Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Der Abgesang auf das Erdöl ist verfrüht

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 16.09.2020 Gerald Hosp

«Big Oil» ganz klein: Einst galten die grossen Erdölkonzerne als allmächtige Geldmaschinen. Diese Zeiten sind vorbei. Exxon Mobil, einst das Sinnbild der Branche, wurde symbolträchtig aus einem Börsenindex ausgemustert. Warum das Erdölzeitalter dennoch nur schleichend vorbeigeht.

Trotz der Untergangsstimmung wird es die Erdölkonzerne noch eine ganze Weil brauchen. Im Bild eine Tankstelle in Queretaro, Mexiko. Carlos Jasso / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Trotz der Untergangsstimmung wird es die Erdölkonzerne noch eine ganze Weil brauchen. Im Bild eine Tankstelle in Queretaro, Mexiko. Carlos Jasso / Reuters

Erdöl bedeutet Geld, Macht und Politik. Zumindest bedeutete es dies für lange Zeit. Vor vier Jahren schien es daher nur logisch, dass der auf Deals versessene amerikanische Präsident Donald Trump einen Erdölmann zum Aussenminister der Vereinigten Staaten machte. Es war zudem nicht irgendwer, sondern Rex Tillerson, der damalige Chef von Exxon Mobil. Allein sein Name stand für texanische Unerschrockenheit.

Und Exxon Mobil ist nicht irgendein Unternehmen. Noch vor rund sieben Jahren war es der Konzern mit der höchsten Marktkapitalisierung weltweit. Einst wurde das Unternehmen als Standard Oil Company of New Jersey aus der Erdölkrake Standard Oil herausgebrochen; Letztere war zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts zerschlagen worden. John D. Rockefeller, der sich später einen Namen als Philanthrop machte, hatte in den USA ein Erdölmonopol aufgebaut, das damals argwöhnischer als heute Microsoft, Google oder Facebook beäugt wurde.

Ausmusterung von Exxon Mobil

So deutlich wie bei Rex Tillerson war die Verschmelzung zwischen «Big Oil» und der Regierungsführung selten sichtbar. Man befand sich auf dem Zenit. Ein Jahr später entliess Trump den Texaner. An der Börse setzten die Aktienkurse von Exxon Mobil seit dem Zerfall des Erdölpreises im Jahr 2014 zu einem Tauchgang an. Vor kurzem folgte ein symbolischer Donnerschlag: Exxon Mobil flog aus dem amerikanischen Börsenindex Dow Jones Industrial Average – nach 92 Jahren. Stattdessen kam das Digitalunternehmen Salesforce in den Leitindex. New Economy statt Old Economy, gemäss dem etwas einfachen Sinnspruch, wonach Daten das neue Öl sind.

Umweltorganisationen feierten den Rauswurf als Abgesang auf das Erdölzeitalter. Öl bedeute auf einmal nicht mehr Geld, sondern Wertzerfall und Vergangenheit. Doch das Ende der Erdölbranche oder der fossilen Brennstoffe wurde bereits zigmal ausgerufen. Das britische Magazin «Economist», das nicht als wirtschaftsfeindlich verrufen ist, tut dies seit gefühlt drei Jahrzehnten alle fünf Jahre.

Manche mögen sich damit trösten, dass der Rauswurf von Exxon Mobil aus dem Dow Jones auf die etwas eigenartigen Regeln des Indexes zurückzuführen ist; der Index galt noch nie als guter Gradmesser der amerikanischen Wirtschaft. Andere verweisen darauf, dass die einstige Geldmaschine Exxon Mobil, die sich auf ihre Effizienz und Ingenieurskunst stets etwas einbildete, in den vergangenen Jahren gehörig ins Stottern gekommen ist.

So kauften die Texaner Erdgasfelder in den USA, als deren Preise im Nachhinein betrachtet auf dem Höhepunkt lagen. Zudem kam das Unternehmen zur Schieferöl-Party zu spät. Exxon Mobil musste gar Schulden aufnehmen, um die üppige Dividende bezahlen zu können. Zudem verbleibt im Dow-Jones-Index mit Chevron noch ein Erdölkonzern, der ebenso auf Standard Oil zurückzuführen ist.

Kritik aus dem Establishment

Die Ausmusterung von Exxon Mobil aus dem Index reiht sich aber in eine Serie symbolischer Akte und tatsächlicher Verwerfungen, die mehr als eine Modeerscheinung sind. Erdöl war früher eine der wichtigsten Grundlagen für die wirtschaftliche Entwicklung; heute ist Erdöl zu einem schmutzigen Wort geworden. Es verwundert deswegen nicht, dass sich der norwegische staatliche Energiekonzern Statoil in Equinor umbenannte.

«Big Oil» ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Der britische Konzern BP möchte seinen prestigeträchtigen Hauptsitz im Londoner Geschäfts- und Regierungsviertel St. James’s verkaufen, und der Konkurrent Royal Dutch Shell kürzte vor kurzem die Dividende – erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg. Gegenüber den Aktien von Windenergie- und Solarunternehmen hatten die Wertpapiere der Produzenten fossiler Brennstoffe im vergangenen Jahr das Nachsehen.

Bereits vor fünf Jahren kamen Warnungen vor dem Platzen einer «Kohlenstoff-Blase» aus einer unerwarteten Ecke. Mark Carney, der damalige Gouverneur der britischen Notenbank, beschwor in der Londoner City vor Vertretern der Versicherungsbranche, dass Investitionen in Erdöl-, Erdgas- oder Kohlekonzerne wegen der Klimapolitik stark an Wert einbüssen würden. Dadurch könne die Finanzstabilität gefährdet werden, sagte Carney. Auch wenn die Idee nicht überzeugt, aktivistische Investoren und Umweltorganisationen erhielten dadurch Unterstützung direkt aus dem Establishment.

Die Idee sogenannter Stranded Assets gewann an Bedeutung. Das sind Vermögenswerte, deren Ertragskraft plötzlich rapide sinkt – im schlimmsten Fall bis zur Wertlosigkeit. Grosskonzerne wie Exxon Mobil, Chevron, BP, Shell oder Total kommen unter Druck durch einen seit längerem schwachen Erdölpreis, die Klimapolitik, aktivistische Investoren und nachhaltig orientierte Finanzinstitute. Einen Vorgeschmack haben die Konzerne und Märkte bereits erhalten: Wegen des Zerfalls des Erdölpreises durch die Corona-Krise nahmen einige Unternehmen milliardenschwere Abschreibungen vor und revidierten die Prognose für den längerfristigen Preis nach unten.

Ein Gedankenexperiment wird Wirklichkeit

Das Leiden der Erdölkonzerne hat lange vor der Corona-Krise begonnen. Covid-19 verstärkte den Trend bis zur Schmerzgrenze: Für kurze Zeit war der Preis für das amerikanische Erdöl WTI gar negativ. Es war, als ob ein Gedankenexperiment des Chefökonomen von BP, Spencer Dale, wahr geworden wäre. Dale schrieb vor fünf Jahren, man solle sich einmal vorstellen, dass über Nacht ein massentaugliches Elektrofahrzeug erfunden worden sei und dieses Modell die bisherige Fahrzeugflotte ersetze. Die Folge ist klar: Die Nachfrage nach Erdöl erodiert, und der Ölpreis bricht ein. Das Coronavirus hat daraus ein reales Experiment gemacht. Die Frage ist jedoch, wie stark die strukturellen Veränderungen sind.

Beim Gedankenexperiment ist die Lage eindeutig, die Nachfrage ist grösstenteils permanent verschwunden. Wie schnell jedoch das neue Coronavirus und, bedeutender, die Klimadiskussion den Durst nach Benzin, Diesel oder Kerosin löschen werden, ist weniger eindeutig. Bereits hat sich aber für die Branche die zentrale Frage gewandelt: Statt zu fragen, wann das Erdöl ausgehen wird, steht nun der Zeitpunkt im Mittelpunkt, bis wann Öl noch genutzt wird.

Erdöl hat die Geschichte verändert. Während Kohle der Stoff der Industrialisierung war, beschleunigten und beflügelten Öl und der Verbrennungsmotor den Menschen. In Plastik, Düngern und gar Aspirin sind petrochemische Produkte enthalten. Vor rund hundert Jahren lösten Autos zunächst ein hartnäckiges Umweltproblem in den grossen Städten: Pferdemist.

Erdöl brachte jedoch andere, grössere Umweltschäden, Kriege und wirtschaftliche Schocks mit sich. Seitdem Winston Churchill im Vorfeld des Ersten Weltkriegs als britischer Marineminister die Kriegsschiffe von der heimischen Kohle auf persisches Erdöl als Treibstoff umstellte, sind Öl und seine Versorgungswege zu einem geopolitischen Faktor geworden.

Bohrtürme verdrängen um 1933 in Venice California die Strandhäuser. General Photographic Agency / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Bohrtürme verdrängen um 1933 in Venice California die Strandhäuser. General Photographic Agency / Getty

Das Dilemma der Energiebranche

Die Vorstellung der Allmacht von «Big Oil» stammt aus der Zeit der «sieben Schwestern»: Bis in die 1970er Jahre beherrschten Exxon, Shell, British Petroleum (BP), Mobil, Chevron, Gulf Oil und Texaco den globalen Erdölmarkt. Diese Zeiten sind längst vorbei. Erstens deshalb, weil die einstigen Giganten heute Zwerge sind im Vergleich mit den Staatsunternehmen in Saudiarabien, Venezuela, Russland, Kuwait oder Iran, sowohl bei den Ölreserven als auch der Förderung. Der wertvollste Erdölkonzern der Welt ist das saudische Staatsunternehmen Saudi Aramco.

Zweitens verlieren die westlichen Erdölunternehmen ihre Relevanz für Investoren. Dies nicht so sehr, weil keine fossilen Brennstoffe mehr konsumiert werden, sondern weil die Branche aufgrund der Umweltprobleme und der verhaltenen Reaktion der Unternehmen für viele Investoren unattraktiv geworden ist. Im Jahr 2008 betrug der Anteil der Erdöl- und Erdgasfirmen am amerikanischen Börsenindex S&P 500 noch 16%, jetzt sind es weniger als 3%. Dies hängt auch mit dem enormen Wertzuwachs der Technologiefirmen zusammen. Das grosse Problem dahinter ist, dass für «Big Oil» die Kapitalkosten steigen. Dadurch werden Investitionen teurer.

Das Dilemma, dem die Energiebranche und die gesamte Gesellschaft gegenüberstehen, besteht darin, dass trotz aller Rhetorik die Nachfrage nach Öl, Gas und Kohle immer noch gross ist. Erdöl war laut Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) im Jahr 2018 weiterhin die grösste Primärenergiequelle.

Wissensgesellschaft und Digitalisierung bedeuten in hohem Masse eine Elektrifizierung unseres Lebens, dadurch steigt der Energiebedarf. Prognosen für den Energieverbrauch im Jahr 2040 oder später verweisen darauf, dass die Nachfrage nach Erdöl und Erdgas beträchtlich bleiben könnte. Die IEA geht davon aus, dass die fossilen Brennstoffe noch rund 60% (derzeit 81%) zum globalen Energiemix beitragen könnten, selbst wenn die Pariser Klimaziele erreicht werden. Im jüngsten «Energy Outlook» von BP geht das Unternehmen hingegen davon aus, dass die Nachfrage nach Öl ihren Höhepunkt 2030 (Status-quo-Szenario) haben wird oder gar schon hatte. Im extremsten Szenario geht die Erdölnachfrage bis 2050 um rund 80% zurück.

Solche Langzeitprognosen sind freilich mit grosser Unsicherheit befrachtet. Erdöl dürfte vor allem für längere Zeit noch Flugzeuge, Schiffe und Lastwagen antreiben sowie zur Plastikerzeugung verwendet werden. Der britische Energieökonom Dieter Helm sieht aber auch hier den technischen Fortschritt am Werken: Der Verkehr werde elektrifiziert, und der Petrochemie werde durch neue Materialien wie Graphen das Leben schwergemacht. Sein Fazit: Für Erdöl wird es eng.

Die meisten Energiekonzerne setzen deshalb derzeit vermehrt auf Erdgas. Weil bei dessen Verbrennung weniger CO2 als bei der Nutzung von Kohle entsteht, gilt Erdgas als der fossile Energieträger, der für die Produktion von Strom zumindest als Primärenergie für den Übergang eine grosse Rolle spielen wird. Aber auch Erdgas steht in der Kritik der Befürworter einer umfassenden Energiewende.

Drei Forderungen an die Energiepolitik

Vor allem die europäischen Erdölunternehmen reagieren damit, dass sie sich in der einen oder anderen Weise dazu verpflichten, bis 2050 netto keine CO2-Emissionen mehr zu verursachen. Sie investieren in Windparks, Solarstrom, Batterien, Ladestationen für Elektroautos oder Versorgungsunternehmen. Was aber dem Wunsch mancher Investoren entspricht und für die einzelnen Unternehmen durchaus sinnvoll sein kann, stellt die Energiesysteme vor ein Problem.

Energiepolitik muss die Forderungen nach Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit unter einen Hut bringen. Die Kosten für erneuerbare Energien wie Solar- und Windstrom sind in der vergangenen Zeit stark gefallen, so dass Subventionen zurückgefahren werden könnten. Mitunter sind die erneuerbaren Energien bereits in einer engen Betrachtung wettbewerbsfähig gegenüber konventionellen Energiegütern. Das grosse Problem ist aber, dass die Sonne nicht immer dann scheint oder der Wind gerade dann weht, wenn dies nötig wäre. Vielmehr kommt es zu grossen Schwankungen je nach Wetter und Tageszeit. Das stellt das Stromsystem und die Versorgungssicherheit vor Herausforderungen und macht eine Energiewende wie in Deutschland teuer.

Grosstechnische Lösungen zur Speicherung von überschüssigem Strom aus erneuerbaren Energien fehlen noch. Deshalb braucht es Energieformen, die die Grundlast gewährleisten. Dies könnte die Atomkraft sein, was in vielen westlichen Ländern derzeit aber auf wenig Gegenliebe stösst. Oder es wird – wie jetzt in grossem Masse – auf fossile Brennstoffe wie Erdgas oder Kohle zurückgegriffen.

Doch für die Erreichung eines Netto-null-Ziels beim CO2-Ausstoss der einzelnen Energieunternehmen und der Gesellschaft sind zusätzlich «Negativemissions-Technologien» erforderlich. Diese entziehen der Atmosphäre möglichst dauerhaft CO2. Sollten Technologien zum Einfangen und Speichern («carbon capture and storage», CCS) von Kohlendioxid grossindustriell zum Zug kommen, wäre dies ein Schub für das traditionelle Geschäftsmodell der Erdöl- und Erdgaskonzerne. CCS ist auch wichtig für industrielle Prozesse, bei denen sich die Produktion von CO2 nicht vermeiden lässt, etwa in der Petrochemie.

Das Malaise der Petro-Staaten

Die Diskrepanz zwischen dem gegenwärtigen Energiemix und den Absichtserklärungen der Energieunternehmen führt mittelfristig zu Problemen: Geringere Investitionen der westlichen Konzerne in die Erdölförderung, wie derzeit zu beobachten, führt zu Preisschwankungen und tendenziell zu einer grösseren Abhängigkeit von staatlichen Energiekonzernen und Petro-Staaten. Das Versprechen, eine Abkehr von Erdöl und Erdgas bringe ein Ende geopolitischer Krisen, ist im Übergang der Energietransformation eine Fiktion.

Wenn man den Blick zudem von den westlichen Unternehmen auf die Petro-Staaten richtet, erkennt man die grössten Probleme: Für Saudiarabien, Russland oder Venezuela besteht nicht mehr die Gewissheit, dass in Zukunft der Ölpreis steigen wird. Lange Zeit mussten sich Ölscheichs bloss überlegen, ob sie den Rohstoff im Boden lassen oder ob sie lieber das Geld auf dem Konto haben wollten. Je erfolgreicher nun aber die Energiewende voranschreitet, desto mehr Öl werden die Produzenten fördern, um die Einnahmen stabil zu halten – was wiederum zu niedrigeren Preisen führt. Gleichzeitig werden die Interventionen und die Aushebelungen des Marktes zunehmen, um die Preise oder die eigene Marktposition zu stützen.

Das Gebot der Stunde für die Förderländer wäre, die Abhängigkeit vom Öl zu vermindern und die eigene Volkswirtschaft breiter aufzustellen – am besten mit Ölgeld. Genau dies unternahm Saudiarabien, als Riad mit dem Börsengang des Staatskonzerns Saudi Aramco einen Teil seiner Ölreserven jetzt schon versilberte, um Wirtschaftsvisionen zu finanzieren. Auch dies ist ein Zeichen des Endes des Erdölzeitalters.

Der Wechsel vom Pferd auf Pferdestärken brachte eine neue Welt mit sich. Die Verwerfungen, die die «grüne» Energiewende mit sich bringt, dürften grösser sein, weil zwar das Ziel klar sein mag, die Mittel aber nicht. Die Politik versucht zu zwängen und zu drängen, ohne tatsächlich die Kostenwahrheit zwischen den Energieformen zu berücksichtigen. Dennoch zieht das Erdölzeitalter nur schleichend ab. Bereits der Energie-Vordenker Vaclav Smil stellte einen Widerspruch in der Energiedebatte fest: Während gegenüber der Kraft technischer Innovationen ein chronischer Konservativismus bzw. ein Mangel an Vorstellungskraft vorherrsche, seien die Erwartungen an neue Energiequellen wiederholt übertrieben.

Sie können dem Wirtschaftsredaktor Gerald Hosp auf Twitter folgen.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Neue Zürcher Zeitung

Neue Zürcher Zeitung
Neue Zürcher Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon