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„Duell zwischen Verstappen und Hamilton“ - Interview mit Helmut Marko

auto motor und sport-Logo auto motor und sport vor 4 Tagen Michael Schmidt
© Wilhelm

Wie steht es in der Auseinandersetzung mit Lewis Hamilton?

Marko: Er hat sich bei mir schriftlich entschuldigt, und damit ist es okay.

Wie ist das überhaupt entstanden?

Marko: Da wurde ein Zitat komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Der Original-Wortlaut auf eine Frage, warum wir Verstappen im WM-Duell im Vorteil sehen, lautete: Weil für Verstappen nur die Formel 1 und sonst nichts existiert, während andere Fahrer in ihrem Leben noch andere Interessen haben. Der Name Hamilton ist nie gefallen. Selbst RTL bekam einen Shitstorm dafür, dass sie angeblich Zitate mit rassistischem Hintergrund ausstrahlen. Bis sich das wieder beruhigt, hast du drei bis vier Stunden Scherereien.

Wo steht Red Bull vor dem Re-Start?

Marko: Wir wissen es nicht genau. In Barcelona war Mercedes eine Spur vorne. In Melbourne hätten wir ein Auto gebracht, das über dem Barcelona-Stand gewesen wäre. Dann hätten wir beim Rennen in Barcelona das erste große Upgrade gebracht, und jetzt kommen wir nach Spielberg mit dem zweiten großen Entwicklungsschritt. Alles basierend auf CFD, Simulation und Windkanal. Wenn es der Teufel will und sich da ein Fehler eingeschlichen hat, kommen wir erst am Freitag drauf. Aber diesen Unsicherheitsfaktor haben ja alle. Du gehst ja davon aus, dass die Zwischenstufen, die die Basis für das jetzige Upgrade sind, funktioniert hätten. Honda hat vom Motor her einen Fortschritt gemacht. Wir wissen aber nicht, um wie viel die anderen zulegen. Es ist kein Upgrade, sondern eine überarbeitete, deutlich stärkere Melbourne-Version.

Und Alpha Tauri?

Marko: Ich glaube, dass der Kampf im Mittelfeld unglaublich hart werden wird. An McLaren werden sie wahrscheinlich nicht herankommen. Die scheinen mir doch einen guten Schritt gemacht zu haben. Wenn Alpha Tauri Renault attackieren könnte, wäre ich froh. Auch Alpha Tauri bringt neue Teile. Die waren schon beim Filmtag in Imola am Auto.

Und die Mercedes-Kopie von Racing Point?

Marko: Das ist doch keine Kopie. Das ist das Original (lacht).

Wie wird diese Saison laufen?

Marko: Ich sehe ein Duell Hamilton gegen Verstappen. Das sollten die zwei WM-Protagonisten sein mit leichtem Vorteil für Hamilton. Die Spannung in dieser Saison liegt auch darin, dass wir nicht wissen, wie viele Rennen stattfinden. Es macht einen Unterschied, ob nur zehn oder 15 Rennen abgehalten werden. Wenn es nur zehn sind, musst du vom ersten Moment an attackieren. Aber dafür wiegt auch ein Ausfall wesentlich schwerer. Du wirst dich zwischen voller Attacke und nichts riskieren bewegen. Du musst wahnsinnig schnell reagieren, weil jetzt so viele Rennen in so kurzer Zeit stattfinden. Und dann lass mal ein paar Corona-Fälle kommen, und das Ganze steht wieder.

Das Ganze ist von vielen Unabwägbarkeiten begleitet und schwer planbar. Das verlangt einen noch höheren Grad an Flexibilität. Dann könnte entscheidend sein, wer mehr Druck hat. Wir, die Verstappen zum jüngsten Weltmeister aller Zeiten machen wollen. Oder Mercedes, die vor der großen Reform noch ihren siebten Titel einfahren wollen, weil danach die Teamkonstellation eine andere sein wird. Da liegt genug Spannungspotenzial drin. Für uns spricht, dass wir in den letzten Jahren erst immer in der Saisonmitte in Schwung gekommen sind. Dieses Jahr geht die Saison in der Saisonmitte los. Daraus leiten wir für uns einen kleinen psychologischen Vorteil ab.

Und Ferrari?

Marko: Wenn ich die Testergebnisse hernehme, waren sie weder vom Chassis noch vom Motor dabei. Deshalb deute ich Vettels Entscheidung auch so, dass er sich mit Ferrari auf nichts mehr eingelassen hat, weil er das Potenzial für einen WM-Titel nicht mehr sieht.

Kann man mit den ganzen Restriktionen überhaupt noch reagieren, wenn das Auto einen Fehler hat?

Marko: Schwer, bei der schnellen Abfolge von Rennen. So viele Ungewissheiten gab es noch nie. Vielleicht hat ja McLaren den goldenen Schuss gelandet und ist plötzlich näher dran. Das ist aber noch nicht alles. Da gibt es noch eine Aufgabe zu stemmen. Wegen des Budgetdeckels müssen wir strukturell ziemlich viel ändern. Mit weniger Leuten gleich effizient sein. Wenn wir jetzt hinten liegen sollten, müssen wir alles daransetzen, dass wir das Auto im Rahmen der neuen Regularien und noch in dieser Saison wieder hinkriegen. Wir haben ja nächstes Jahr de facto das gleiche Auto. Dann werden wir bis zum allerletzten Tag mit voller Pulle arbeiten müssen. Damit zerschlägst du dir aber ein sukzessives Vorbereiten auf das Budget Cap-Zeitalter. Da gibt es schon viele Möglichkeiten, etwas falsch zu machen und viele mögliche Szenarien, auf die du ganz kurzfristig richtig reagieren musst.

Sind Sie zufrieden mit den Budgetlimits?

Marko: Auf jeden Fall. Wir waren ja der entscheidende Faktor bei den Kostendeckel-Verhandlungen, weil wir letztendlich der Abrüstung zugestimmt haben. Wären wir mit Ferrari und Mercedes mitgegangen, wäre der ganze Plan aufgeweicht worden.

Ist Red Bull der große Gewinner? Sie könnten jetzt zwei Teams mit dem vollen Budgetdeckel bedienen, hätten vier Fahrer mit Siegchancen und im Vergleich zu jetzt immer noch Geld gespart.

Marko: Von der Theorie her betrachtet ein guter Plan, in der Praxis leider nicht durchführbar. Trotz aller Synergie wird Alpha Tauri immer hinten sein, weil wir von der Produktion gar nicht in der Lage sind, zwei Teams gleichzeitig zu bedienen. Mit der Reduktion des Personals wird das noch schwieriger. Red Bull ist aufgrund seiner technischen Ausrüstung in der Lage, Entwicklungsschritte viel schneller umzusetzen. Schon allein da ergibt sich ein Rückstand für Alpha Tauri. Wir haben mit zwei Teams gewisse Vorteile, aber die sind bei weitem nicht so groß, dass Alpha Tauri ein Siegerteam werden könnte.

Sie könnten aber überschüssiges Personal von Red Bull zu Alpha Tauri transferieren, falls dort noch Luft nach oben wäre.

Marko: Wir wollen ja auch Alpha Tauri zu einem profitablen Geschäft machen. Deshalb werden wir Alpha Tauris Dependance in England eher zurückfahren. Mittelfristig werden wir auch nur noch einen Windkanal haben. Priorität bei der Nutzung hat dann natürlich erst einmal Red Bull. Und dann gibt es da noch das Problem mit den beiden Standorten England und Italien. Der Engländer bewegt sich nicht so einfach von seiner Insel weg.

Was muss Alexander Albon in dieser Saison abliefern?

Marko: Er muss sich seinen Sitz verdienen.

Ihre Fahrer stehen also weiter unter Druck?

Marko: Bei den ersten Verhandlungen über die Durchführbarkeit der Rennen in Spielberg kam schon die Frage auf, wie das mit den Rahmenrennen aussieht. Wir haben uns dafür stark gemacht, dass die Formel 2 und Formel 3 fährt. Das ist für uns wichtiger als für die anderen. Wir setzen ja auf den Nachwuchs. Dazu brauchen wir ein Bild, wo die jungen Fahrer stehen. Wir sind in der Formel 2 mit zwei und in der Formel 3 mit drei Fahrern vertreten. Unsere Fahrerwahl für 2021 richtet sich danach, wer da schnell und würdig genug ist, aufzusteigen.

Werden wir Sebastian Vettel 2021 in der Formel 1 sehen?

Marko: Ich hoffe es für ihn. Es macht aber nur Sinn, wenn er einen Sitz in einem Topteam bekommt. Die Stuttgarter Freunde scheinen da eher ablehnend zu sein. Nach derzeitigem Stand gibt es bei uns keine Möglichkeit.

Und was, wenn sich Hamilton mit dem Gehalt verzockt? Kein Hersteller kann sich mehr leisten, 30 oder 40 Millionen Dollar für einen Fahrer auszugeben.

Marko: Dann zahlt es halt ein anderer. Petronas muss ja nur etwas weniger ans Team überweisen und die Differenz an Hamilton. Das bringt mich zum nächsten Thema. Es muss unbedingt eine Gehaltsbremse für Fahrer kommen. Die Teams, die sich jetzt freuen, dass sich die Autos angleichen werden, werden sich noch wundern. Umso wichtiger wird der Fahrer. Und umso teurer. Wir müssen da schnellst möglich etwas tun. Laufende Verträge müssen wir natürlich noch erfüllen.

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