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Und dann explodieren die Gefühle

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger vor 3 Tagen Dominic Wuillemin

Die Young Boys triumphieren zum Auftakt der Champions League gegen den englischen Weltclub 2:1. Trainer David Wagner sagt: «Das war grosses Kino.»

Berner Party: Die Young Boys feiern den sensationellen Sieg gegen Manchester United. © Foto: Raphael Moser (Tamedia AG) Berner Party: Die Young Boys feiern den sensationellen Sieg gegen Manchester United.

Es sind Bilder aus einer verkehrten Welt. Aber sie sind echt. Das grosse Manchester United übt sich in Bern im Zeitspiel. Der spanische Nationalgoalie David de Gea lässt immer wieder Sekunden verstreichen, die englischen Nationalspieler Luke Shaw und Harry Maguire tun es ebenfalls. Die Red Devils, die seit der 35. Minute und einer Roten Karte gegen Aaron Wan-Bissaka in Unterzahl agieren, bekunden null Interesse, ihre 1:0-Führung auszubauen. Sie stehen hinten rein. Auf der Insel gibt es für dieses Verhalten einen treffenden Begriff: Small-Team-Mentality.

Und Cristiano Ronaldo, dem die frühe Führung gelang, jubelt längst nicht mehr, sondern motzt und verwirft die Hände. Vor 31’120 Zuschauern ist im ausverkauften Wankdorf eine Stunde absolviert, und die Young Boys haben ihren Gegner, wo sie ihn haben wollen.

Nur ein Tor fehlt. Obwohl sich die Anzahl Abschlüsse längst im zweistelligen Bereich bewegt. Aber dieses Tor, es fällt bald: Die 66. Minute ist angebrochen, als Meschack Elia auf der Seite Platz vorfindet, seine Hereingabe kann Nicolas Ngamaleu gerade noch so ins Tor lenken. 1:1, es ist ein zwar etwas glücklicher, aber völlig verdienter Ausgleich. Bern erlebt eine erste unkontrollierte Gefühlsexplosion.

Und YB stürmt weiter. Gleich nach dem Anspiel der Gäste bietet sich Ngamaleu schon wieder eine Gelegenheit, er setzt den Schlenzer zu hoch an. Allmählich stellt sich die Frage, die noch vor Spielbeginn völlig unverschämt gewesen wäre: Müssten die Berner bei einem Unentschieden enttäuscht sein?

Ronaldos effiziente Markenpflege

Es wäre ein Leichtes für YB gewesen, in Ehrfurcht zu erstarren. Die Champions League, dieser Premiumwettbewerb, dieser Weltclub als Gegner, mit Weltmeister Paul Pogba und Weltfussballer Ronaldo. 2018 verloren die Young Boys zum Auftakt der Königsklasse daheim gegen Manchester United 0:3.

Es ist der Kleinste bei YB, der als Erster ein Zeichen setzt. Elia, diese 173 Zentimeter pure Power, rempelt zu Beginn 85-Millionen-Transfer Jadon Sancho zur Seite, stürmt aufs Tor der Gäste los und verzieht. Der Lärmpegel im Wankdorf schlägt ein erstes Mal aus.

YB-Trainer Wagner hatte von seiner Mannschaft Respekt, aber auch Lust und Gier gefordert. Seine Spieler setzen die Vorgabe um. Elia wird lanciert, er lässt Lindelöf aussteigen, seine Hereingabe findet keinen Abnehmer.

Es ist die 12. Minute und der Zeitpunkt, zu dem die Young Boys realisieren müssen, in welchem Wettbewerb sie antreten. Die Engländer nutzen das Aufrücken des Heimteams zum sofortigen Gegenzug. Bruno Fernandes schnibbelt den Ball mit dem Aussenrist an, in der Mitte verliert YB-Verteidiger Ulisses Garcia ausgerechnet jenen Spieler aus den Augen, den er auf keinen Fall vergessen darf. 1:0 durch Ronaldo, mit dem ersten Schuss aufs Tor – es ist höchst effiziente Markenpflege. In seinem zweiten Spiel seit seiner Rückkehr zur United hat der 36-jährige Portugiese schon zum dritten Mal getroffen.

YB benötigt einen Moment, sich vom Rückschlag zu erholen, wie auch das Publikum. Es sind Minuten des Leerlaufs und der Stille im Wankdorf. Dann beginnt der lange Berner Weg zurück.

Wagners mutige Wechsel

Das Torschussverhältnis steht schon zur Pause bei 9:2 für YB, ein Wert, den die Young Boys in der Schlussphase verdoppelt haben. Es gibt nach dem Ausgleich nur eine Richtung: nach vorn. Wagner wechselt mutig. Er bringt Rieder für Martins und vor allem Sulejmani für Hefti, Fassnacht gibt nun den Aussenverteidiger. Ngamaleu bietet sich eine Chance, er verzieht. Und so wird ein scheinbar undenkbares Szenario immer realistischer. Dass sich YB über einen Punktgewinn gegen Manchester United ärgern müsste.

Aber dieses Szenario trifft nicht ein. Der Abend hält noch einen Höhepunkt bereit. Und was für einen! Es läuft schon die 5. Minute der Nachspielzeit und damit die allerletzte des Spiels, als Jesse Lingard einen Rückpass zu de Gea spielen will. Jordan Siebatcheu fängt den Ball ab und bugsiert ihn gerade noch so am aus dem Tor eilenden Spanier vorbei. 2:1, im Wankdorf gibt es kein Halten mehr. Goalie David von Ballmoos, ja das ganze Team samt Auswechselspieler und Betreuer stürmt zu Siebatcheu, Wagner jubelt rennend und mit zur Seite gestreckten Armen. Als wäre er immer noch ein blutjunger Stürmer.

Es ist der perfekte Start für die Young Boys in die Champions League. Der Sieg bringt ihnen drei Punkte und knapp drei Millionen Euro ein. Und er sorgt für Emotionen, die ein klein wenig an den 28. April 2018 erinnerten, als YB gegen Luzern erstmals nach 32 Jahren den Meistertitel gewann. Wagner sagt: «Ich freue mich für alle, die heute da waren. Das war grosses Kino.»

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