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Reise nach Tschernobyl: Urlaub im Sperrgebiet

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung vor 6 Tagen John Riceburg

Prypiat © picture alliance / Roman Pilipey Prypiat

Es ist kurz vor acht und wir sitzen in einem Bus vor dem Kiewer Hauptbahnhof. Wir wenden die Blicke vom Smartphone ab und dem kleinen gelben Geigerzähler zu: 0,13 Mikrosievert pro Stunde haben wir hier – ein Wert wie in Berlin. Das wird sich bald ändern, denn wir fahren nach Tschernobyl.

Tourismus in Tschernobyl boomt

Am 26. April vor 32 Jahren explodierte der Reaktor nahe der Stadt Prypjat. In den folgenden Tagen und Wochen darauf wurden rund 116.000 Menschen aus dem Gebiet evakuiert. In den Folgejahren stieg diese Zahl auf etwa 350.000 Menschen an. Die Sperrzone erstreckt sich heute 30 Kilometer um den Ort der Katastrophe. Der Tourismus boomt. Dieses Jahr hoffen die zahlreichen Anbieter, über 100.000 Menschen hierher zu bringen.

„Wenn ihr seht, dass Zombies durch den Wald rennen, dann halten wir den Bus an und ihr könnt Fotos machen.“ Natalja, unsere 26-jährige Reiseleiterin, will uns mit ihren Späßen die Angst nehmen. Fünfmal die Woche fährt sie von Kiew aus in die Zone.

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Erste Etappe: 30 Kilometer vom Reaktor in Tschernobyl entfernt

Am Checkpoint, 30 Kilometer vom Reaktor entfernt, doch ein Anflug von Angst: Mein Ellbogen juckt. Der Fuß meiner Partnerin schmerzt. Sind das schon Auswirkungen der radioaktiven Strahlung? Der Wert auf dem Zähler hat sich noch nicht verändert. Gespenstisch wirkt das alles noch nicht. Natalja erklärt, dass viele der russischen Besucher sich nicht an die strengen Besucherregeln halten, die für uns und eigentlich auch für alle Besucher gelten. Mit einem kleinen Kind wird gepicknickt. Ein Mann diskutiert mit den Soldaten, weil er eine Angel mitnehmen will.

Erster Halt in der Zone ist an einer Hütte neben einem Waldweg. Im zerfallenden Haus liegen Prawda-Ausgaben aus dem Jahr 1981, mit denen einst der Ofen angezündet wurde. Besucher vor uns haben den herumliegenden Müll liebevoll zu Instagram-tauglichen Stillleben arrangiert: Eine alte Plastikpuppe liegt am Fensterbrett neben einem Schulheft mit Englisch-Vokabeln. Erst als wir weiter durch den Wald laufen, wird deutlich, dass der kleine Fußweg früher eine zweispurige asphaltierte Straße war.

Das Dorf Salissja, durch das die Straße führt, hatte einst 3000 Einwohner. Hier messen wir nur 0,17 Mikrosievert, noch weit unter der Grenze von 0,3, die als unbedenklich gilt – aber an einem speziellen „Hotspot“ neben dem Weg, den uns Natalja zeigt, piepsen die Geräte mit einem Mikrosievert oder mehr.

Unsere Schuhe müssen wir abtreten, bevor wir wieder in den Bus steigen – überall können Partikel lauern – und weiter in die Stadt Tschernobyl fahren, die dem 17 Kilometer entfernten Kraftwerk seinen Namen gab. Rund 3500 Menschen arbeiten jeden Tag in der Zone, und sie leben auch hier. Nur fünf Straßen von Tschernobyl werden noch instand gehalten. Einmal in der Woche kommt die Post, und in einem kleinen Supermarkt kaufen die Soldaten ein, die AK-47 lässig über die Schulter gehängt.

Die Stadt ist voller Denkmäler: Für die Feuerwehrmänner, die als erste bei der Explosion waren und ausnahmslos ums Leben kamen; Für die 162 Siedlungen, die aufgegeben wurden; ein Engel aus Brennstäben gemahnt an das Unglück. Nach Schätzungen der WHO ist es den 600.000 bis 800.000 sowjetischen „Liquidatoren“ zu verdanken, dass zumindest einzelne Gegenden in der Zone normale Strahlenwerte haben. In der Stadt verbringen wir die Nacht in einem Container-Hotel.

Zweite Etappe: Zehn Kilometer vom Reaktor in Tschernobyl entfernt

Am folgenden Tag müssen wir zehn Kilometer vom Reaktor durch einen zweiten Checkpoint – die Sperrzone innerhalb der Sperrzone. Nach einem Halt bei einer aberwitzig großen sowjetischen Radaranlage kommen wir zum eigentlichen Ziel unserer Reise: Prypjat. Die Stadt wurde 1970 gegründet, mit ihren 50000 Einwohnern war sie ein Vorzeigeprojekt der UdSSR.

Hier gab es Kinos, Sportzentren und schicke Supermärkte – und überall Bäume, als hätte jemand Plattenbauten mitten im Wald gepflanzt. Seit fünf Jahren dürfen Touristen die Gebäude nicht mehr betreten, ein Teil der Schule ist eingestürzt. Aber wer kann schon widerstehen? Auf einem Gebäude steht der Spruch in Riesenlettern: „Lass das Atom einen Arbeiter sein, und keinen Soldaten.“

Im alten Vergnügungspark rostet das berühmte gelbe Riesenrad vor sich hin. Eine Geisterstadt ist das allerdings nicht – hinter uns wartet schon die nächste Gruppe Touristen, die ebenfalls Einsamkeit suchen. Ein besseres Gefühl davon bekommen wir, als wir eine große Zuschauertribüne besteigen. Vor uns ein Wald, so hoch und dicht, dass man die Stadt nicht mehr erkennen kann. Erst allmählich wird uns klar, dass das vor 32 Jahren ein Sportplatz war. Jetzt können wir uns zurücklehnen und sehen, wie sich die Natur den Ort zurückerobert.

Der gigantische Sarkophag in Tschernobyl

Am Schluss unserer Reise stehen wir vor dem gigantischen silbernen Sarkophag, der den Reaktor umschließt. Rund zwei Milliarden Euro hat das riesige Gebäude gekostet, hundert Jahre soll es bestehen und unter anderem die Strahlungsauswirkungen eingrenzen. Pro Jahr kostet der Betrieb der Anlage rund acht Millionen Euro. Arbeiter fahren ein und aus, als wäre das eine herkömmliche Industrieanlage. Direkt am Reaktor kann man Welse in einem Kühlteich füttern. Wie bestellt posiert ein magerer Fuchs vor unseren Kameras, der auch ein bisschen Brot bekommt.

Fuchs vor Sarkophag in Tschernobyl © BLZ/John Riceburg Fuchs vor Sarkophag in Tschernobyl

In der Reisegruppe entspinnt sich eine Diskussion über den Trip in diese seltsame und unwirtliche Gegend. Es könnte eine Bildungsreise für Kernkraftgegner sein – doch die ukrainische Öffentlichkeit ist betont zuversichtlich. Nuklearreaktoren bilden weiterhin eine wichtige Energiequelle für das Land. Warum? „Es ist billig und wir können uns nichts anderes leisten“, sagt Natalja. War es denn preiswert, ein Gebiet so groß wie Luxemburg aufzugeben? Im benachbarten Weißrussland ist die Verwüstung heute noch größer – 1,3 Millionen Menschen leben in Gebieten, die vom Fallout betroffen sind.

Strahlungs-Test: War es eine gefährliche Reise nach Tschernobyl?

War die Reise gefährlich? Die Geigerzähler zeigen an, dass wir in zwei Tagen zehn Mikrosievert abbekamen – etwa genauso viel wie beim dreistündigen Flug nach Kiew. Zwischen den Städten Tschernobyl und Fukushima herrscht übrigens jetzt ein reger Austausch, und nicht nur in Bezug auf die Aufräumarbeiten nach den ähnlich gearteten Reaktor-Katastrophen.

Bald soll es auch in Japan Strahlungstourismus geben.

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