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Nach dem Suizid von Jeffrey Epstein rückt seine Gehilfin in den Fokus – doch niemand weiss, wo sie ist

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 13.08.2019 Meret Baumann, Washington

Schwere Fehler im New Yorker Gefängnis ermöglichten dem US-Investor und Sexualstraftäter den Suizid. Die Ermittlungen sollen dennoch fortgesetzt werden, wobei Epsteins ehemaliger Partnerin, die mutmasslich für ihn auch Mädchen rekrutiert hat, eine zentrale Rolle zukommt.

Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell 2005 an einem Benefizkonzert in New York. (Bild: Joe Schildhorn / Patrick McMullan / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung AG Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell 2005 an einem Benefizkonzert in New York. (Bild: Joe Schildhorn / Patrick McMullan / Getty

Was geschah in den Stunden, bevor Jeffrey Epstein sich in seiner Zelle das Leben genommen hat? Auf dieser Frage liegt derzeit der Fokus der Untersuchungen der Bundespolizei FBI sowie der internen Kontrollbehörde des Justizministeriums, das für das Bundesgefängnis im Süden Manhattans verantwortlich ist, in dem der millionenschwere Unternehmer wegen Sexualdelikten inhaftiert war.

Laut der «New York Times» ist es Epstein gelungen, sich mit einem Leintuch zu erhängen – obwohl er nur gut zwei Wochen zuvor nach einem mutmasslichen Suizidversuch bewusstlos aufgefunden wurde und einer der prominentesten Häftlinge des Landes war. Justizminister William Barr sprach am Montag von ernsthaften Verfehlungen im Metropolitan Correctional Center (MCC). Den Ursachen gehe man nun auf den Grund und die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen, erklärte er.

Klar ist inzwischen, dass die Auflagen im MCC nicht eingehalten wurden. Epstein war nach seinem gescheiterten Versuch einige Tage in einer Abteilung für Suizidgefährdete mit permanenter Überwachung und täglichen Sitzungen mit Psychologen. Nach einer Woche wurde er jedoch auf eigenen Antrag und nach einer Begutachtung wieder verlegt. Er kam in einen speziell überwachten Trakt des Gefängnisses – auch aufgrund der Gefahr gewaltsamer Übergriffe durch andere Insassen, die wegen seines Reichtums und der Art seiner Delikte drohten.

Personalmangel im Gefängnis

Nach den Vorschriften hätte Epsteins Zelle alle dreissig Minuten kontrolliert werden müssen, und er hätte einen Zellengenossen haben müssen. Sein Mitgefangener wurde jedoch am Freitag verlegt und der Platz nicht unmittelbar wieder besetzt. Die halbstündlichen Kontrollen blieben zudem in den Stunden vor dem Auffinden von Epsteins Leiche am frühen Samstagmorgen aus, wie Gefängnismitarbeiter gegenüber Medien erklärten. Warum der Millionär vor seinem Tod über Stunden allein war, wird nun untersucht. Von den beiden in diesem Zeitfenster für die Überwachung des Trakts zuständigen Personen war eine als Ersatz eingesprungen und ohne die übliche Ausbildung, die andere arbeitete bereits mehrere Tage in Sonderschicht. Eine Tatsache ist, dass amerikanische Bundesgefängnisse unter akutem Personalmangel leiden und deshalb regelmässig sogar Lehrer oder Pflegepersonal als Aufseher einsetzen. Ein von Präsident Donald Trump kurz nach Amtsantritt verfügter vorübergehender Einstellungsstopp für Bundespersonal habe das Problem noch verschärft, beklagen Gewerkschaftsvertreter.

Die Umstände von Epsteins Tod nähren Spekulationen, zumal der Finanzberater jahrzehntelang in der amerikanischen Elite verkehrte und auf seiner Privatinsel in der Karibik, in der Villa in Palm Beach oder in seinem Stadthaus an der Upper East Side in Manhattan oft prominente Gäste empfing. Diesen komme gelegen, dass Epstein allfällige Geheimnisse nun mit ins Grab nehme, heisst es nicht nur in den für Verschwörungstheorien empfänglichen Kreisen. Der Justizausschuss des Repräsentantenhauses fordert deshalb nun Antworten auf rund zwei Dutzend Fragen, die am Montag an den Direktor der für die Bundesgefängnisse zuständigen Behörde geschickt wurden.

Allerdings soll den Vorwürfen, Epstein habe nicht nur über Jahre minderjährige Mädchen sexuell missbraucht, sondern auch Zuhälterei und einen Sexhandel-Ring betrieben, weiter nachgegangen werden. Wie zum Beweis wurde am Montag Epsteins Anwesen auf seiner Privatinsel durchsucht. Barr versicherte, allfällige Komplizen Epsteins hätten keine Ruhe. Die Opfer verdienten Gerechtigkeit. Auch der zuständige New Yorker Staatsanwalt erklärte, das Verfahren laufe weiter. Er wies darauf hin, dass die Klage auch den Tatbestand der Verschwörung umfasse – was bedeutet, dass es Mittäter gegeben haben muss.

In den Fokus des Interesses rückt deshalb vor allem Ghislaine Maxwell. Die in Paris geborene und in Oxford ausgebildete Tochter des britischen Medienunternehmers Robert Maxwell liess sich nach dem Tod des Vaters Anfang der neunziger Jahre in New York nieder. Bald lernte sie Epstein kennen, der aus einfachen Verhältnissen stammend bereits zu Reichtum gekommen war, während sie aufgrund ihrer Herkunft über beste Kontakte verfügte. Sie soll es auch gewesen sein, die Epstein prominenten Freunden vorstellte, unter ihnen der ehemalige Präsident Bill Clinton oder der britische Prinz Andrew. Die Liebesbeziehung der beiden soll nur ein paar Jahre gedauert haben, Maxwell blieb aber Epsteins Partnerin, Haus-Managerin und beste Freundin, wie er selbst in einem Interview sagte.

Täglich drei Mädchen

Laut Aussagen von Opfern war sie aber noch mehr: Sie soll den Sexhandel organisiert sowie Mädchen rekrutiert und instruiert haben. So zumindest lauten die Vorwürfe in einer von Virginia Giuffre gegen Maxwell angestrengten Verleumdungsklage, die 2017 in einen gerichtlichen Vergleich mündete. Giuffre war als 16-Jährige im Wellnessbereich von Donald Trumps Hotelkomplex Mar-a-Lago in Palm Beach tätig, als sie auf Maxwell traf. Die Britin heuerte sie als Masseurin für Epstein an, doch bald war klar, dass das Mädchen als eine Art Sexsklavin engagiert wurde. Das ganze Leben im Anwesen in Palm Beach, in New York, auf der Privatinsel und sogar im «Lolita Express» genannten Privatjet habe sich um Sex gedreht, sagte Giuffre aus. Dabei seien bei den Orgien teilweise auch Politiker, Wirtschaftsführer und Wissenschafter anwesend gewesen, die sie ebenfalls befriedigen musste. Zudem sollte sie weitere Mädchen für Maxwell und Epstein anwerben.

Diese Aussagen sind Teil der rund 2000 Seiten Gerichtsakten, deren Entsiegelung erst am Freitag von einem Berufungsgericht angeordnet wurde. Maxwell bestritt stets alle Vorwürfe und bezeichnete Giuffre als Lügnerin. Sie erklärte, zwar regelmässig Masseurinnen für Epstein engagiert zu haben, aber auf professioneller Ebene. Die Kontakte seien nicht sexueller Natur gewesen. Mehrere Zeugenaussagen, unter anderem von Hausangestellten, bestätigen aber Giuffres Darstellung. Ein ebenfalls als Masseurin angestelltes Opfer sagte aus, Epstein habe drei Orgasmen täglich gebraucht und Maxwells Aufgabe sei gewesen, dafür Mädchen aufzutreiben.

Wo ist Epsteins Vertraute?

Wo Maxwell sich heute aufhält, ist unklar. Sie verkaufte 2016 ihr Haus in New York und könnte in London sein, allerdings soll sie laut der «Washington Post» derzeit keinen festen Wohnsitz haben. Sie war nach dem ersten Strafverfahren gegen Epstein, das vor gut zehn Jahren aufgrund einer aussergerichtlichen Einigung mit einer milden Gefängnisstrafe endete, nur noch selten an dessen Seite gesehen worden. Eine Rückkehr in die USA ist angesichts der neuen Ermittlungen unwahrscheinlich.

Während sehr ungewiss ist, ob es zu einer weiteren strafrechtlichen Verurteilung Epsteins kommt, besteht für die Opfer immerhin die Möglichkeit, auf zivilrechtlichem Weg eine Entschädigung aus seinem Nachlass zu fordern. Eine Anwältin mehrerer Opfer kündigte ein solches Vorgehen bereits an. Die Grösse von Epsteins Vermögen ist unklar, aber neben den Häusern in Manhattan, Palm Beach und in der Karibik zählen auch Immobilien in New Mexico und in Paris dazu. Juristen beurteilen die Aussichten auf Erfolg allerdings zurückhaltend. Sie hängen massgeblich mit dem Ergebnis der weiteren Ermittlungen zusammen. Ein Problem ist, dass die mit den Behörden in Florida ausgehandelte aussergerichtliche Einigung von 2007 eine Klausel enthält, wonach bundesrechtliche Strafverfahren auch gegen allfällige Mittäter ausgeschlossen sind. Diese angesichts der Schwere der Delikte höchst fragwürdige Bestimmung werden die Anwälte der Opfer nun zu Fall zu bringen versuchen.

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