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Halbfinale Kroatien-England: Eine Hymne auf Luka Modrić

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 12.07.2018 Oliver Fritsch

Kann was: Kroatiens Luka Modrić. © Mladen Antonov Kann was: Kroatiens Luka Modrić.

Die Kroaten ziehen erstmals in ein WM-Finale ein. Weil sie nicht kleinzukriegen sind und wegen Luka Modrić natürlich, der vor Klugheit leuchtete.

Dieser Bericht beginnt wie jeder vernünftige über die kroatische Fußballmannschaft mit einer Hymne auf den bemerkenswerten Spielmacher Luka Modrić. Auch in diesem Halbfinale ließ er die Beobachter darüber staunen, was ein Mensch alles mit einem Ball und seinen Füßen anstellen kann. Gegen seine sind die der Ballerinas aus dem Moskauer Bolschoi-Theater Hufe.

Eine rasche Drehung nach rechts, eine schnelle Drehung nach links, ein Hüpfer, ein Zucken, mal eben beschleunigt, dann wieder verzögert, immer beäugt, aber nie beeinträchtigt von seinen englischen Gegnern. Modrić ist der prägende Spieler Kroatiens, vielleicht sogar der gesamten WM. Wie in den Spielen zuvor leuchtete er vor Klugheit. Gäbe es einen Band Asterix bei den Kroaten oder Asterix auf dem Balkan, hieße er Luka Spielvić.

Die Kroaten zogen durch einen dramatischen 2:1-Sieg nach Verlängerung erstmals in ein WM-Finale ein. Weil sie wieder mal nicht kleinzukriegen waren und wegen Luka Modrić natürlich. Auch, weil die Engländer beim Turnier in Russland nicht ganz so überragend Fußball spielten, wie die Schlagzeilen und die Euphorie der Fans es vermuten ließen.

An den großen Szenen war Modrić nicht beteiligt, aber ohne Modrić hätte es für Kroatien keine großen Szenen gegeben. Er zog den Ball an sich, er führte ihn durch kleinste Gassen nach vorne, er schlug seine klassischen Pässe mit dem Außenrist. Manchmal baute er Schnörkel in sein Spiel ein, etwa einen kleinen Übersteiger, aber er tat alles immer zu einem Zweck: seine Mitspieler in eine bessere Lage zu bringen. 

Auf dem Platz völlig allürenfrei

Mit seinen erst vorgetäuschten, dann angedeuteten, irgendwann vollzogenen Dribblings und Pässen beschäftigte Modrić mehrere Gegenspieler, Dele Alli lockte er immer wieder weit weg von seiner Position. Ohne dass der zehn Jahre jüngere Star von Tottenham Modrić bei dessen Schaffen auch nur irgendwie hätte ernsthaft stören können. Die Konzentration, die Modrić den Engländern raubte, fehlte ihnen an anderer Stelle.

Aber der bald 33-Jährige lief auch viel, wie stets, und grätschte, wie so oft. Kroatiens Kapitän ist auf dem Platz völlig allürenfrei. Er kann viel mehr als seine Mitspieler, aber das, was sie am besten können, mit großem Willen Fußball spielen, das kann er auch. 0:1 lagen die Kroaten schnell hinten, sie kamen schwer ins Spiel, wohl auch, weil sie zuvor zwei Mal Verlängerung und Elfmeterschießen durchstehen mussten. Sie spielten unpräzise und foulten oft ihre meist schnelleren Gegenspieler.

Es war aber schon in der ersten Halbzeit zu sehen, dass sich Kroatien würde steigern können, während England eher am Limit spielte. In der zweiten kam es wie erwartet. Die Kroaten griffen mit mehr Personal an als zuvor. Fortan wurden die Engländer, die eine ärmliche zweite Halbzeit hinlegten, nur noch durch Ecken gefährlich. Der Ausgleich fiel und die Kroaten spürten, wahrscheinlich rochen sie sogar die Schwäche ihres Gegners.

Jetzt war ić-Time. Mehrfach lag das kroatische Siegtor in der Luft, England verlor die Fassung, hatte Glück bei einem Pfostenschuss. In der Verlängerung war es wo weit. Mario Mandzukić hatte die ersten 60 Minuten ausgepowert gewirkt, als wäre das kräftezehrende Viertelfinalduell gegen Russland erst eine Stunde her. Doch dann war der ehemalige Wolfsburger und Münchner da. Abstauber vor dem Block der Kroaten, die natürlich tobten.

Dann wurde verteidigt. Der Abwehrchef Domagoj Vida ließ sich durch die Pfiffe der Russen, die sich über ihn ärgerten, weil er den Sieg gegen Russland der Ukraine widmete, nicht beirren. Kämpfen können sie. Ohnehin treten sie, wie soll man sagen, nicht ganz so brav auf, wie es die serviettenhaft weiß-rot-karierten Trikots ihrer Fans anmuten lassen. 

Faire Verlierer

Denn man muss auch festhalten: So verdient der Ausgleich war, er hätte nicht zählen dürfen. Es war gefährliches Spiel, das Bein des Schützen Ivan Perisić in unmittelbarer Nähe des Kopfs des Verteidigers Kyle Walker zu hoch. Doch der türkische Schiedsrichter Cüneyt Çakır pfiff nicht, die deutschen Videoassistenten Bastian Dankert und Felix Zwayer reagierten nicht.

Die Engländer erwiesen sich wie gewohnt als faire Verlierer und beklagten sich nicht. Durch den engagierten Auftritt ihrer jungen Mannschaft gewannen sie bei diesem Turnier viele Sympathien. Erstmals bei einer WM kamen sie weiter als Deutschland. Doch ob die Zukunftsaussichten wirklich so gut sind wie die Tatsache, dass sie die Runde der letzten vier erreichten, manche glauben lässt? England hatte leichte Gegner, besiegte Schweden, Panama und Tunesien in der Nachspielzeit und vor allem sein Trauma im Elfmeterschießen. Doch Tore schossen die Three Lions hauptsächlich durch Ecken, Freistöße und Elfmeter.

Gegen Kroatien wurde zum wiederholten Mal sichtbar, dass sie viele schnelle Spieler haben, die in gewisser Hinsicht geschickt mit dem Ball umgehen. Doch fehlt den meisten Übersicht und Strategie. Wenn Raheem Sterling, Ashley Young oder Delle Ali schießen sollten, spielten sie ab, und umgekehrt. Letztlich konnten sie den günstigen Spielverlauf (erster Schuss gleich ins Tor) genauso wenig nutzen wie die Schwäche der Kroaten in der ersten Halbzeit.

Die Engländer brauchen mehr Intelligenz im Mittelfeld, mal einen, der auf den Ball tritt und dann was anderes macht, als alle denken. Will England Weltmeister werden, braucht es mehr Modrić. 

Solch ein kleines Land

Eine Bereicherung für das Turnier waren am Ende aber auch die englischen Fans. Die meisten erschienen erst zum Halbfinale, wohl kurzfristig, doch mit ihrer Sangeslust machten sie gute Stimmung, zur Erleichterung aller. Journalisten und Fans waren nach dem ersten Halbfinale am Vortag regelrecht geschockt gewesen, wie unterkühlt die Partie zwischen Frankreich und Belgien auf den Rängen registriert wurde. Kroatien und England zeigten: Die WM ist doch noch nicht zu Ende.

Für die Kroaten geht es sogar noch weiter. Sie waren 1998, nach einem Sieg gegen das Deutschland Berti Vogts', schon mal im Halbfinale. Dass ein Neuling ein WM-Endspiel erreicht, kommt nicht häufig vor. 2010 gelang es zuletzt und überfälligerweise Spanien, davor 1998 Frankreich und 1974 Holland. Ungewöhnlich ist auch, dass ein solch kleines Land es schafft. Nur gut vier Millionen Einwohner zählt es, allerdings können die Kroaten traditionell einiges mit dem Ball, sei es im Basket-, Hand-, Wasserball oder im Tennis. Wäre Jugoslawien in den Neunzigern nicht zerbrochen, wäre schon ein großer Titel drin gewesen.

Gewönne Kroatien gegen Frankreich, wäre es auch die erste Weltmeisterschaft für Osteuropa. Die Tschechoslowaken und die Ungarn kamen schon mal ins Finale. Doch sie verloren, und das ist auch schon mehr als ein halbes Jahrhundert her. Die Franzosen sind am Sonntag in Moskau der Favorit, aber diese in mancherlei Hinsicht beachtliche WM könnte dank dem besten Mittelfeldspieler der Welt und dem Kampfesmut seiner Gefolgschaft mit einer historischen Überraschung enden.

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