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«Hätten wir den Marsch verhindert, hätte es Strassenschlachten gegeben»

Der Bund-Logo Der Bund 22.08.2019 Simon Preisig

Zum zweiten Mal sorgen Fans aus Osteuropa für Gewalt. Linke werfen der Polizei vor, die Lage falsch eingeschätzt zu haben. Sicherheitsdirektor Reto Nause verteidigt den Einsatz.

Bei der Drogenanlaufstelle vor der Lorrainebrücke kam es beim Fanmarsch zu heftigen Auseinandersetzungen. © Screenshot: Leserreporter 20 Minuten Bei der Drogenanlaufstelle vor der Lorrainebrücke kam es beim Fanmarsch zu heftigen Auseinandersetzungen.

Es war eine äusserst heikle Situation am Fanmarsch der Belgrader Fans vom Mittwochabend: Als die Anhänger an der Drogenanlaufstelle auf der Berner Schützenmatte vorbeiziehen, kommt es zu einem Angriff auf Klienten der Anlaufstelle. Mehr als 20 zum Teil mit Eisenstangen bewaffnete Fans stürmen los; es besteht die Gefahr, dass Menschen schwer verletzt oder gar getötet werden. Dieser Augenblick ist auf verschiedenen Videos dokumentiert, der «Bund» konnte zudem auch mit einem Augenzeugen sprechen.

Video: Leserreporter/«20 Minuten»

Vor Ort sind nur einzelne Polizisten, die vor Ankunft des Fan-Trosses den Verkehr regelten. Einer der Beamten sieht keine andere Möglichkeit, als mit Warnschüssen die Situation zu entschärfen – eine Massnahme, die bei Demonstrationen oder Fanmärschen eigentlich nie nötig wird. Später kommt es zu weiteren Schlägereien. Auf der Lorrainebrücke wird mindestens eine Person derart schwer verletzt, dass die Ambulanz gerufen werden muss.

Kritik am Polizeieinsatz

Hat die Polizei das Gewaltpotenzial der osteuropäischen Fans unterschätzt? Die Anhänger von Roter Stern Belgrad gelten nicht als Unschuldslämmer. Im Gegenteil: Sie sind für ihre nationalistische, teilweise gar rechtsradikale Gesinnung bekannt. Und sie lassen sich äusserst leicht provozieren: Eine Regenbogenfahne bei einer Gartenbeiz im Lorrainequartier, Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung, genügt, um verschiedene Fans dazu zu bringen, Bierdosen und andere Gegenstände in Richtung der Beiz zu werfen.

Linke Politikerinnen kritisieren die Polizei am Tag nach dem Einsatz: «Die Bilder sind erschreckend. Die Ordnungskräfte haben die Situation offenbar falsch eingeschätzt», sagt Stadträtin Leena Schmitter von den Grünen. Auch der «Bund»-Augenzeuge übt Kritik. Es seien nur einzelne Beamte vor Ort gewesen, da könne man doch nicht von «begleitet» sprechen, wie es die Polizei auf dem Kurznachrichtendienst Twitter geschrieben hatte. Zurückhaltender äussert sich Edith Siegenthaler, Co-Präsidentin der Stadtberner SP. Sie legt der Polizei nahe, den Einsatz gut auszuwerten, gesteht der Polizei aber auch zu, dass sich die Lage unübersichtlich präsentiert hatte.

Nause: Schwieriger Einsatz

Der städtische Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) verteidigt den Polizeieinsatz. «Wir hatten eine sehr schwierige Situation», sagt er. Dies, weil die Gästefans individuell angereist seien. Zudem wusste man laut Nause nicht, wie viele Belgrader Fans überhaupt eintreffen würden, da diese zum Teil auch ohne Tickets kamen.

«Der Perimeter, den wir überwachen mussten, war riesig», sagt Nause. Von der ganzen Innenstadt bis zum Wankdorfstadion hätte jederzeit überall etwas passieren können.

Der Vorfall bei der Drogenanlaufstelle sei ein plötzlicher Gewaltausbruch gewesen, sagt Nause. Aber offenbar seien die Belgrader Fans auch provoziert worden. Und die Polizei habe schnell reagiert. Als die Attacken bei der Anlaufstelle begannen, seien die Einsatzkräfte innert weniger als einer Minute vor Ort gewesen. «Man kann nicht von einer völligen Eskalation sprechen.» Als die Belgrader Fans später versuchten, den Sektor C im Stadion zu stürmen, habe die Polizei dies verhindern können.

Marschieren Rechtsextreme?

Schmitter von den Grünen sieht die Problematik grundsätzlicher; sie erinnert an andere Probleme mit Anhängern osteuropäischer Clubs: Die Fans des kroatischen Fussballclubs Dinamo Zagreb belästigten vor knapp einem Jahr Schwimmerinnen beim Altenbergsteg. Zudem skandierten sie auf ihrem ebenfalls nicht bewilligten Fanmarsch rechtsextreme Parolen und zeigten entsprechende Symbole. «Es darf doch grundsätzlich nicht möglich sein, dass in Bern rechtsextreme und homophobe Meinungen öffentlich zelebriert werden», sagt Schmitter. Sie verlangt von der «Staatsgewalt», dass diese die Bevölkerung vor solchen Übergriffen schützt.

Nause widerspricht. Den Fanmarsch, der nicht bewilligt war, zu stoppen, sei auch keine Option gewesen. «Dann hätte es Strassenschlachten gegeben», sagt Nause. Die Stimmung sei bereits auf dem Waisenhausplatz und auf dem Bärenplatz angespannt gewesen. Dort versammelten sich die Fans und tranken Alkohol, um sich auf das Spiel einzustimmen. Zu homophoben und rechtsextremen Symbolen während des Belgrader oder des Zagreber Umzuges möchte sich Nause nicht äussern. «Mir sind keine solche Fahnen oder Aussagen bekannt», sagt er.

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