Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Entertainment

So schön waren die Neunzigerjahre

WELT-Logo WELT 22.05.2020 Elmar Krekeler
Überall, in jedem Schlafzimmer der Stadt, brennt es. Elena Richardson (Reese Witherspoon) steht vor ihrem brennendem Haus und lässt die vergangenen Wochen Revue passieren, um herauszufinden, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Quelle: Amazon Prime © Amazon Prime Überall, in jedem Schlafzimmer der Stadt, brennt es. Elena Richardson (Reese Witherspoon) steht vor ihrem brennendem Haus und lässt die vergangenen Wochen Revue passieren, um herauszufinden, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Quelle: Amazon Prime

Früher, man kommt ja als Endfünfziger in das Alter, in dem man das glaubt, früher war ja alles besser. Da hörte man mittels eines Walkmans Annie Lennox, die half gegen beinahe alles.

Im Auto lag zwischen den Vordersitzen ein Telefonmonstrum, mit dem man jemanden erschlagen konnte. Und die schlimmste Verfehlung des damaligen amerikanischen Präsidenten nimmt sich angesichts des gegenwärtigen Wahnsinns im Weißen Haus lächerlich aus.

Ist natürlich Quatsch wie alle präsenile Nostalgie. Zurückzukehren in die späten Neunziger ist, als würde man einer Lunte rückwärts folgen. Vom ständig aufflackernden Flächenbrand, in dem wir heute zu sitzen glauben, zum Streichholz, mit dem alles begann.

Helikopter-Urmutter: Reese Witherspoon © Bereitgestellt von WELT Helikopter-Urmutter: Reese Witherspoon

Kann man jetzt. Acht Stunden lang. Die brennende Villa der Richardsons im feinen Vorort Shaker Heights, um die sich im Amazon-Achtteiler „Little Fires Everywhere“ alles dreht, ist die Neunziger-Metapher. schlechthin

Duell des Jahres: Reese Witherspoon hat ihr Leben penibel durchorganisiert. Kerry Washington bringt alles durcheinander © Bereitgestellt von WELT Duell des Jahres: Reese Witherspoon hat ihr Leben penibel durchorganisiert. Kerry Washington bringt alles durcheinander

Es bleibt nicht die einzige Metapher. Manchmal ist in der Dramatisierung von Celestes Ngs Weltbestseller alles derart beziehungsreich, dass man sich um die Funktionsweise seiner Verdauungsorgane Sorgen macht.

Nimmt man gern in Kauf. Was nur zum Teil am feinen Mütterduell liegt, das sich Reese Witherspoon mit Kerry Washington liefert. Neurotische Hausherrin die eine, schwarze Foto-Künstlerin die andere. Zwischen ihnen britzelt es dauernd.

Die Kinder drehen frei

Elena Richardson, vierfache Helikopter-Mutter avant la lettre, durchorganisiert bis zum ehelichen Orgasmus (zwei Mal wöchentlich, mittwochs und samstags), nimmt Mia Warren, das quasi-obdachlose alleinerziehende Nomadenwesen, in einer Anwandlung sozialem Gewissens auf. Als Mieterin erst, dann als Haushälterin.

Die Kinder freunden sich an, drehen allmählich frei. Die Frauen belauern sich, entlarven sich. Die bürgerliche Fassade bröckelt – wie es sich in Serien über bröckelnde bürgerliche Fassaden gehört.

Celeste Ng, die aus Shaker Heights stammt, hat (wie die wunderbare Krimiautorin Attica Locke) am Drehbuch mitgeschrieben, hat mitproduziert. Was in diesem gesellschaftlichen Hochleistungsschnellkochtopf aus ihrem Bestseller wurde, was Liz Tigelaar verfilmt hat, entfernt sich trotzdem in vielem vom Ursprungsplot, verschärft ihn, treibt ihn auf die Spitze.

Das geht schon damit los, dass Mia und ihre Tochter Pearl in der Serie schwarz sind. Was für beinahe alle Ebenen der Erzählung zum entscheidenden Sprengstoff wird. Lässt keine Ausflüchte mehr zu. Macht alles noch zwangsläufiger.

Das Duell der Mütter, Vorsicht: Metapher, ist ja nicht das eine Feuer, mit dem alles zu brennen beginnt. Es waren viele Feuer. Man bekommt sie alle vorgeführt. Alltagsrassismus, Feminismus, Mutterschaft, Pubertät, Sexualität, Kunst, Literatur, diverse andere dunkle Geheimnisse.

Früher, das war wirklich gut, glaubte man als Bürgerlicher, Liberaler noch, daran glaubt letztlich Elena Richardson nicht, früher glaubte man noch, dass man all die schönen Feuer schon löschen können würde. Mit Ordnung. Mit Ruhe. Indem man drüber redete.

Ein Wahnsinn. Aber schön. Wie diese Serie.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von WELT

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon