Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Städte-Ranking 2019: Im Westen viel Neues

Bilanz-Logo Bilanz vor 5 Tagen Florence Vuichard
Bern © Jean-Jacques Ruchti für BILANZ Bern

Bern ist zurück auf dem Podest. Auffällig viele Aufsteiger vermelden der Jurabogen und der Grossraum Genf.

Für Berner Verhältnisse ist es eine kleine Revolution. Seit kurzem planen die Bundesstadt und Ostermundigen nicht nur den Bau einer gemeinsamen Tramlinie, nein, sie reden gar über eine mögliche Fusion. Etwas, was vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre – trotz wiederholten Berner Annäherungsversuchen.

Gründe für die zaghafte gegenseitige Charmeoffensive gibt es viele, einer dürfte aber die positive Wachstumsdynamik sein, welche beide benachbarten Städte erfasst hat. Berns Stadtpräsident Alec von Graffenried spricht von einer «Aufbruchsstimmung», die sich auch im neusten Städte-Rankingwiderspiegelt. Die Bundesstadt macht einen Rang gut und holt nun nach den beiden Meisterpokalen für Fussball und Eishockey die Bronzemedaille im Rennen um den Titel als Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Bern steht wieder auf dem Podest – hinter Zürich und Zug.

162 Städte im Test

Mehr Einwohner, mehr Steuereinnahmen, mehr Investitionen in die Infrastruktur wie etwa in den soeben fertiggestellten Umbau des populären Marzili-Bads, mehr Wohnraum, ausgeweitete Betriebszeiten beim öffentlichen Verkehr, Temporeduktionen in den Quartieren sowie die konsequente Aufwertung des öffentlichen Raums mit Stühlen, Tischen und Pflanzen – das alles hat laut von Graffenried das Leben in der Stadt verbessert. Auch die mögliche Braut Ostermundigen steigt – wenn auch auf einem viel tieferen Niveau – auf: Sie macht gleich acht Ränge gut und landet neu auf Rang 119. Das zeigen die Berechnungen der Immobilienexperten von Wüest Partner, die für BILANZ anhand von insgesamt 115 Indikatoren die Lebensqualität der vom Bundesamt für Statistik definierten 162 Schweizer Städte gemessen haben (siehe «Die Methode» rechts).

Die grösste Aufsteigerin ist mit einem Plus von 14 Rängen die jurassische Hauptstadt Delsberg. Sie landet auf Platz 114 und setzt sich damit deutlich von der Besenwagengruppe ab, der sie noch vor ein paar Jahren angehörte. Ein Grund für den Aufstieg dürfte die Fertigstellung der A16, der Transjurane, sein und die daraus folgende bessere Erreichbarkeit (siehe auch «Aufstieg aus dem hintersten Drittel» auf Seite 88). Delsberg sei eine Stadt mit vergleichsweise viel ländlichem Charme, die aber über einen direkten Anschluss an die grossen Zentren verfüge, betont Stadtpräsident Damien Chappuis. Er kämpft unermüdlich dagegen an, dass sein Delsberg als abgelegen abgestempelt wird. «Wir sind nur 35 Minuten von Basel entfernt, 45 Minuten vom Flughafen Basel-Mulhouse, 50 Minuten von Bern – und dank der Nähe zum TGV-Bahnhof Meroux bei Belfort nur gerade drei Stunden von Paris.»

Die Liste aller Städte finden Sie hier:

Das gesamte Städte-Ranking 2019

Uhrmacherland im Aufwind

Sein Werben wird offensichtlich gehört: Die Bevölkerung jedenfalls ist seit 2010 um rund 10 Prozent auf heute über 12 600 Personen gewachsen, die Anzahl Stellen seit 2006 um knapp 45 Prozent auf 13 000. Die Eidgenössische Zollverwaltung etwa hat im vergangenen Jahr ihre Abteilung Alkohol und Tabak hier angesiedelt und rund 60 Mitarbeitende von Bern in den Jura verlegt. Auch das weltweit tätige, auf Tiergesundheit spezialisierte amerikanische Unternehmen Zoetis hat Delsberg als Standort für seinen Schweizer Ableger auserkoren und hier rund 20 Stellen geschaffen. «Es sind kleine Schritte», sagt Chappuis. «Aber die Richtung stimmt.» Die Steuereinnahmen seien gestiegen, die Stadt habe in der Folge investieren können – etwa in den Wohnungsbau, in Kultur- sowie Sportinfrastrukturen und in Krippenplätze. «Und wir konnten auch die Steuern senken», ergänzt Chappuis nicht ohne Stolz.

Delsberg ist keine Ausnahme. Im Jurabogen konnten auffällig viele Städte über-durchschnittlich viele Plätze gutmachen: Le Locle und La Chaux-de-Fonds etwa verbessern sich je um fünf Ränge. Ein willkommenes Geschenk, das gut zu all den Feierlichkeiten passt, mit welchen die beiden Neuenburger Städte derzeit daran erinnern, dass sie vor zehn Jahren wegen ihres Uhrmacher-Städtebaus in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen wurden. Auch die Kantonshauptstadt Neuenburg verbessert sich um sechs, Yverdonles-Bains (VD) auf der gegenüberliegenden Seeseite um vier Ränge.

Das frühere Sorgenkind Grenchen (SO) setzt seinen Aufwärtstrend der letzten Jahre fort und macht nochmals satte zwölf Ränge gut. Damit ist die Heimatstadt der ETA-Uhrwerke definitiv im Mittelfeld angekommen. Sechs Plätze gut macht auch das benachbarte Biel. Die zweisprachige Stadt im Kanton Bern, die lange als Hort überdurchschnittlich vieler Sozialhilfebezüger oder als Heimbasis des Islamischen Zentralrats abgestempelt wurde, sorgt heute auch mit anderen Themen für Schlagzeilen: mit positiven Meldungen aus den Bereichen Kultur und Wirtschaft. So hat jüngst der Künstler Thomas Hirschhorn in Biel eine begehbare Skulptur zu Ehren Robert Walsers eingeweiht, die bis zum 8. September etliche Besucher anlocken dürfte. Und im April hat die UBS ihr neues Dienstleistungszentrum in Biel eröffnet. Mittlerweile haben die ersten 50 Mitarbeiter ihre Arbeit aufgenommen. Der Personaletat soll über die nächsten Jahre sukzessive aufgestockt werden. Raum hat es für 600 Arbeitsplätze.

Die grösste Verliererin des neusten Rankings ist die Berner Flughafengemeinde Belp mit einem Minus von 16 Rängen. Rückschritte im doppelstelligen Bereich müssen noch fünf weitere Städte hinnehmen. Der Bündner Bergort Davos verliert 12 und Glarus Nord 11 Ränge. Zollikofen (BE) und St. Moritz büssen je 10 Plätze ein. Das Schlusslicht ist wie in den Vorjahren die Berner Gemeinde Steffisburg. Erneut mit dem zweitletzten Rang zufriedengeben muss sich Spiez am Thunersee. Der drittschlechteste Platz gehört dem Walliser Ferienort Zermatt, der einen Rang einbüsste und mit Uzwil (SG) den Platz tauschen musste.

Genfer Aufbruch

Einzige Westschweizer Stadt mit einem doppelstelligen Verlust ist Aigle (VD) mit einem Minus von 12 Plätzen. Ansonsten gibt es in der Romandie fast nur positive Entwicklungen zu vermelden: Die Lausanner Vororte Pully (+8) und Bussigny (+6) legen ebenso zu wie die Waadtländer Seeanstoss-Gemeinden Nyon (+4), Gland (+6) oder La Tour-de-Peilz (+3). Noch deutlicher ist die positive Dynamik im Genfer Becken sichtbar, im westlichsten Aussenzipfel der Schweiz. Die Grossstadt, die Heimat von über 100 internationalen Organisationen, die Facebook soeben als Zentrum für seine neue Kryptowährung Libra ausgewählt hat, steigt von Rang 8 auf Rang 7 auf. Aber nicht nur die StadtGenf selbst kann sich verbessern: Auch fast alle mit ihr verwachsenen Vorortsgemeinden konnten zulegen – namentlich Carouge (+3), Lancy (+6), Meyrin (+12), Onex (+8), Versoix (+6) und Thônex (+8).

Guillaume Barazzone, in der Genfer Stadtregierung verantwortlich für Sicherheit und Umwelt, stellt eine neue Dynamik in der ganzen Region fest – etwa in Bezug auf den Wohnungsbau oder beim Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Vorzeigeprojekt ist hier die neue Bahnverbindung Cornavin– Eaux-Vives–Annemasse, kurz CEVA genannt, die Ende Jahr eröffnet werden soll. Damit verkürzt sich die Reisezeit zwischen der Westschweizer Wirtschaftsmetropole und der französischen Stadt Annemasse auf 20 Minuten.

CEVA ist aber mehr als nur eine Kombination aus S-Bahn und Metro. Mehrere Dutzend Hektaren Brachen auf und neben der Strecke werden nun umgenutzt für Wohn- und Büroräume, Läden, Restaurants und Kulturhäuser. Etwa im Quartier Eaux-Vives, wo nebst 250 Wohnungen auch Platz für 400 Arbeitsplätze geschaffen wird. Hier soll auch die Nouvelle Comédie, das neue Stadttheater, entstehen. «Aber das ist erst der Anfang», ergänzt Barazzone und verweist etwa auf die «Cité de la Musique», einen neuen Komplex, dessen Eröffnung für 2022 geplant ist. Dieser wird neben dem Orchestre de la Suisse Romande auch die Genfer Musikhochschule beherbergen und einen Konzertsaal, mit dem Genf dem KKL in Luzern und gar der Elbphilharmonie von Hamburg Konkurrenz machen will.

Ambitionierte Pläne hat die Westschweizer Grossstadt nicht nur im Bereich Kultur, sondern auch als Wirtschaftsstandort. So senkt Genf per Januar 2020 seine Unternehmenssteuern von heute 24 Prozent auf 13,99 Prozent. Für Barazzone ein vielversprechender Schritt. Und für die Deutschschweizer Grossstädte ein Signal, dass Genf sich mittelfristig nicht mit dem siebten Rang zufriedengeben wird.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Bilanz

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon