Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Stars aktuell

Sex, Lügen, Gier

SZ.de-Logo SZ.de vor 6 Tagen Von Jürgen Schmieder, Norristown/Los Angeles
Der Versuch eines Lächelns: Bill Cosby vergangene Woche beim Prozess in Norristown, Pennsylvania. © Matt Slocum/AP Der Versuch eines Lächelns: Bill Cosby vergangene Woche beim Prozess in Norristown, Pennsylvania.

Im Missbrauchsprozess gegen US-Schauspieler Bill Cosby gibt es neben den Zeuginnen zwei neue Hauptakteure: die Anwälte auf beiden Seiten, denen jedes Mittel recht ist.

Diesen Montag muss Bill Cosby wieder vor dem Gericht in Norristown erscheinen, und wer die Verhandlung in der vergangenen Woche beobachtet hat, dürfte bemerkt haben: Es geht gar nicht mal so sehr darum, ob der Schauspieler im Januar 2004 die damalige Uni-Mitarbeiterin Andrea Constand betäubt und danach sexuell missbraucht hat. Cosby und Constand sind derzeit noch nicht einmal die Hauptakteure in diesem Schauspiel, das vor allem für die amerikanische Öffentlichkeit aufgeführt wird. Die Hauptdarsteller bei diesem Prozess, das sind Gloria Allred und Tom Mesereau.

Allred, 76, ist die Anwältin von etwa der Hälfte der 60 Frauen, die Cosby sexuelle Nötigung vorwerfen. Sie weiß sich geschickt zu inszenieren als Verteidigerin der Geschändeten; nach jedem Prozesstag bekommen die Beobachter von ihr ein knackiges Zitat geschenkt. Als die Vorwürfe gegen Cosby vor ein paar Jahren heftiger wurden, forderte sie ihn auf, einen Entschädigungsfonds in Höhe von 100 Millionen Dollar einzurichten. Schon damals war klar, worum es bei dieser Verhandlung auch geht: um sehr viel Geld. Eine Verurteilung hätte sicher gravierende Auswirkungen auf die etwa ein Dutzend Zivilprozesse, die gegen Cosby angestrengt werden.

Dieser Prozess ist der einzige, bei dem Cosby strafrechtlich belangt werden kann, bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Es gibt aber eben noch all die anderen Frauen, von denen nun jedoch nur fünf aussagen dürfen. Die Lehrerin Heidi Thomas etwa sagte im Zeugenstand zu Cosby: "Sehen Sie mir in die Augen! Erinnern Sie sich an mich? Sie erinnern sich, nicht wahr?" Die einstige Schauspielerin Chelan Lasha sagte: "Ich konnte mich nicht bewegen. Er hat meine Brüste berührt und sich an mir gerieben."

Das einstige Supermodel Janice Dickinson etwa (vertreten von Allreds Tochter Lisa Bloom) beschrieb im Zeugenstand, wie sie 1982 von Cosby betäubt und vergewaltigt worden sei: "Ich habe nicht eingewilligt. Da war 'America's Dad' auf mir, ein verheirateter Mann und Vater von fünf Kindern." Im Kreuzverhör musste sie allerdings gestehen, in ihrer Autobiografie über die Begegnung mit Cosby gelogen zu haben - darin endet der Abend nicht mit Drogen und unfreiwilligem Sex, sondern mit einem zurückgewiesenen und enttäuschten Cosby: "Das ist nicht die Wahrheit, was da steht, ich wollte damals einen Scheck für meine Kinder."

Beim Prozess geht es weniger um die Wahrheit, sondern darum, eine Schlacht zu gewinnen

Solche Widersprüche könnten noch zum Problem werden für die Staatsanwaltschaft, die ja glaubwürdig belegen möchte, dass Cosby bei seinen Übergriffen jahrzehntelang die gleiche Taktik angewendet hat. Das liegt zum einen daran, dass sich die Kronzeugin Andrea Constand bei einem Zivilprozess vor zwölf Jahren außergerichtlich mit Cosby geeinigt und dafür 3,38 Millionen Dollar bekommen hat. Und dass Gloria Allred früher bereits den Fonds in Höhe von 100 Millionen Dollar für die anderen Frauen gefordert hat. Allreds Gegenspieler Tom Mesereau hat schon einige prominente Klienten in spektakulären Fällen vertreten, etwa Mike Tyson oder Michael Jackson. Während des Kreuzverhörs versuchte Cosbys Verteidiger die Zeuginnen als rachsüchtig und geldgierig darzustellen - zunächst erfolglos, weil die Frauen gut vorbereitet sind auf die Angriffe Mesereaus.

Es könnte aber doch etwas hängen bleiben bei den Geschworenen, wenn er etwa die Zivilklage von Constand einen "Prozess für Geld" nennt oder durch den Gerichtssaal stapft und ruft: "Sie werden sich fragen, was die von Mister Cosby wollen? Die Antwort ist: Geld, Geld und noch mal Geld." Kein Wunder, dass die Zeuginnen fast schon verzweifelt versichern, sie hätten finanziell gar nichts davon, nun gegen Cosby auszusagen.

Es geht also nicht um die Wahrheit bei diesem Prozess. Es geht für beide Seiten darum, die Geschworenen und die Öffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen. Wer den ersten Prozess vor zehn Monaten für eine schmutzige Schlammschlacht gehalten hat, der dürfte bemerkt haben, dass dies nun eine Straßenprügelei ohne Regeln ist - und sie könnte noch Wochen andauern. Am Ende gibt es dann statt eines Siegers womöglich nur ganz viele Verletzte.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von SZ.de

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon