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Mit diesem Bausatz fährt auch ihr Auto autonom

DIE WELT-Logo DIE WELT 14.11.2017
George Hotz in seiner Garage in San Francisco: Mit diesem Bausatz fährt auch ihr Auto autonom © Peter Bohler/Redux/laif Mit diesem Bausatz fährt auch ihr Auto autonom

George Hotz hat seinen Honda zum selbstfahrenden Auto umgerüstet – in der eigenen Garage. Nun bringt der junge kalifornische Hacker seine Technologie als Bausatz unters Volk. Für knapp 700 Dollar.

Es ist nicht so, dass George Hotz Autohersteller und IT-Firmen daran hindern möchte, sich mit der Entwicklung von selbstfahrenden Autos zu beschäftigen. Er will es ihnen nur nicht gänzlich überlassen. In seinen Augen sind die großen Unternehmen zu langsam, zu schwerfällig und zu teuer; er ist davon überzeugt, dass er das besser, schneller und billiger hinbekommt.

"Es ist nicht schwer, die Industrie zu schlagen. Die Autobauer sind nicht besonders gut im Schreiben von Software." 2017 hat der Programmierer aus San Francisco in seiner Garage einen handelsüblichen Honda zu einem Fahrzeug aufgerüstet, das in der Lage ist, sich über weite Strecken eigenständig durch den Verkehr zu bewegen. Er brauchte dazu nicht viel mehr als ein Kabel, ein bisschen Klebeband und eine Handvoll billiger Kameras.

Beim Web Summit in Lissabon, wo an die 60.000 Delegierte aus der IT-Welt nach dem nächsten großen Ding suchen, hat Hotz nun ein System vorgestellt, mit dem man einen gewöhnlichen Wagen durch ein paar gezielte Eingriffe in eine Art Guerilla-Version des selbstfahrenden Autos verwandeln kann.

Die Hardware, die man dazu benötigt, ist kaum größer als ein Rückspiegel und passt an jede Windschutzscheibe. Hotz hat sie ebenfalls in seiner Garage zusammengeschraubt. Es handelt sich um ein umgebautes Smartphone mit einer integrierten Leiterplatte und einer belüfteten Halterung.

Ein Tesla kostet über 70.000 Dollar, Eon knapp 700 Dollar

Das robuste Gerät nennt sich Eon und wird als neuartige Kombination aus Dashcam, Navigationssystem und Musikbox beworben. "Eon ist nicht dazu gemacht, ein Auto zu steuern", sagt Hotz und grinst. Auf seiner Firmenwebsite, über die man das Gerät beziehen kann, findet sich ein ähnlicher Sicherheitshinweis.

Es ist allerdings nicht besonders schwer, den Apparat so zu manipulieren, dass er sehr wohl ein Auto steuern kann. Man muss nur eine frei verfügbare Software namens Openpilot installieren, die Hotz mit seinem zwölfköpfigen Team auf Android-Basis entwickelt hat, und ihn mithilfe von speziellen Adaptern, die auf seiner Webseite angeboten werden, an die Schnittstellen im Auto anschließen, über die sich Fahrfunktionen von der Lenkung bis zu den Bremsen ansteuern lassen.

Auch wenn die Autohersteller derartige Eingriffe nicht vorsehen, sind damit halbautomatische Fahrten auf dem Niveau des Autopiloten von Tesla möglich – mit dem Unterschied, dass ein Model S von Tesla über 70.000 Euro kostet, während Eon für unter 700 Dollar zu haben ist.

Um zu belegen, wie reibungslos sein System funktioniert, klappt Hotz sein Laptop auf und zeigt einen Zusammenschnitt einer ganzen Reihe von Fahrten über amerikanische Straßen. Das Video ist aus der Fahrerperspektive aufgenommen, doch man sieht keine Hände am Lenkrad, es scheint sich ganz von allein zu bewegen.

In der IT-Welt ist George Hotz schon in jungen Jahren zu einer beachtlichen Prominenz gelangt, weil er der Erste war, der es geschafft hat, die vom Hersteller eingebauten Sperren zu überwinden und den SIM-Lock des iPhones zu knacken – ein sogenannter Jailbreak. Mit der PlayStation 3 ist ihm das auch gelungen. Das gab Ärger mit Sony, der Hersteller verklagte ihn wegen Urheberrechtsverletzung.

George Hotz war damals noch keine 20 Jahre alt, ein antiautoritäres Tech-Wunderkind voller Neugier, Ungeduld und Zweifel, selbstbewusst bis an den Rand der Arroganz und darüber hinaus. Jemand, der glaubt, dass die Spielregeln für ihn nicht gelten.

Vor etwas mehr als zwei Jahren hat er angefangen, sich mit der komplexen Technologie zu beschäftigen, die in modernen Autos steckt. "Autos entwickeln sich mehr und mehr zu Software auf Rädern", sagt Hotz. "Das ist eine interessante Aufgabe für jeden Programmierer."

Er habe den Auftrag bekommen, ein optisches Sensorensystem für Tesla zu entwickeln, daraus sei dann zwar nichts geworden, aber seine Neugier war geweckt. "Nach drei Monaten Vorbereitung habe ich gemerkt, dass ich das auch allein hinkriegen kann."

"Der Weg zum selbstfahrenden Auto ist eine Reise"

Rasch kündigte er ein Gerät namens comma one an, das ausdrücklich dazu bestimmt war, Autos das Selberfahren beizubringen. Die für die Verkehrssicherheit auf amerikanischen Straßen zuständige Behörde NHTSA schaltete sich ein und verlangte, dass das Gerät erst einmal eingehend getestet wird, bevor es auf öffentlichen Straßen zum Einsatz kommt. Hotz zog es daraufhin zurück und ließ verlauten, dass er Besseres zu tun habe, als sich mit Regulierungsbehörden auseinanderzusetzen.

Einer wie er lässt sich nicht so leicht kleinkriegen. Hardware und Software werden nun auf getrennten Wegen verbreitet. Was die User damit machen, sei allein ihre Sache. "Wir werden sie nicht aufhalten", sagt Hotz. "Der Weg zum selbstfahrenden Auto ist eine Reise, die aus vielen kleinen Schritten besteht."

Die derzeitigen technischen Möglichkeiten seines Systems vergleicht Hotz mit einem Tempomat auf Steroiden. Es erlaubt Fahrten auf dem Autonomielevel 2; das bedeutet, dass das Auto alleine beschleunigen, verlangsamen und die Spur halten kann. Der Fahrer muss aber jederzeit dazu bereit sein, das Steuer zu übernehmen.

Um Unfälle zu vermeiden, muss er sich spätestens alle sechs Minuten per Knopfdruck bemerkbar machen, sonst kommt der Wagen automatisch zum Stehen. Über die Kamerafunktion wird jeder gefahrene Kilometer aufgezeichnet, abgespeichert und analysiert. "Jedes Mal, wenn das System einen Fehler macht, können wir daraus lernen."

Darüber hinaus wird das System mit den Fahrdaten gefüttert, die von den Nutzer einer separaten Dashcam-App via Cloud zur Verfügung gestellt werden. Über 3,5 Millionen gefahrene Kilometer hat Hotz auf diese Weise schon gesammelt. Das Auswerten dieser Datenmengen dient dem Ziel, dem lernfähigen System ein möglichst menschliches Fahrverhalten beizubringen. "Auto fahren ist wie tanzen", sagt Hotz. "Man braucht jede Menge Training, um es wirklich zu beherrschen. Das gilt für Menschen und Maschinen."

Der Einsatz seiner Technologie ist bislang auf bestimmte neuere Modelle von Honda und Toyota beschränkt. "Wir haben uns angeschaut, welche Autos in USA am weitesten verbreitet sind. Da sind wir schnell bei den japanischen Herstellern gelandet."

Anders als die NHTSA macht George Hotz sich keine Sorgen über die Verkehrssicherheit seiner Erfindung. "Die Leute haben doch schon immer an ihren Autos herumgebastelt. Was soll daran auf einmal verkehrt sein?" Natürlich müssten die Nutzer des Systems sehr verantwortungsvoll agieren, aber das müsse doch jeder, der sich ans Steuer eines Autos setze.

Die Fachwelt ist gespalten, was die Idee betrifft, ein Auto von einem umgebauten Smartphone steuern zu lassen. Manche halten Hotz für einen Scharlatan, andere bescheinigen ihm durchaus Potenzial. Wolfgang Gruel, der sich als Professor an der Hochschule für Medien in Stuttgart mit Mobilitätsthemen wie dem Übergang zum autonomen Fahren beschäftigt, findet die Idee gar nicht so abwegig. "Ich habe allerdings meine Zweifel, ob ein solches System zum Nachrüsten auch für den Alltagsgebrauch taugen kann."

"Als würde man Mitglied in einem coolen Club werden"

Doch auch wenn seine Firma sich den Slogan "Ghost Riding For The Masses" auf die Fahnen geschrieben hat, scheint Hotz nicht unbedingt darauf aus zu sein, tatsächlich die Massen zu mobilisieren. Sein System richtet sich vor allem an eine überschaubare Community von Nerds und Spezialisten, die ihm dabei helfen, die Software weiterzuentwickeln.

Etwa 150 Personen verwenden die Openpilot-Software in ihren Fahrzeugen, das Einsatzgebiet ist weitgehend auf die USA und Kanada begrenzt. "Ich mache keinerlei Werbung", sagt Hotz. "Es ist eher so, als würde man Mitglied in einem coolen Club werden."

Mit so einer exklusiven Zielgruppe kann man kaum reich werden. Aber was auch immer George Hotz dazu bewegt, die Autoindustrie herauszufordern, es geht ihm offensichtlich nicht darum, mit seiner Idee möglichst viel Geld zu verdienen. "Geld? Was soll ich denn mit Geld?", fragt er. "Mir eine Yacht kaufen? Ich mag überhaupt keine Yachten."

Eher scheint es der die sportliche Herausforderung zu sein, die ihn antreibt. Hotz will beweisen, dass er mit einem kleinen, unabhängigen Team einen Milliardenkonzern wie Google besiegen kann. "Ich stehe morgens auf und fühle mich gut", sagt er. "Denn ich bin mir sicher, dass wir gewinnen werden."

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