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Die Feministin, die selbst den Frauen zu weit ging

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger vor 4 Tagen Michèle Binswanger
Die Feministin, die selbst den Frauen zu weit ging © Bereitgestellt von Tagesanzeiger Die Feministin, die selbst den Frauen zu weit ging

Die vergessene Frauenrechtlerin Helene Stöcker eckte mit ihrem Engagement an. Ihre Ideen waren revolutionär.

Im wallenden Gewand, die Arme selbstbewusst verschränkt, zierte gestern die deutsche Feministin Helene Stöcker die Google-Startseite. Der Suchdienst ehrte damit die vor 148 Jahren geborene und heute vergessene Feministin. Anfang des letzten Jahrhunderts war sie berühmt.

Und berüchtigt. Wenn sie in den Salons von Bankiers und Grossindustriellen Vorträge hielt, galt sie als eine «feinere Art von Sensation», das notierte sie mit leichtem Spott in ihrem Tagebuch. Und das war die 1869 in Wuppertal geborene Aktivistin tatsächlich. Einerseits passten ihre aufklärerischen Ideen perfekt in die Aufbruchsstimmung vor dem Ersten Weltkrieg. Und gleichzeitig waren sie so radikal, dass sie mancher zeitgenössischer Feministin zu weit gingen.

Die erste promovierte Frau der Uni Bern

1892 kam Stöcker nach Berlin und studierte Philosophie, Literaturgeschichte und Nationalökonomie. Damals waren Frauen an deutschen Universitäten nur ausnahmsweise geduldet und konnten keinen Abschluss machen. Deshalb promovierte Stöcker 1901 schliesslich an der Universität Bern – als erste Frau.

Zurück in Berlin, gründete sie 1905 den «Deutschen Bund für Mutterschutz» mit dem primären Ziel, die Stellung der Frau als Mutter zu stärken. Und um ihren Ideen mehr Schlagkraft zu verleihen, gab sie die Zeitschrift «Die neue Generation» heraus.

Stöcker verspottete  ihre Gegnerinnen als «abgehärmte Kreaturen», die nichts von Erotik verstünden.

Ihre Ideen waren tatsächlich revolutionär. Sie half «gefallenen Mädchen», betrieb Sexualaufklärung, engagierte sich für die Straffreiheit von Homosexualität, die Gleichberechtigung unehelicher Kinder, das Recht auf Abtreibung und die gleichberechtigte Sexualität für Mann und Frau, samt der Forderung, dass sexuelle Beziehungen auch ausserhalb der Partnerschaft möglich sein sollten. Denn die Sexualität gehöre zu den «höchsten Beglückungen der Menschheit», und Entsagung könne keine Lösung sein.

Das war für manche zeitgenössische Frauenrechtlerin zu viel. Wegen ihrer progressiven Ideen zur Sexualität weigerte sich der Bund deutscher Frauenvereine, Stöcker zu unterstützen. Die Abneigung war gegenseitig: Stöcker verspottete ihre Gegnerinnen als «abgehärmte Kreaturen», die nichts von Erotik verstünden.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stürzte Stöcker zunächst in eine Krise. Aber bald fand sie im Pazifismus ein neues Betätigungsfeld. Sie schrieb in ihrer eigenen und zahlreichen anderen Zeitschriften gegen den Krieg an. Während der Jahre der Weimarer Republik engagierte sie sich weiter in der pazifistischen Bewegung und für das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der Frauen. Doch das gesellschaftliche Klima verschlechterte sich auch für sie stetig.

Bei der Machtergreifung der Nazis 1933 floh sie zunächst in die Schweiz, dann über Schweden und Japan in die USA, wo sie 1944 völlig verarmt an Krebs starb. Die Genugtuung, dass ihre Ideen sich dereinst so schlagend durchsetzen würden, blieb ihr verwehrt.

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