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Focus Thron2 6.7 EQP im Test: SUV auf zwei Rädern

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 20.03.2020 Stefan Weißenborn

Das E-Mountainbike von Focus soll im Gelände genauso beglücken wie auf dem Weg ins Büro, es kommt deswegen mit üppiger Vollausstattung. Nur an einer Stelle hapert's, pardon, klappert's.

© Bereitgestellt von DER SPIEGEL

Der erste Eindruck: Ganz schön viele Teile dran montiert.

Das sagt der Hersteller: Die SUV-Mode hat die Fahrräder erfasst - was zuvor fürs Gelände bestimmt war, soll jetzt in die Stadt. Immer mehr Hersteller schreiben ihren Mountainbikes SUV-Eigenschaften zu. Über das Focus Thron² 6.7 EQP sagt Pressesprecher Arne Sudhoff: "Das ist unser Q7." Natürlich ohne die Nachteile: "Es ist nicht tonnenschwer und verschwendet keinen Platz."

Ein Leichtgewicht ist das Focus mit 25,4 Kilo allerdings auch nicht. Und noch eine Eigenschaft verbindet SUV und das Fahrrad mit dem komplizierten Namen: off- wie onroad soll das E-Bike gleichermaßen gut abschneiden und dabei auch noch komfortabel sein. "Es ist eine Mischung aus Sport- und Nutzfahrzeug", ergänzt Patrick Laprell aus der Marketing-Abteilung von Focus, als rede er tatsächlich über ein Auto. Mit justierbarem Fahrwerk, leistungsstarkem Motor und allerlei Anbauteilen.

Damit der Zwitter Touren über Stock und Stein genauso meistert wie Alltagswege zur Arbeit oder zum nächsten Supermarkt, sind gute Kompromisse gefragt. Dazu seien Rahmen und Radstand gegenüber sportlicher ausgelegten Trailbikes verkürzt, sagt Sudhoff. Dadurch sitze man aufrechter, gleichzeitig sei das Fahrrad wendiger. "Sie können immer noch jeden Trail damit runter fahren, aber auch pendeln, touren, reisen", schickt Sudhoff versichernd hinterher.

Ein Bike, das gleichzeitig als Pendlerrad taugen soll, muss natürlich für jede Wetterlage und für jede Laune von Ordnungshütern gewappnet sein. Deswegen trägt das Focus den Zusatz EQP im Namen, für equipped, vollausgestattet. Montiert sind Aluschutzbleche gegen Spritzwasser, Gepäckracks hinten nehmen Taschen auf.

Das ist uns aufgefallen: Ob der SUV-Vergleich verkaufsfördernd ist, muss sich erst noch herausstellen. Schließlich taugt "SUV" mittlerweile auch zum Schimpfwort. Fest steht: Gegenüber einem reinrassigen Sportgerät leidet der Coolnessfaktor. Denn vom Look eines nackten Mountainbikes bleibt angesichts der Vollausstattung nicht viel übrig.

Das macht aber nichts. Denn wie sich das Rad bewegen lässt, bereichert. Die erste Probefahrt führte vom Stadtrand ins Urbane, durch Parks, über Straßen, die in Berlin manchmal recht marode sind. Für das Thron² alles kein Problem. Als Fully, also vollgefedertes Bike, ist der Fahrkomfort groß. Der Rahmendämpfer taucht ein, taucht aus. Im Sattel auf und ab wippend gleitet man dahin - wenngleich gegenüber sportlich ambitionierteren MTBs eine simplere Federgabel verbaut ist, die nicht so weich anspricht wie Profi-Equipment.

Auf Waldwegen und über Matsch und Sand sowie auf mittelsteilen Trails erweist sich das SUV-Bike als begabt, aber nicht als die vom Hersteller gepriesene "Allzweckwaffe". Der nicht ganz so breite Lenker verspricht in der Stadt Wendigkeit, doch bedeutet im Gelände weniger Kontrolle über das Fahrgeschehen. Das reduzierte Profil lässt das Bike auf Asphalt ohne viel Rollwiderstand leise abrollen, doch offroad mangelt es spürbar an Grip, auf Matsch kamen wir schnell ins Schlingern. Das aufrechtere Sitzen nimmt etwas an sportlichem Elan, und eine versenkbare Sattelstütze, praktisches Feature moderner MTBs bei steilen Abfahrten, fehlt. Dafür ist ein Ständer an Bord, der über Stock und Stein allerdings irgendwann zu klappern anfing.

Andererseits steigern weitere Details den Komfort, den man schätzt, wenn es wieder zivil wird: Die Auflageflächen der Lenkergriffe sind breit wie bei einem Cityrad, der Sattel ist nicht so bretthart wie bei einem Race-MTB, sondern gepolstert.

Das muss man wissen: Die Parallelen gehen weiter, wie manches Auto-SUV ist auch das Focus übermotorisiert. In den Alurahmen eingepasst ist Boschs derzeit stärkster Mittelmotor Performance Line CX. So verfügt auch das EQP über brachiale 75 Newtonmeter Drehmoment. Eine Nummer schwächer täte es auch.

Im Turbo-Modus, der höchsten Motorstufe, ist man ruck-zuck auf den maximal unterstützten 25 km/h angelangt, was einem genauso schnell das Gefühl einer gewissen Unzulänglichkeit vermittelt - denn ab diesem Tempo lassen sich E-Bikes spürbar schwerer pedallieren, flotte Radler ziehen zuhauf vorbei. Es ist ein grundsätzliches Problem von E-Bikes, an dem Bosch allerdings gearbeitet hat: Der aktuelle Motor im Thron² besitzt bereits eine geringere interne Übersetzung.

Im Unterrohr des Alurahmens sitzt der Akku. Er bietet standardmäßig einen Energiegehalt von gut 500 Wattstunden. Auf unserer Fahrten bei Außentemperaturen von rund 5 Grad Celsius zeigte das Display am Lenker im Eco-Modus, der untersten Unterstützungsstufe, über 120 Kilometer Reichweite an. Jedoch verwirren die Angaben schnell: Denn ist die Batterie noch nicht warm gefahren, liegen die Werte etwa bei der Hälfte. Das führte auf unserer 60-Kilometer-Ausfahrt dazu, dass die Reichweite zu Beginn und später bei der Ankunft laut Display jeweils bei rund 60 Kilometern lag.

Verlässlicher sind die Bosch-Angaben zur Ladezeit. Einmal leer gefahren, ist der Akku an der Haushaltssteckdose in rund 4,5 Stunden wieder voll, mit Fast Charger sogar in nur 3 Stunden - auch das ist mittleres E-SUV-Niveau.

Das werden wir nicht vergessen: An Bord unseres Testrads war fast alles, was dem Rad die Straßenzulassung beschert, Reflektoren und eine Lichtanlage. Nur die Klingel hat man offenbar vergessen, was auch Marketing-Mitarbeiter Laprell verwundert. Vielleicht bessert der Hersteller hier noch nach. 

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