Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

«Kinder leiden in ihrer Entwicklung und ihrem Lebensalltag am meisten»

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 21.11.2021 Anielle Peterhans

Auch Kinder und Jugendliche seien von Long Covid betroffen, sagt Alain Di Gallo, Mitglied der Covid-Taskforce. Man müsse das sehr ernst nehmen.

Alain Di Gallo, Kinderpsychiater und Mitglied der Covid-Taskforce des Bundes. © Foto: Keystone Alain Di Gallo, Kinderpsychiater und Mitglied der Covid-Taskforce des Bundes.

Herr Di Gallo, Sie sind Kinderpsychiater und Klinikdirektor der Universitären Kliniken Basel. Können Sie sagen, wie häufig Long Covid bei Kindern auftritt?

Diese Frage lässt sich aufgrund der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht abschliessend beurteilen – ebenso wenig wie die Frage, welche langfristigen gesundheitlichen Folgen Infektionen mit dem Coronavirus für Kinder haben. Klar ist, dass auch Kinder und Jugendliche von Long Covid betroffen sind. Beschrieben werden körperliche und psychische Probleme, etwa Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen, Erschöpfung, Schlafstörungen, Ängstlichkeit, Depressionen, Atemnot sowie Kopf- und Bauchschmerzen. Das Problem ist: Es sind sehr unspezifische Symptome.

Zu unspezifisch, um sie auf die Infektion mit Covid zurückzuführen?

Das ist durchaus eine Herausforderung. Es ist nicht ganz klar, ob bei einigen dieser Symptome nicht auch andere Faktoren eine Rolle spielen – wie etwa vorbestehende gesundheitliche Probleme oder andere mit der Pandemie zusammenhängende Belastungen.

«Es ist manchmal kaum möglich, und aus meiner Sicht auch nicht hilfreich, körperliche und psychische Ursachen zu trennen oder gar gegeneinander auszuspielen.»

Wie nehmen Sie die momentane Situation der Kinder als Psychiater wahr?

Seit Corona suchen deutlich mehr Kinder und Jugendliche unsere Hilfe. Sie leiden in ihrer Entwicklung und ihrem Lebensalltag am meisten unter den Folgen der Pandemie. Sie müssen sich vorstellen: Für Kinder sind eineinhalb Jahre relativ gesehen eine viel längere Zeit. Sie sind in einer sensibleren Entwicklungsphase als Erwachsene. Viele junge Menschen haben Angst vor Einsamkeit und davor, Freundschaften zu verlieren. Sie reagieren schneller auf Verunsicherungen in ihrem Umfeld. Anhaltende psychische und körperliche Symptome können also auch Ausdruck all dieser Einflüsse sein. Es ist manchmal kaum möglich, und aus meiner Sicht auch nicht hilfreich, körperliche und psychische Ursachen zu trennen oder gar gegeneinander auszuspielen.

Wie kann man den Kindern helfen?

Wir müssen Kindern in erster Linie einen möglichst normalen Alltag ermöglichen. Wir müssen sie aber auch vor einer Ansteckung schützen, weil wir die langfristigen Folgen noch kaum kennen. Wenn Kinder psychisch leiden, erfordert das immer auch den Einbezug ihres Umfeldes in die Behandlung. Und diese sollte, wenn immer möglich, im vertrauten Milieu stattfinden. Nur ganz selten, wenn die Symptome sehr ausgeprägt sind und das Betreuungsnetz der Kinder überlastet ist, kann ein anderes Umfeld notwendig werden. Zum Beispiel ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr Von Tages-Anzeiger

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon