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Neue Power Unit nur halb so teuer - Binotto fordert billigeren Motor

auto motor und sport-Logo auto motor und sport 27.11.2020 Andreas Haupt
© F1/FIA

Es sind entscheidende Wochen und Monate für die Formel 1. Es geht um die mittelfristige Motoren-Zukunft zwischen 2022 und 2024 und die Neuordnung der Power Unit ab 2025. Nach Hondas Rückzugsgesuch am Ende der nächsten Saison geriet die Königsklasse des Motorsports unter Druck. Red Bull will seinen Status als Werksteam nicht aufgeben und lieber den Honda-Sechszylinder in Eigenregie weiter betreiben, statt wieder zu Renault-Motoren zurück zu kehren, die das Reglement dem Team automatisch zuweisen würde.

Dafür allerdings braucht es einen Entwicklungsstopp auf der Antriebsseite, den Mercedes sofort akzeptierte, doch sowohl Renault als auch Ferrari anfangs ablehnten. Inzwischen sind sich die Motorenhersteller, FIA und Liberty Media näher gekommen. Ein Entwicklungsstopp soll kommen. Allerdings nicht Ende 2021, sondern erst 2022, was den Herstellern eine zweite Entwicklungsschleife zugestehen würde. Nach dieser Saison und nach der nächsten.

Ferrari stimmt zu

Ferraris Teamchef Mattia Binotto bestätigte vor dem GP Bahrain, dass sich die Italiener nicht mehr querstellen werden. "Wir verstehen Red Bulls Position. Wir hatten in den letzten Tagen viele Gespräche mit der Formel 1 und der FIA. Es ist nicht das erste Mal, dass Ferrari verantwortungsbewusst handelt und sich in den Dienst des Sports stellt. Wir unterstützen einen Entwicklungsstopp, wenn die Motoren vorher auf ein ähnliches Niveau gebracht werden und die neue Power Unit von 2026 auf 2025 vorgezogen wird."

So einfach ist die Angleichung der Motoren allerdings nicht. Sollten die Leistungsunterschiede zwischen den Herstellern 2022 noch zu groß sein, müssten die Regelhüter eingreifen. "Die einfachste Lösung wäre es, über den Benzindurchfluss gegenzusteuern", meint Binotto. Das ist einer der Vorschläge, der auf dem Tisch liegt. Aktuell dürfen die Motoren nur 100 Kilogramm pro Stunde einspritzen. Man könnte den Benzin-Durchfluss für diejenigen Hersteller erhöhen, die ein Leistungs-Defizit haben. Jedoch wäre das nichts anders als eine Balance of Performance, wie man sie aus dem GT-Rennsport kennt. Auch wenn Binotto das anders sieht.

Und dann gibt es noch ein Problem. 2022 will die Formel 1 dem Benzin einen Anteil von 10 Prozent an E10 beimischen. "Das verlangt einen großen Eingriff beim Motor", sagt Binotto. Und das wiederum könnte zu größeren Leistungsunterschieden führen. Es gibt also noch Klärungsbedarf.

Neue Motor-Architektur muss Mitte 2021 stehen

Einen weiteren großen Pferdefuß hätte ein Entwicklungsstopp und das Zugeständnis an Red Bull noch. Die Formel 1 müsste die Einführung von CO2-neutralem Kraftstoff aufschieben. Die war eigentlich für 2023 eingeplant. Doch dafür wären größere Umbauten am Sechszylinder-Turbo nötig. Das könnte Red Bull nicht in Eigenregie machen. Die Formel 1 steckt in einer Zwickmühle. Es würde nur helfen, die neue Power Unit nicht nur um ein Jahr vorzuziehen, sondern bereits auf 2023. Zusammen mit einem vereinfachten Konzept, synthetischem Benzin und einem abgespeckten Hybridsystem. Dagegen sperren sich offenbar die Hersteller. Ein CO2-neutraler Antriebsstrang wird zwar für 2025 ganz oben auf die Agenda gesetzt. Doch das sind zwei Jahre länger, in denen der Formel 1 Ungemach durch Umweltaktivisten droht.

Die Formel 1 könnte sich mit dem Aufschub ein Eigentor schießen. Eine zeitige Einführung synthetischer Kraftstoffe würde sie auf einen Schlag von sämtlichen Debatten befreien. Dafür könnte man auch einen Leistungsverlust verschmerzen. Die Königsklasse des Motorsports wäre schnell der große Antreiber für CO2-neutrale Verbrennungsmotoren. Das wäre echte Serienrelevanz, die die Hersteller in der Öffentlichkeit tatsächlich verkaufen könnten. Und nicht eine MGU-H, die bis heute nur die Entwicklunsgingenieure bis ins kleinste Detail verstehen und in keinem Straßenauto verbaut ist.

Stattdessen debattiert man, den Elektroanteil mit der neuen Antriebsgeneration auf 60 Prozent aufzustocken, was die Autos noch schwerer machen würde, als sie es ohnehin schon sind. Aktuell 746 Kilogramm inklusive Fahrer. Unter dem Mehrgewicht leidet wiederum die Effizienz. Mehr Gewicht bedeutet einen höheren Aufwand beim Bremsen und beim Beschleunigen. Doch die Hersteller pushen für eine Art "Super-Hybrid". Die Architektur dafür müsse spätestens bis Mitte 2021 stehen, fordert Ferraris Teamchef. Damit ausreichend Entwicklungszeit bleibt. Für die aktuellen Hersteller in der Formel 1, aber auch potenzielle Interessenten.

Im Vergleich zur letzten Motoren-Revolution 2014 dürfen die Kosten nicht ausufern. Diesen Fehler will die Formel 1 kein zweites Mal machen. Binotto fordert. "Der neue Motor muss um die Hälfte billiger sein als der aktuelle." Seit 2014 hat jeder Hersteller praktisch für jede Saison einen neuen Motor gebaut. Zusammen mit den anfänglichen Entwicklungskosten haben Mercedes, Renault, Honda und Ferrari locker die Milliarden-Grenze gesprengt. Für die leistungsstärksten Antriebe der Formel 1-Geschichte mit 1.000 PS, die allerdings beim normalen Fan nie wirklich ankamen. Noch heute lehnen viele die Hybrid-Monster ab. Die Hersteller haben es verschlafen, ihre Wunderwerke richtig ins Schaufenster zu stellen.

Mehr Zeit für Budgetdeckel

Am Donnerstag vor dem GP Bahrain sprach Ferraris Capo noch ein weiteres Thema an, das die großen Teams umtreibt. Der Personalabbau mit Hinblick auf den Budgetdeckel von 145 Millionen Dollar, der ab der nächsten Saison greift. Das Regelwerk gestattet den Teams, die Mitarbeiter abbauen oder in andere Projekte verlagern müssen, eine Übergangsphase von einem halben Jahr. Und sechs Millionen Dollar für Abfindungen. Die Rede ist von Mercedes, Ferrari, Red Bull, Renault und McLaren, die alle mehr oder weniger in ihrer Mannschaftsstärke schrumpfen müssen, um unter den Budgetdeckel zu passen.

Ferraris Rennleiter plädiert dafür, die Übergangszeit auszudehnen. Am liebsten bis Ende 2021. Anlass ist die Corona-Krise. "Wir können zwar Mitarbeiter in unsere Abteilung für Straßensportwagen ausgliedern. Aber nicht alle. Es wäre zu diesem Zeitpunkt das falsche Signal, Mitarbeiter vor die Tür zu setzen. Corona wird uns noch im nächsten Jahr beschäftigen. Die Welt befindet sich immer noch in einer Notlage. Wir müssen deshalb sozial verantwortlich handeln. Wir sollten darüber sprechen, die Übergangszeit von einem halben Jahr zu verlängern", sagt Binotto.

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