll wegen mutmasslicher Unterstützung von Terrorismus ermittelt werden. Er ist überrascht.

So gut integriert, dass es schon fast ein klein wenig kitschig ist: Der Basler SP-Mann Mustafa Atici hat türkische Wurzeln. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone) © Bereitgestellt von Tages-Anzeiger So gut integriert, dass es schon fast ein klein wenig kitschig ist: Der Basler SP-Mann Mustafa Atici hat türkische Wurzeln. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

Als Erstes kaufte sich Mustafa Atici einen neuen Mantel. Er war im Oktober für die SP in den Nationalrat gewählt worden und hatte gehört, dass es in Bern kälter sei als zu Hause in Kleinbasel. Nun hat Atici seine erste Session hinter sich und muss sich nochmals wärmer anziehen. Nicht weil er den falschen Mantel gekauft hatte, nicht weil er etwas Falsches gesagt hätte, doch wie die «Wochenzeitung» (WOZ) berichtete, läuft in der Türkei eine Strafuntersuchung gegen den kurdischstämmigen 51-Jährigen – wegen mutmasslicher Terrorunterstützung. Die WOZ beruft sich dabei auf zwei unabhängige Quellen, die Einsicht in Ermittlungsakten hatten.

Atici ist überrascht, fast schon sprachlos: «Mir ist bist jetzt nicht bekannt, dass in der Türkei gegen mich eine Untersuchung läuft.» Grund für den Terrorverdacht sollen Aticis Beziehungen zu Personen der Gülen-Bewegung sein. Die Bewegung wurde vom konservativen islamistischen Geistlichen Fethullah Gülen gegründet, dieser soll laut dem türkischen Präsident Recep Tayyip Erdogan hinter dem Putschversuch im Jahr 2016 stehen.

«Absurd und frei erfunden» sei seine angebliche Verbindung zu den Gülen-Leuten, sagt Atici: «Ich weise solche Verleumdungen in aller Deutlichkeit zurück.»

Angst hat er keine

Atici hat sich in der Vergangenheit wiederholt über sein Herkunftsland geäussert. 2017 sagte er, dass er sich derzeit nicht in die Türkei traue. Denn auch er habe den türkischen Präsidenten schon kritisiert. So hat Atici gemutmasst, dass Erdogans Partei AKP in Schweizer Städten Moscheen bespitzeln würde. Und als der Basler Musiker Yilmaz Celik Ende 2019 in der Türkei verhaftet wurde, setzte er sich für den Mann mit kurdischer Herkunft ein und nannte dessen Inhaftierung willkürlich. Er folgerte: «Es ist absurd: Wenn die Türkei alle, die sich kritisch äussern, inhaftieren wollte, müsste sie ein paar Millionen Menschen auf der Welt suchen.» Es scheint, dass Atici zu einem dieser Menschen geworden ist.

Atici führt eine Cateringfirma, die auch im Basler Fussballstadion wirtet. Weggefährten beschreiben ihn als Mann, der sich erstens nicht in den Vordergrund dränge, zweitens ein Typ Brückenbauer sei und drittens ausserordentlich fleissig arbeite. So kommt es vor, dass Atici an einem Samstag einen Quartieranlass besucht, mit den Leuten spricht, Hände schüttelt, und sich dann verabschiedet, weil er im Fussballstadion seinen Leuten am Bierstand helfen müsse.

Atici kam mit 23 Jahren in die Schweiz, sprach kein Wort Deutsch und abonnierte bald die «Basler Zeitung». Seine Kollegen lachten ihn aus, weil Atici nicht verstand, was er las. Als er 2001 eingebürgert wurde, trat er nur zwei Tage später der SP bei. Im Oktober zog er nach drei Fehlversuchen (einmal fehlten ihm 89 Stimmen) in den Nationalrat ein. Atici ist fast schon ein kitschiges Beispiel für gelungene Integration. Daraus entspringt vielleicht sein noch grösstes Problem: Der Bildungspolitiker wird meist zum Thema Migration befragt, obwohl er viel lieber über Bildung sprechen würde.

Doch erst einmal werde er abklären, ob und was ihm vorgeworfen werde. Angst, so versichert er, habe er keine.

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