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Apple kapert alle Displays? Nicht bei Mercedes! - Neues Apple Carplay ab 2023

auto motor und sport-Logo auto motor und sport vor 5 Tagen Luca Leicht, Thomas Harloff

Bisher gab es zwischen Auto- und Tech-Konzernen eine rote Linie, die nicht überschritten wurde: das Display des Cockpits. Diese Grenze will Apple jetzt einreißen und hat sich dafür gleich 14 Autohersteller ins Boot geholt, die mitmachen wollen. Mercedes wird auch als Partner genannt – Konzernchef Ola Källenius sieht aber noch Klärungsbedarf.

© Apple

Es hat keine vier Minuten gedauert und die ganze Auto-Infotainment-Welt stand Kopf. Als Apple am Montag (6.6.2022) bei der hauseigenen Entwicklerkonferenz WWDC22 Emily Clark Schubert anmoderiert, dürfte den meisten Experten klar gewesen sein, was kommt: News zum Thema Apple Carplay. Denn Clark Schubert ist seit zehn Jahren Teil des "Car Experience Teams" bei Apple und damit Teil einer der größten und weithin unbeachteten Erfolge von Apple in den letzten Jahren: Apple Carplay. Während weder die Smartphones noch die Computer mit dem Apfel-Logo je eine marktdominierende Stellung einnehmen können werden, tut Apples Smartphone-Integration im Auto dies bereits.

Laut Clark Schubert würden 79 Prozent der US-Neuwagenkäufer nur zugreifen, wenn das Fahrzeug auch Apple Carplay unterstützt. In 98 Prozent der Neuwagen wäre die Smartphone-Integration fürs iPhone sogar schon verfügbar.

Nicht mehr nur auf der Mittelkonsole

Neu – und vor allem brisant – ist diese Nachricht für die Branche nicht. Viel mehr die Neuerungen von Carplay, die Clark Schubert in ihrem Vortrag vorstellt und damit sicher geglaubte Grenzen zwischen Auto- und Smartphone-Hersteller dem Erdboden gleichmacht. Darin untermauert sie eindrucksvoll, dass sich Apple künftig nicht mehr nur mit den kleinen und großen Bildschirmen in der Mittelkonsole abgeben will. Man habe Größeres vor und will das In-Car-Entertainment neu erfinden, so Clark Schubert.

Während sie von den Vorzügen, der Flexibilität und den Individualisierungsmöglichkeiten der Neuauflage von Apple Carplay schwärmt, fliegen die ersten Cockpit-Screens ins Bild, die Apple sich überlegt hat. Denn der Tech-Riese will künftig nicht über das Design von Navi-, Podcast- und Streaming-Apps im Auto entscheiden, sondern das ganze Infotainment übernehmen – und damit auch alle Displays im Auto.

Viele Designs, Farben und Möglichkeiten

Insgesamt sind mehr als ein Dutzend Screens zu sehen, die unterschiedliche Farben, Hintergründe, Funktionen und Designs zeigen, zwischen denen sich der Autofahrer entscheiden können soll. Vom klassischen Rundinstrument über moderne minimalistische Darstellungen bis zu vollformatigen Navi-Anzeigen ist alles dabei. Die für die Markenidentität so entscheidenden Designs von den Autoherstellern sind damit vom Tisch und von der fluffig-bunten Apple-Welt überdeckt.


Video: Neu von Apple: Verbesserte Macbooks, neue App und Features | WWCD 2022 (glomex)

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Das Wichtigste aber: Alle Screens kommen inklusive der so wichtigen und fahrzeugspezifischen Informationen, die bislang dem Autohersteller vorbehalten waren. Etwa Geschwindigkeit, Drehzahl, Tankfüllstand, Kühlwassertemperatur, Laufleistung, Ganganzeige und allerlei Dinge. All das konnte fremde Software bislang nur darstellen, wenn sie an der OBD-2-Buchse lauschte und den CAN-BUS abhörte.

Hersteller öffnen ihre Systeme – auch Mercedes?

Wie Apple an die Daten kommen will, ist bisher nicht klar. Allerdings sind 14 große Hersteller mit im Boot. Darunter die amerikanischen Marken Ford und Lincoln, die Japaner von Honda und Nissan mit ihren Nobeltöchtern Acura und Infiniti sowie aus Europa Volvo samt Polestar, Jaguar und Land Rover sowie Renault. Laut Apple habe man sich auch mit drei deutschen Premium-Marken verpartnert: Audi, Porsche und Mercedes-Benz.

Gerade die letztgenannten Schwaben sehen aber noch Klärungsbedarf. "Wir werden sehen, was wir mit ihnen machen. Wir werden das diskutieren müssen", sagt Ola Källenius im Gespräch mit dem US-Magazin "The Verge". Dem Konzernchef geht es dabei nicht vorrangig, wie man vermuten könnte, um das Thema Datenhoheit, sondern um das Kundenerlebnis. "Wir sind sehr darauf bedacht, ein ganzheitliches Mercedes-Luxuserlebnis zu bieten." Das Ökosystem eines Plattform-Unternehmens, wie Apple Carplay eins ist, könne das nicht leisten. Källenius bezweifelt, dass ein solches System je alle Funktionen eines Fahrzeugs abdecken könnte: "Jeder Autohersteller hat schließlich seine eigene Schnittstelle für all diese verschiedenen Funktionen, bis hin zum Massagesitz oder was auch immer es sein mag." Der Mercedes-Boss betont aber auch die guten Beziehungen zu Apple und deutet an, dass die Stuttgarter ihre Beziehung zu den Kaliforniern ausbauen werden.

Apple will Komfortfunktionen steuern

Künftig auch im Instrumenten-Display eines Autos präsent zu sein bleibt aber nicht die einzige Neuerung bei Apple Carplay. Es sollen auch Widgets eingeführt werden, mit denen sich die unterschiedlich großen Display-Formate in den Fahrzeugen ideal mit den gewünschten Infotainment-Inhalten füllen lassen. Diese Screens reichen von den ganz großen und futuristischen, die von A-Säule zu A-Säule reichen, bis zu den großen und kleinen, teils zweigeteilten Displays wie dem Mercedes Hyperscreen oder den Display-Bedieneinheiten, wie sie etwa im Audi A8 zu finden sind.

Das ist besonders wichtig, denn Apple will es bei der reinen Anzeige von Fahrzeugfunktionen und -informationen nicht belassen. Stattdessen soll Apple Carplay – und damit auch das verbundene Smartphone – auch deren Steuerung übernehmen. Eines der Beispiele, das Clark Schubert anführt, ist etwa die Klimaanlage. Wer sich genauer mit der Idee befasst, merkt schnell, dass Apple mittelfristig alle Funktionen kapern wollen wird, die nicht sicherheitsrelevant sind und deshalb heute schon beispielsweise per Sprachsteuerung der Autohersteller kommandiert werden können. Das könnte etwa die von Källenius angeführten Massagesitze, aber auch die Ambientebeleuchtung oder die Lautstärke der Soundanlage betreffen.

Widgets sorgen für Anpassungsfähigkeit

Möglich machen soll die Individualisierung der Anzeigen die Einführung von weiteren sogenannten Widgets, wie sie iPhone-Nutzer auch schon von ihrem Smartphone kennen. Seit dem iOS 14-Update, dass im September 2020 vorgestellt wurde, können einzelne Apps Vorschau-Ansichten oder abgespeckte App-Inhalte auf dem Startbildschirm des Smartphones anzeigen, ohne dass die App dafür geöffnet werden muss. Eine Funktion, die Android-Smartphone-Nutzern übrigens schon deutlich länger zur Verfügung steht.

Schon in einem der letzten größeren Apple-Carplay-Updates, das 2019 zusammen mit dem Smartphone-Betriebssystem iOS13 ausgerollt wurde, zeichneten sich mit der Einführung der Dashbord-Ansicht erste Tendenzen zum Thema Widgets ab. Schon damals wurden bei Apple Carplay nicht mehr nur die App-Icons auf den Autobildschirmen angezeigt, sondern es konnten auch Navi-, Mediaplayer- und Kalender-Inhalte parallel dargestellt und teilweise direkt bedient werden.

Ende 2023 kommt das neue Apple Carplay

Neue Widgets, die Clark Schubert präsentierte, sind unter anderem Wetter-Ansichten, erweiterte Kalenderfunktionen, eine Smarthome-Steuerung oder etwa die Anzeige von mehreren Zeitzonen. Dabei sollen sich all diese Inhalte frei auf den Screens positionieren lassen.

Bis es so weit ist, dauere es aber wohl noch, bremst Emily Clark Schubert die Erwartungen. Zum Jahresende 2023 sollen erste Automodelle das neue Carplay unterstützen. Bis dahin müssen sich Autofahrer und Apple noch mit den gespiegelten iPhone-Inhalten auf der Head-Unit in der Mittelkonsole begnügen.

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