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Neuer Opel Corsa im Test: Kleinwagen mit Technik wie ein Großer

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 03.01.2020 Stefan Jacobs

Der Opel Corsa ist nicht nur optisch neu, sondern trumpft auch technisch und mit seiner Qualität auf. Perfekt ist er trotzdem nicht.

Der Corsa ist nicht nur optisch ganz neu, sondern auch technisch. © Foto: Stefan Jacobs Der Corsa ist nicht nur optisch ganz neu, sondern auch technisch.

Volljährig ist der Opel Corsa schon längst: Die Urversion erblickte schon 1982 – dem Jahr, als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde – das Licht der Autowelt. Jetzt, in der sechsten Version, scheint der Corsa auch erwachsen. Diesen Eindruck vermittelt nicht nur die stämmige Optik des scharf konturierten Blechkleides. Er resultiert auch aus den geänderten Proportionen: eine Idee länger (4,05 Meter) als zuvor, einen Tick breiter (1,77 Meter) und flacher (1,44 Meter). Vor allem aber fühlt sich der Corsa erwachsen an: Die serienmäßigen vier Türen fallen premiumgemäß satt zu, die Materialien im Innenraum wirken hochwertig bis hin zur letzten Taste.

Im Testwagen in der üppig ausgestatteten Version „Elegance“ verstärken die Extras an Bord dieses Gefühl noch: Der Fahrersitz ist elektrisch verstellbar und hat eine Massagefunktion, aus den Scheinwerfern blitzt LED-Licht mit Matrixfunktion für situationsabhängiges Fernlicht. Das Lederlenkrad ist beheizbar, das Gestühl sowieso, der Touchscreen für Navi und Radio ist groß und hochauflösend, die Parkbremse wird elektronisch gelöst, der Motor per Knopfdruck gestartet. Soweit, so nobel.

Mit der Starttaste wird ein 1,2 Liter großer Dreizylindermotor zum Leben erweckt, den es mit 75, 100 oder 130 PS gibt. Letzterer wird stets mit einer Achtgangautomatik kombiniert, der Testwagen hat 100 PS mit Sechsgang-Schaltgetriebe an Bord. Das will reichlich gerührt werden, denn der kleine Motor ist keiner von denen, mit denen man in der Stadt locker im dritten Gang abbiegt und außerorts alles im sechsten abwickelt. Aber wenn die Drehzahl passt, ist genug Kraft für richtig flottes Beschleunigen vorhanden. Das ist zwar mit deutlichem Knurren verbunden, aber wenn das Reisetempo erreicht ist, herrscht angenehme Ruhe an Bord. Das gilt sowohl auf innerörtlichen Rumpelstraßen, die von der gut ausgewogenen Federung angenehm geglättet und von den gut verarbeiteten Materialien knisterfrei hingenommen werden, als auch auf flotten Autobahnfahrten, bei denen Wind- und Rollgeräusche erst weit jenseits von Tempo 130 so zunehmen, dass es anstrengt.

Anstrengend sind manchmal eher die Assistenzsysteme, die zwar nahezu vollzählig an Bord, aber teilweise eben noch nicht ausgereift sind. Das gilt nicht nur für den Corsa, aber in ihm lässt es sich erleben: Da behauptet die Verkehrszeichenerkennung am Ende einer 30er-Zone innerorts, dass jetzt Tempo 50 gilt, oder meldet in einer Autobahnbaustelle Tempo 20. Da schiebt einen der Spurhalteassistent so nachdrücklich vom rechten Landstraßenrand Richtung Mitte, dass man dem Gegenverkehr näher kommt als gewollt. Da verweigert der Tempo-Assistent tagsüber auf trockener Autobahn immer wieder den Dienst wegen angeblich ungeeigneter Bedingungen. Alles nicht dramatisch, aber eben auch nicht wirklich überzeugend. Inwieweit Fußgängererkennung und Notbremsassistent funktionieren, ließ sich mangels freiwilliger Unfallgegner nicht ermitteln.

Eine beeindruckende Vorstellung liefert dafür der Parkassistent ab, der den Corsa nach Wahl längs oder quer, rechts oder links einparken lässt. Man fährt nach Anweisung vor und zurück, das Lenkrad dreht sich von selbst – und am Ende steht man ganz präzise in der Lücke, aus der einem das Auto dann übrigens auch wieder heraushilft. Routiniers mögen diese Kür in Eigenregie mindestens ebenso schnell erledigen, aber angesichts der mäßigen Übersicht schadet dieses Gimmick ebenso wenig wie die optionale Rückfahrkamera.

Die sonstige Bedienung wird über eine sinnvolle Mischung aus Touchscreen, Tasten und Sprachsteuerung erledigt, wobei Letztere keine Smalltalk-Qualitäten hat, sondern präzise Ansagen braucht. Die Instrumente sind je nach Version analog oder digital – und Geschmackssache. Subjektiv sind die klassischen Skalen nicht nur ansehnlicher, sondern auch intuitiver verständlich als die Kombination aus angezeigten Tempoziffern und der Drehzahl als liegendem Balkendiagramm.

Ansonsten sitzt man vorn passabel auf durchschnittlich konturierten Sitzen mit genug Platz in allen Richtungen, während es in der zweiten Reihe enger zugeht. Große Leute müssen sich entscheiden, ob sie lieber mit dem Kopf den Dachhimmel touchieren oder mit den Knien den Vordersitz. Offenbar will der Corsa gar kein Familienauto sein, denn hinten gibt es nicht mal eine Deckenleuchte – was lästig ist, wenn man auf dem dunklen Parkplatz ein  Kind anschnallen oder Kleinkram von der Rückbank nehmen will.

Der Kofferraum geht mit 309 Litern, ebenem Boden und ohne nacktes Blech in Ordnung, wobei die darunter liegende Ersatzradmulde ohne serienmäßiges Ersatzrad Platzverschwendung ist. Und Freizeitspediteure werden die hohe Stufe verfluchen, die beim Umklappen der Rücksitzlehnen bleibt.

Ein Highlight im Wortsinn ist das LED-Matrixlicht, das in Kombination mit der Fernlichtautomatik die Fahrbahnränder enorm großflächig ausleuchtet und dabei vorausfahrende oder entgegenkommende Verkehrsteilnehmer passgenau ausblendet. Das ist beeindruckend, aber man mag lieber nicht über die Frage nachdenken, wie es beispielsweise entgegenkommenden Fußgängern oder Radfahrern auf einem links der Straße verlaufenden Zweirichtungsweg ergeht, die die Bordkamera vermutlich nicht so leicht ortet wie die Scheinwerfer entgegenkommender Autos. Spontanes Abblenden ist jedenfalls nicht vorgesehen.

Laut dem alten NEFZ-Testzyklus soll der 100-PS-Corsa mit 4,3 Litern Super 100 Kilometer weit kommen. Im aktuellen WLTP-Verfahren sind es 5,4 bis 5,9 Liter – und in der Praxis der gut 1000 bei mildem Winterwetter gefahrenen Testkilometer waren es fünf Liter im Landstraßenbetrieb, knapp sechs auf der Autobahn um Tempo 130 und reichlich sechs in defensiv gefahrenem Stadtverkehr. Wobei die Start-Stop-Automatik nur in den seltensten Fällen geeignete Bedingungen erkannte, um den Motor vor roten Ampeln wirklich abzuschalten.

Als Fazit bleibt, dass der Corsa ein sehr solides, aber für keinen Einsatzzweck perfektes Auto geworden ist. Die Achtgangautomatik dürfte die attraktivere Alternative zum Schaltgetriebe sein, auch wenn sie – laut Datenblatt – den Verbrauch um mindestens 0,3 Liter erhöht. Letztlich entscheidet gerade in dieser Fahrzeugklasse auch die Frage, wie viel man sich leisten will und kann. Kurzer Blick in die Preisliste: Bei 13.990 Euro geht’s mit der Basisversion los, die dann 75 PS und das Nötigste einschließlich der meisten Sicherheitsassistenten, aber noch keine Klimaanlage an Bord hat. Der „Elegance“ mit 100 PS und Automatik kostet mindestens 21.390 Euro. Mit allen Extras robbt man sich in die Nähe der 30.000 Euro, aber man kann sich auch auf LED-Licht (+700), Navi (+800) und Klimaautomatik (+310) beschränken und landet dann bei gut 23.000 Euro. Oder man möchte den Corsa ganz zeitgemäß – und kauft gleich die vollelektrische Variante, die ab 29.900 Euro zu bekommen ist.

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